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Die Welt · 1905-05-19 · 20 (19.5.1905) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 20 „bie W^lt" Seite 11 den nichts weniger denn als „willkommene" Einwanderer bezeichnet werden können. Der jüdische Arbeiter aber, der arbeitsfreudig englischen Boden betreten will und mit seiner angeborenen Intelligenz und seinen nationalen Togenden dem ihm aufnehmenden Volke Nutzen bringen könnte, er wird zurückgewiesen, weil unter dem Drucke grimmiger Not seine Ansprüche an das Leben geringer sind als die des über die Aufnahme entscheidenden Beamten. Es ist nur begreiflich, dass man sich in jüdischen Kreisen sehr lebhaft mit dieser Frage befasst. Am Montag fand hier eine Versammlung der dem Parlament angehörenden jüdischen Abgeordneten statt, der Herr D. L. Alexander präsidierte. Man beriet über die Wege und Mittel, die zu ergreifen seien, um eine für die Juden möglichst günstige Fassung des Entwurfes zu erwirken. Sir Samuel M o ntagu sagte, England müsse ängstlich darauf bedacht sein, die fest an ihrem Glauben Haltenden, für ihn Kämpfenden und wegen Verfolgung ihrer Religion aus der Heimat Flüchtenden zu ehren, anstatt ihnen solche vorzuziehen, denen Glaubens Wechsel ein Leichtes sei. Herr M. Cohen bezeichnete es nicht als opportun, wenn von jüdischer Seite bestimmte Amendements gefordert würden, weil man dadurch der Entscheidung des Hauses präjudiziere und es von vornherein ungünstig gegen das gewünschte Amendement stimme. (!) Nachdem noch andere Redner gesprochen hatten, kam man zu dem Beschluss, einheitlich die Forderung solcher Abänderungen des Entwurfes aufzustellen, die der Alienbill die empfindlichsten Schärfen zu nehmen vermöchten. In jüdischen Arbeiterkreisen ist der gegen die Alienbili angeschlagene Ton begreiflicherweise ein etwas schärferer. Die jüdischen Proletarier sind die in erster Linie Betroffenen und es entsprach nur dem allgemeinen Empfinden, dass der jüdische Arbeiterklub für Donnerstag den 17. d. M. ein Massenmeeting einberief. Ehrensekretär dieser Organisation ist bekanntlich Herr L. J. Greenberg, und um dem Meeting eine grössere Wirkung nach aussen zu geben, wurden die hervorragendsten Repräsentanten der englischen Judenheit gebeten, auf dem Meeting zu erscheinen. Am Samstag fand eine Versammlung von Londoner Zionisten statt, auf der 13 zionistische Vereine vertreten waren; im ganzen nahmen 110 Personen teil. Den Vorsitz führten die Herren Morris Wo olf und Dr. S a 1 k i n d. Nach längerer Debatte wurden die folgenden Resolutionen angenommen: 1. Die Konferenz erklärt, auf der Basis des Baseler Programms zu stehen und halt fest an dem politischen Charakter des Zionismus, wie ihn Dr. Herzl begründete. Es wird festgehalten an der Autorität des Kongresses, der allein berechtigt ist, zu entscheiden über das Ostafrikaprojekt als auch über jede andere wichtige zionistische Präge. Es wird protestiert gegen die Versuche, den Zionismus zu zersplittern durch die Begründung von Organisationen, deren Tendenz dahin gerichtet ist, den Entscheidungen des Kongresses vorzugreifen. 2. Die Konferenz beschliesst, dass die auf ihr vertretenen Vereine nur solche Delegierte für den Kongress wählen werden, die bereit sind, die Postulate des politischen Zionismus zu vertreten, jenen gegenüber, die an eine Kolonisation Palästinas ohne politische Garantien denken. Eine Sonntagsbill. Demnächst wird im englischen Parlament ein von. Lord A vebury(früheir Sir John Lubbockiunterbreiteter Gesetzentwurf zur' Verhandlung gelangen, der für einen Teil der englischen Judenheit von grösster Bedeutung ist. 'Bisher konnten, nämlicli in diem von Juden bewohnten „Petticoad Lane" benannten Stadtteil im Osten Londons die indischen Händler und Trödler, die am Samstag geschlossen hatten, am Sonntag ihre Waren feilhalten. Der Gesetzentwurf des Lord Avebury will dies in. Zukunft unmöglich machen., weil durch diese Durchbrechung der Sonntagsruhe nicht nur das religiöse Empfinden der Engländer, 'sondern auch das geschäftliche Interesse der ■englischen Geschäftswelt verletzt würde. Falls der Entwurf Gesetzeskraft bekäme, würde ein grosser Teil der jüdischen Geschäftsleute des Fast End dem Ruin, verfallen, da der Sonntagsmarkt die Hauptquelle ihrer Einnahmen bildet, abgesehen davon, dass die meisten' dieser Geschäftsleute trotzdem auch am Samstag geschlossen halten würden. Um zu dem geplanten Gesetz Stellung zu nehmen, berief 'dieenglische Strassenverkäuferunion ein öffentliches Meeting ein. Es wurde gegen die Tendenzen des neuen Gesetzes protestiert und eine entsprechende Resolution gefasst, die von Lord Rothschild im Parlament in Form einer Petiiton eingebracht werd.cn wird. Der „Jewish Comment" -meint in Besprechung dieser Frage sehr -richtig, dass diese Angelegenheit ein sehr schwieriges Problem darstelle — eines der schier unlösbaren Probleme der Diaspora. 