Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 flbi* # Weit" Nr. 19 oder Patagonien, so nahmen wir das mit heiterer Gelassenheit auf. Nicht unrichtig bemerkte einer unserer Freunde, es wundere ihn, dass man, wenn man schon mit solcher souveräner Unverfrorenheit die Welt verteile, nicht daran denke, sich kultiviertere Gebiete auszusuchen. Es wäre fast ebenso berechtigt, sich Südfrankreicb oder einen Teil Italiens oder mindestens Indiens zu wünschen. Von dieser heiteren Seite lässt sich aber jetzt die Sache nicht mehr allein ansehen. Wir haben unter uns Zionisten Leute, die geneigt sind, solche Projekte nicht ohne weiteres abzuweisen. Wenn sie auch nicht auf dem Standpunkte jener Projektenmacher stehen, so sind sie doch .bereit, an Stelle Palästinas irgend ein anderes Territorium zu setzen. Vielleicht in der Hoffnung, dass das Angebot Englands nicht das letzte sein werde. Nun soll keineswegs geleugnet werden, dass die materielle Judennot in einzelnen Ländern einen so unerträglichen Grad erreicht hat, dass alle Bestrebungen, die ihr abzuhelfen geeignet sind, mit Freuden begrusst werden müssen. Aber abgesehen davon, dass es sehr fraglich ist, ob mehr als eine kaum nennenswerte Besserung für einen ganz kleinen Teil unseres Volkes mit solchen Projekten, selbst wenn sie durchführbar wären, erreichbar ist, müssen wir uns fragen, ob wir einen trotz aller Hindernisse aussichtsreichen, weil vernünftigen und in der bisherigen Entwicklung unseres Volkes begründeten Plan zugunsten momentaner Hilfsaktionen aufgeben dürfen. Ob sich nicht vielmehr solche Aktionen parallel zu unserer Bewegung, eventuell sogar mit ihrer Unterstützung, jedenfalls aber nicht mit Hintansetzung ihres Zieles entwickeln können? Gewiss, dem Zionismus ist nichts fremd, was die Lage des jüdischen Volkes betrifft. Er sucht das Judentum als Ganzes zu umfassen, die Einsicht in alle seine Lebensformen zu gewinnen und Hilfe zu bringen; aber wirkliche, zukunftssichere, andauernde und, wie er hofft, endgültige. Was ihn von diesem Wege abbringen will oder in der weiteren Entwicklung behindern könnte, muss im Interesse der Konzentration aller unserer Kräfte vermieden werden. Und doch sind alle diese Kolonisationsprojekte für uns interessant und trotz der Unausführbarkeit, die allen anhaftet, sogar lehrreich, weil wir daraus ersehen, dass die Erkenntnis immer weiter um sich greift, die wir seit vielen Jahren predigen. Die Juden müssen zur Scholle zurück, zur eigenen Scholle. Im eigenen Lande, im Lande der ersten Blüte unseres Volkes, wie wir Zionisten meinen; in einem Lande überhaupt, gleichgültig in welchem, wie andere meinen. Mit diesem Unterschiede ist auch alles weitere gegeben. Wir wollen an alte Traditionen, an die ganze bisherige Entwicklung unseres Volkes anknüpfen, um ein nationales Werk zu schaffen, die anderen möchten, in gänzlichem Missverstehen moderner Ideen, diese Entwicklung unseres Volkes, also etwas seinem eigensten Wesen Entsprechendes, naturgemäss sich Vollziehendes, gewaltsam der Umgebung gleichmachen oder wenigstens genau nach deren Beispiel modeln. , Als ob ein Volk ein Stück Holz wäre, das man nach Belieben formen oder über dessen innerstes Gefüge man durch einen täuschenden Anstrich die anderen auf die Dauer irreführen könnte! An unserem Volke haben die mächtigsten Völker und die gewaltigsten geschichtlichen Umwälzungen ihre Kraft gemessen. Wohl sind wir nicht ohne böse Schäden über die Fährlichkeiten hinweggekommen, aber wir sind immer wir selbst geblieben, ein Volk, seiner Vergangenheit bewusst und seiner Zukunft vertrauend. Mag dieses Eigenbewusstsein auch in einem Teile unseres Volkes gelitten haben, mag es auch bei einzelnen ganz geschwunden sein, in unseren Massen lebt es noch stark und wird durch den Zionismus wieder kräftig gefördert. Diesen Massen ist der Zionismus und sein kolonialpolitisches Bestreben das Natürliche und Entsprechende. Sie kann ein Sammelsurium neuer und neuester Kolonialprojekte vielleicht eine Zeitlang betäuben, aber nicht auf die Dauer in ihrem sicheren Instinkte beirren. An uns Zionisten aber tritt mehr als je zuvor die Pflicht heran, klar und offen unserem Volke zu sagen, ob sich etwas und wie viel sich an unserem Plane geändert hat, ob wir das Land oder e i n Land anstreben. Dr. Werner. Der siebente Kongress. Der siebente Kongress findet Donnerstag, am 27. Juli dieses Jahres, und an den folgenden Tagen in Basel statt. Die Vorbereitungen zum Kongresse sind bereits im Gange. Die Verhandlungen werden wie bisher im Baseler Kasinogebäude stattfinden. Den Teilnehmern, respektive den einzelnen Landsmannschaften werden eigene Beratungssäle zur Verfügung stehen. Auch für die anderen Anforderungen wird gesorgt werden. Im Kasino soll, wie bei den früheren Kongressen, eine eigene Post- und Telegraphenstation errichtet werden. Es werden wie bisher Delegierten-, Journalisten- und Galeriekarten ausgegeben werden. Um Unordnungen beim Zutritte zur Galerie des Kongresssaales vorzubeugen, hat das A.-G. beschlossen, zum siebenten Kongresse numerierte Galeriekarten auszugeben, und zwar: für einzelne Sitzungen gültige ä Frcs. 3, für die ganze Kongressdauer gültige ä Frcs. 20. Das gesamte Erträgnis fliesst dem Nationalfonds zu. Schon jetzt werden Vormerkungen für Galeriekarten vom Kongressbureau, Wien, IX., Türkenstrasse 9, entgegengenommen. * * * An den Verhandlungen des Kongresses können nur die von je 200 Sehekelzahlern gewählten Delegierten teilnehmen. Die Vereine und Gruppen werden besonders den zahlreich ausserhalb ihrer Organisationen stehenden Zionisten ihre Aufmerksamkeit zuwenden müssen, um sie zu rechtzeitiger Schekelzahlung zu veranlassen. Die langjährige Uebung, in jeder Stadt schon jetzt eine Hauptliste aller Zionisten anzulegen, wird sich sicherlich auch diesmal bewähren. * # * Die Bestimmungen des Organisationsstatutes über den Kongress lauten: §8. Der Zionistenkongress tagt jedes zweite Jahr an einem vom grossen A.-C. zu bestimmenden Orte. Eine frühere Einberufung des Kongresses bestimmt das grosse A.-C. § 9. Aufgaben des Kongresses sind: a) Entgegennahme und Prüfung des Rechenschaftsberichtes des Aktionskomitees (A.-C). b) Ausgestaltung des zionistischen Programmes. c) Feststellung des Programmes der nächsten Verwaltungsperiode. d) Wahl des A.-C. und sonstiger Körperschaften für die nächste Verwaltungsperiode. e) Entgegennahme und Beratung von Petitionen und Anträgen.