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Die Welt · 1905-05-12 · 19 (12.5.1905) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
19 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Vir. t9 „bi* # Welt" Seite 13 Dichter brächte, der auf gewitterumtobtem Berggipfel den Göttern sein letztes Werk vorliest, oder einen sterbenden Makkabäer, der die nächsten Jahrtausende in einer Vision vor sich sieht Denn seelisch Ergreifendes hätte Eichhorn in Erregung gebracht, und es gibt ein physikalisches Gesetz auch von der Erhaltung der Geisteskraft. Die Erregung des berufenen Künstlers, mit' der er sein Werk geschaffen, bleibt an dieses gebannt und ergreift jeden, der in seine Nähe tritt. Weil er selbst beim Schaffen fühlte, ergeift uns auch Eichhorn und verbreitet nach Gefallen dramatische Leidenschäften und lyrische Gedanken. Diesen Rapport mit unserer Seele verliert er auch dann nicht, wenn er stumpfes, stummes Lebloses auf seinen Bildern gruppiert. Eni Winkel am Wasser und ein Blumenbeet, ein Stückchen Schiff aus einem Gotteshaus oder eine Veranda, in ihnen allen wohnt ein philosophischer, unsichtbarer Hausherr, der die Kinder unseres Gemütes, die Stimmungen, zum Verweilen lädt und sie mit Kostbarkeiten bewirtet; Nach vielen solcher gemalter Feml-etons und Novelletten schritt Eichhorns Kraft daran, sich einen ^schwereren Denkstein zu setzen. Er schuf ein sechs Meter-Bild, das vor einiger Zeit schon ausgestellt, in allen -Feigheiten aber jetzt erst fertig wurde und zur Ausstellung in den jetzt eröffneten Pariser Salon ging. Die Ehren des Empfanges wachsen durch den Umstand, dass das Bild mit sechstausend anderen um Anerkennung konkurriert. Das Bild heisst „Die Wallfahrt*. — Hier stock' ich schon im gewollten Lobe. DieAesthetik in ihrer unästhetischen Grausamkeit ruft ein Halt! darein; sie verlangt, dass ein Kunstwerk ein Stück des Künstlers . selbst sei, ein Echo aus den Gründen seines Geistes. Die Mariengedichte eines Salus sind peinlich, und was für ein Nichts ist die Wallfährt nach Kevlaar Heines gegen seine jüdischen Gesänge! Die offenbarten Gefühle dürfen den inneren nicht widersprechen, sonst mag eine Künstelei herauskommen, nicht aber Kunst. Klingt's also nicht wie eine Dissonanz aus der „Wallfahrt" des aufrechten Juden Eichhorn? Dieser Vorwurf sei lächelnd "abgewehrt. Nichts ist angedeutet, was streng christlich wäre — ausser dem Titel ist nichts im Bilde, was einem Heisssporn Aufregung brächte. Die tiefen Gedanken des Malers fassten nach anderen Zielen als nach den Symbolen eines Kultus. Ein hohes Tor in einem Stück Mauer. Eine steinerne Plattform davor, auf die etliche Stufen hinaufführen. Die lange Mauer im Hintergrunde deutet einen Hof an. Auf diesem Hofe drängt sich die Schar der Beter, die da glaubten, Gott an seinem Lieblingsplätzchen aufsuchen zu sollen, um ihn gnädiger zu finden. Lauter Typen polnischen Landvolkes in malerischem Gewand, eine Fülle von Gestalten in prächtiger, weil zwangloser Komposition. Oben auf die Stufen hat sich ein ganz Leidenschaftlicher hysterisch hingewörfeA utid streckt schreiend die Arme nach dem erträumten Segen aus. Gleich ihm zu Füssen steht die Gruppe der Menschen, die für Geschäft und Vergnügen da sind, nicht aus innerem Bedürfnis; ein paar alte Weiber sind es, die des bebrillten Dorfschullehrers Singsang nachplärren; sie sind wohl hier als bezahlte Stellvertreterinnen reicher Leute, die zu Hause geblieben sind und dem lieben Gott einen Boten schicken. Daneben die Schar junger Mädchen in Weiss starrt mit gross aufgerissenen Augen, aus denen noch die Unschuld spricht, auf das Kirchentor wie das Mysterium