'Denn1 so verständlich auch der auf strenge Einhaltung der Sonntagsruhe achtende Standpunkt der Engländer sei, so bedeute seine konsequente Durchführung doch eine grosse Schädigung der durch ihre Religion an die Feier des Sabbat gebundenen Juden. Ein besseres Argument für die Richtigkeit zionistischer Theorien als dieser Gesetzentwurf kann nicht leicht gefunden werden. Ein gemassregelter Staatsanwalt. Die Tätigkeit unserer Gesinnungsgenossen in Südafrika und vornehmlich des Präsidenten der Federation Mr. S. G o 1 d r e i c h zugunsten der südafrikanischen Juden ist hinlänglich in rühmlicher Weise bekannt. Sie erstrecken ihren Einfluss auf das gesamte jüdische Leben des Landes. Als Illustration diene folgende Tatsache: In einem südafrikanischen Orte, in Boksburg, trat der Staatsanwalt Ellershaw in einem Prozesse gegen einen Juden Samuel Guttenberg als öffentlicher Ankläger nicht nur der genannten Einzelperson, sondern des gesamten jüdischen Volkes auf. Nach der Art aller Antisemiten versuchte er den Fall des genannten Angeklagten', der nicht besonders fair war, auf das jüdische Volk zu wälzen und schimpfte in der unflätigsten Weise auf Juden und Judentum. Als die Tatsache der S. A. Z. Föderation bekannt wurde, schickte sie an den Attorney-General in Pretoria einen Protest dagegen und verlangte die Massregelung des Staatsanwaltes von Boksburg. Dv3r Protest der von Mr. Goldreich gezeichnet war, hatte seine Folgen. Der antisemitische Staatsanwalt versuchte, Entschuldigungen vorzubringen, musste jedoch endlich seinen Posten verlassen. Er soll sogar deshalb auch das Land verlassen haben. Die Ansiedlung jüdischer Ackerbauer in Nordamerika. Der kürzlich veröffentlichte Jahresbericht der Jewish Agricultural Aid Society" teilt mit, dass die Oesellschaft während ihrer vierjährigen Wirksamkeit nicht weniger als 1095 jüdischen Kolonisten, zur Selbständigkeit verholten hat. Dieselben besitzen 105 747 Acres 'Land, das einschliesslich der Gebäude und des beweglichen Inventars einen Wert von 2 150 000 Dollars repräsentiert. Gleichzeitig besitzt die Gesellschaft eine Abteilung Rem oval Office, welche sich die undankbare Aufgabe gestellt hat, das New Yorker Ghetto zu sprengen. Dieselbe hat im Berichtsjahre 6023 Juden zu bewegen gewusst, New York zu verlassen und sich in den Zentralstaaten anzusiedeln. 5 Prozent von diesen sind bereits nach New York zurückgekehrt. Die Juden, in New York. Laut 'einer von einer Vereinigung christlicher Geistlichen unternommenen privaten Volkszählung leben zur Zeit in New York gegen 675 000 Juden. Kür die religiösen Bedürfnisse dieser noch zum grössten Teile konservativen jüdischen Bevölkerung dienen 280 Synagogen und Bethäuser, von denen 70 in eigenen Gebäuden initergebmeht sind. Dazu kommt noch eine grosse, nicht kontrollierbare Zahl von provisorischen Bethäusern. Ein jüdischer Kriegsveteran. Auf Ullis Island, dein Haien von New York, wo während der letzten Monate tausende von indischen Ein wände rem eintrafen, die die alte Heimat verliessen, erregte ein Ankömmling Aufsehen, der nicht weniger als sechs Kriegs- und Tapferkeitsmedaillen auf der Brust trug. Der mit den vielen Abzeichen Dekorierte war Elias Leiser, ein Jude, der unter britischer Flagge in drei Weltteilen gedient hat. Leiser traf im Zwischendeck der „OceaniC4 ein und begab sich zunächst nach dem jüdischen hnniigranteuheini, 4<>2 Cherry Str. Der 42jährige Mann ist in Manchester in Enghud geboren. Schon sein Vater war in Amerika, und auch v.v fand, wie der Sohn nach ihm, am Kriegshandwerk Gefallen. Ldser senior machte, wie der Sohn durch dokumentarische Belege bewies, vor mehr als einem halben Jahrhundert den Krieg gegen Mexiko mit. Die eine der Medaillen, die Llias Leiser nur der Brust trägt, ist ein prächtiges goldenes Kreuz -mit einem Diamanten in der Mitte. Das- Kreuz trägt die Aufschrift: „bor Bravery, Khnberley". Während des Krieges in Transvaal holte Leiser die Leiche seines Regiments-Obersten aus dem dichtesten Kugelregen heraus. Der Held wurde dabei von nicht weniger als fünf Kugeln getroffen. Auch in Indien bat Lciser schweren und gefahrvollen Dienst gesehen. „Ich war keineswegs der einzige Jude," erklärte er. „Bei unserem .Truppenkörper waren es fünfzehn Mann, die am Versöhnungstage sich zum Gottesdienste vereinigten. Am nächsten Tage ging es ins Treffen und am Abend war ich von den fünfzehn der einzige, der noch am Leben war/4 Leiser ist von grosser, stattlicher Figur, und die Jüdische Hilfsgesellschaft hat ihm ihre Dienste , bei der Erlangung von Arbeit in New York angeboten. Line zionistische „Jeschiwa" wurde von der Leitung des „Misrachi" unter Herrn Rabbiner R eine s in L i d a gegründet. Die ,.Jeschiwak* ist eine für den Osten noch, immer überaus wichtige Institution, die als (,)uelle echten jüdischen Wissens gelten und als wichtiger Faktor in. der Erziehung der reiferen Jugend betrachtet werden muss. Leider hat sich diese Institution nicht den Forderungen der Neuzeit anbequemt und manche Auswüchse, über die seit mehr als einem halben Jafir-

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