Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 20 „bie * w^it11 Seite 7 Die neuesten Judenhetzen in Russland. Die Befürchtungen, welche die Juden in Russland um ihre persönliche Sicherheit und um ihr Hab und Gut in dien letzten Wochen gehegt, haben sich 'leider als durchaus gerechtfertigt erwiesen. Wiederum ist in vielen Ortschaften in Russland unschuldiges jüdisches Blut vergossen, wiederum sind jüdische Wohnhäuser und Gesichäftslokale zerstört und ausgeplündert, wiederum sind viele jüdische Familien brotlos, viele jüdische Frauen zu Witwen, viele Jüdische Kinder zu Waisen gemacht worden..... Ein vollständiges Bild der Plünderungen, Verwüstungen und Mordtaten, welche in den letzten Tagen an jüdischem Out und an Juden in verschiedenen russischen! Städten verübt wurden, ist mit Rücksicht auf die russischen Zensurverhältnisse aus den russischen Blättern sehr schwer zu schaffen, aber auch die spärlichen. Berichte, welche in den russischen Pressorganen vorliegen, genügen vollkommen, um die Schrecknisse, welche sich in den von den Judenhetzen heimgesuchten Städten abgespielt haben, in ihrer ganzen Grösse und in ihrem ganzen Umfange kennen zu lernen. Am schrecklichsten jedoch haben unter den Exzessen die Juden in Schitomir und Meli top ol gcih'tten. In der Go-uvernemeintsstadt Schitomir, wo zahlreiche Truppen konzentriert.sind, währten die blutigen Judenkrawalle volle vier Tage und trugen den Charakter der Kischenewer Metzeleien. Bereits an den ersten zwei russichen Ostertagen. wurden Bereits an den ersten zwei russischen Ostertage n wurden völkeriing zur Ausrottung der Juden aufgefordert wurde. Die Behörden machten nicht einmal den Versuch, die Aufrufe zu konfiszieren. Der betrunkene Mob las diese Aufrufe offen in den Strassen und rief den vorübergehende« Juden Schmäh- und Drohrufe zu. Doch verliefen die ersten Ostertage verhältnismässig ruhig. Am 6. d.s. versammelten sieh jedoch ungefähr 300 halbwüchsige Burschen am Ufer des Peterewflusses und begannen die dort anwesenden jüdischen Spaziergänger zu heiästigen. Als der Mob hierauf einige Boote mit jüdischen.' Insassen dem Ufer zu sich nähern sah, ergriff er grosse Steine und schleuderte sie mit aller Wucht nach den Booten. Zwei Juden wurden durch dicseSteinwiirfe schwer,zweiJudenmädchen leicht verletzt. Angesichts dieses Angriffes nahmen die Juden zur Sclbstwehr ihre Zuflucht. Sic gaben einige Schüsse auf die Monge ab, t r a f e n j c d o c h n i e m a u d c n. Aber im Nu hörte man in allen Strassen den Ruf: „Brüder, die Juden schicsscu uns tot. eilet zu Hilfe" ertönen. Und tatsächlich eilten von allen Seiten Haufen von Christen herbei und begannen, die Juden und ihr Hab und Gut zu vernichten. In der Vorstadt P a w 1 i k o w a, wo die ärmere jüdische Bevölkerung wohnt, kam es zu Zusanunenstössen, dio jedoch verhältnismässig glimpflich verliefen. Aber schon hier zeigte sich die Haltung der Behörde den .luden gegenüber als die altgewohnte. Die Juden, welche bewaffnet zur Selbstweh r schreiten wollten', wurden von der Kavallerie zurückgedrängt, wobei ein Jude .durch einen Hufschlag getötet wurde. Das Schrecklichste an Krawallen spielte sich jedoch am 7. und am 8. d.s. ab. Diese zwei Tage können mit Recht als die Wiederbelebung der Kisehcnewor Mordtagc bezeichnet werden. An diesen lagen wurden die Juden auf . dem Hauptplatze und in. der Podolostrasse cn ma.sse hingemordet ihre Häuser und Geschäfte geplündert und demoliert. Die Juden, weiche bewaffnet waren, machten den. Versuch, sich angesichts der Tatlosigkcit der Behörde selbst zu verteidigen, so dass es in den Strassen zu förmlichen Schlachten kam. Im ganzen wurden 32 Juden getötet und US mehr oder minder schwer verwundet ..... Am 9. wiederholten sich db Exzesse gegen die Juden. Auch an diesem Tage wurden einige Juden ermordet und einige jüdische Häuser und Geschäfte in Brand gesteckt. Noch ist die Zahl der demolierten Häuser und Geschäfte der Juden nicht