unseres Lebens auf das Mysterium des Jenseits. Eine ^Bräüt' in Staat und Kranz wird von ihrer glückstrahlenden Mutter einhergeführt; möge der Herr die Keime zukünftiger Geschlechter segnen! Und gerade neben die Idylle und Glückdioffnung hat Eichhorn die Tücke des Schicksals hingestellt. Ein junges Wejb mit unsagbar verhärmtem Gesichte ha t ihren Gatten auf einem Karren hierher geführt, als glaubte sie, Gott müsse helfen, wenn er ihn nur sähe. Was soll sie denn machen mit ihren vier Würmchen zu Hause? Der Mann aber schaut voll Frömmigkeit aufs Tor; er weiss, niemand wird da erlösend herausschreiten als der Tod. In deine Hände meine Seele, Herr! Unbekümmert singt der Alte daneben Gottes Lob; man merkt es seiner Kleidung an, dass er sein Schäfchen im Trockenen hat, und er bedankt sich schön, wie sich's gehört; was schert ihn der Jammer ringsum, der Lahme, der sich seinem Sohn aufgepackt hat und der Blinde mit dem grünen Kappenschhm und dem Stock, vom Knaben geführt? Man merkt es den stumpfen Gesichtern beider Krüppel an, dass sie die Wallfahrt schon oft gemacht haben. Vielleicht hilft's diesmal, Panie; der Herr ist barmherzig. Er wird vielleicht auch den Müttern helfen, von d< nen die eine, die junge, ihr kleines Mädchen auf den Armen trägt —■ das verwelkte Gesicht der Kleinen trägt den fahlen Stempel des Todes. Die andere daneben streichelt zärtlich den baumlangen Sohn, der mit der Kerze neben ihr steht und dessen violette Lippen und glanzlose Augen den Gewohnheitssäuferkünclen. Mütterchen aber hofft; ja gewiss, heute muss der Satan weithin und ihr Janko wird gesund und wird viel verdienen, ja, und nicht alles zerschlagen, wenn er nach Hause kommt, Ganz im Hintergrunde drängen sich städtisch gekleidete Weiber vor. War wohl Karneval jetzt, oder — ja die Stadt, da drücken euch die Sünden. Alles das bis ins feinste Detail ausgeführt — ein koloristisches Meisterwerk mit den Mänteln, Röcken und Pelzen der Leute, den Tüchern, Fahnen und dem Kerzenflimmer. Prachtvoll die kranken Gesichter —- traurige Bekannte aus den Kissen und Wandelgängen der Krankenhäuser. Schwielige, rissige Arbeitshände, und Mütteichens Rechte, so zärtlich auf ihrem Söhnchen streichelnd! Wie nun der Beschauer vor dem Bilde steht, da vertieft es sich, da sieht er mehr als Einzelfiguren und ihr Schicksal. Der Enthusiast und die Gleichgültigen, ja Boshaften, die Glücklichen neben dem tiefsten Leide stehen da. Der Gläubige singt Loblieder und neben den wenigen Gesegneten winden sich die vielen Ung ücklichen im tiefsten Leide: unglücklich durch eigene Schuld, unglücklich durch des Schicksals Laune. Die Jugend schaut dem greulichen Alter ins Gesicht, das ihrer wartet, Leid und Leidenschaften sind auf die Gesichter gedrückt. Das Kind steht neben dem Mädchen, die Braut bei ihrer Mutter. Der Reiche zieht neben dem Bettler einher, die Stadt ist mit den Bauern mitgezogen. Gibt es viel mehr Typen mit viel mehr Triebkräftin, wie sie vor das Kaleidoskop des philosophischen Beschauers der Welt treten? Von allen Seiten, mit allen Wünschen, mit allen Klagen kamen Faustens Kinder, vom stärksten Zuge der Irdischen getrieben. Sie kennen das Jenseits nicht und wollen gerettet, nicht gerichtet sein: Eichhorn hat mehr und anderes gewollt und geschaffen, als eine Wallfahrt. Die Gerechtigkeit mag die Bescheidenheit verdrängen und den Parisern sagen, was sie eigentlich sehen: Die Menschheit vor den Toren des Glaubens. Aus einer späteren Zeit hängt ein noch unbekanntes Bild des Künsters in seinem Atelier, ein Friedhofmotiv aus Lovrana, wie Eichhorn es nennt. Der

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