festgestellt worden, aber sie ist sehr beträchtlich.. ,• Wie die „Nowoisti" melden, haben die Behörden der Metzelei der Juden ruhig und untätig zugesehen, während die Garnison von Schitomir aus 4 Regimentern und noch anderen Truppenteilen besteht.....Erst am 9. ds. würde von Petersburg aus der Befehl erteilt, die Unruhen in Schitomir um jeden Preis zu unterdrücken, allein es war bereits zu spät: jüdische Leichen und Verwundete bedeckten bereits die Strassen...... In M e 1 i t o p o l haben die Exzesse gtegen die Juden volle zwei Tage gedauert und ebenfalls einen äusserst blutigen Charakter getragen. Wie der „Krymskij Wjestnik44 meldet, haben die Exzesse am zweiten russischen Ostertage auf dem Jahrmarktplatze ihren Anfang genommen. Eine grosse Menge von Bauern, Fabriksa»r<b eitern und betrunkenen Taglöhnern, mit Holzknütteln, Eiisenstangen und Steinen bewaffnet, stürzten unter dem Rufe: „Haut die Juden nieder!" in die Alex an de r- Newskystrasse und begannen alles zu dieimolieren, was Juden gehörte. Zuerst wurde die Apotheke des Reich demoliert, wohei aus der Menge auf das Dienstpersonal in der Apotheke Revolverschüsse abgegeben wurden. Vom Dienstpersonal gab jemand einen Schuss in die Menge ab. Da läuteten die Plünderer die Alarmglocke. Im Nu versammelte sich eine tausendköpfige Volksmenge und die Exzesse verwandelten sich in die denkbar wüstesten Szenen:. Alle Geschäfte und Wohnhäuser der Juden auf der Alexanderstrasse, auf dem Basarplatz, auf der Fontainestrasse wurden demoliert, beraubt und in Brand gesteckt. Das Uhrengeschäft von S t o 1 j a r, die Konditorei von K.u b 1 a n o w s k y, das Kleidergeschäft von K a - kinow, das Maniufakturwarenlager von Wanger und viele andere Geschäfte der Juden wurden angezündet. Die Behörden sahen der Verwüstung ruhig zu. Am nächsten Tage wiederholten sich die Exzesse. Die grossen Häuser der Juden G o 1 d e n b e r g, D u k a r e w i t s c h, K o s i u t, G u b m a n n, B e r e s c h z a n s k i, Schapino, S c h >e r m a n n ' und Gowenpud wurden völlig demoliert, die wertvollen Sachen aus den Wohnungen geraubt, die Möbelstücke zertrümmert. Erst als der Vizegouverneur Graf Murawiew um 3 Uhr in Begleitung von Truppen eintraf, nahmen die wüsten Szenen ein Ende. Doch die Stadt bot ein Bild ärgster Verwüstung. Die Zahl der jüdischen Opfer konnte bis jetzt noch nicht festgestellt werden, doch sind die Spitäler von verwundeten Juden überfüllt. Im Städtchen Projanowo in Wolhynien fanden, wie die ,,Nowosti,k melden, ebenfalls blutige Exzesse gegen die Juden statt. Dort wurden 11 Juden getötet und ungefähr 3) schwer verwundet. In der Ortschaft Duschati im Gouvernement Kowno "spielten sich, wie die „Petersburgskija Wjedomo-sti'* melden, herzzerreisseude Vorgänge ab. Unter Beteiligung der aus der Umgegend herbeigezogenen Baueruscharen wurden die Kaufläden der Juden überfallen, geplündert und demoliert. Dcr Mob drang sodann in die Häuser und Wohnungen der Juden, wo das Plündcrmigswerk fortgesetzt wurde. Zwei Juden wurden getötet. Zahlreiche Juden erlitten Verletzungen; fünfzig wurden schwer, zehn leicht verwundet. In \V i n n i za im Gouvernement Podolieu wurden die Juden ebenfalls beraubt und misshaiidelt. Der ,,Kiewljaniif' berichtet darüber: An den Exzessen gegen die Juden, welche in Wiuuiza stattfanden, beteiligten sich auch Soldaten der Reserve. Ein Haufe Betrunker :r begann alsbald die jüdischen Buden zu demolieren und die auf der Strasse bcfindlicueii Juden mit einem Steinhagel zu überschütten. Längere Zeit blieben die Ausschreitungen unbestraft. Bald jedoch strömten neue Mengen Juden herbei, es entstand eine Schlägerei und es schien anfangs, dass die Juden die Oberhand gewinnen würden. Während der Schlägerei wurden fünf Soldaten und fünf Juden verletzt. Die Polizei ergriff energische Massnahmen zur Unterdrückung der Ausschreitungen, doch konnte die Ordnung erst nach dem Eintreffen von zwei Kompanien; Soldaten hergestellt werden ....