Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316152--46852-3341718- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hedaktion und Administration: wich IX., Tflrkenstrasss Nr. 9. Tölephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und unverlangte Manuskripte weder zurückgesendet noch aufbewahrt. Preise dar Aizeigen: laut aufliegend«». Tarif. Der Irseratenteil wird Dienstag abends geschlossen Einzelne Hummer« 30 Heller. Ra7iificiti»aiciia Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. För das Ausland: UO£liyo|JI DlOD. Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R, 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.— , halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4,25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Poll. 1.70, vierteljährig Doli. —.85' Nr. 19. Wien, 12. Mai 1905. — 7. ijar 5665. 9. Jahrgang. Jüdische Kolonisationsprojekte. In der Geschichte der Kolonisationsbestrebungen des letzten Jahrhunderts wird der künftige Historiker vielleicht mit grösserem Interesse als wir heute ahnen können bei einem merkwürdigen Kapitel verweilen, bei dem Kapitel der jüdischen Kolonialpolitik, Abnorm wie unser ganzes Leben im Goluth ist auch die Art ihrer Entstehung und Entwicklung; denn nicht vom Volke als solchem geht sie aus, und nicht in Erfüllung seiner Wünsche hat sie sich im grossen und ganzen bisher entwickelt. Einzelne mächtige Geldherrscher haben sie inauguriert und die von ihnen begründeten und mit Geldmitteln versehenen Gesellschaften haben bisher eine geradezu ängstliche Scheu davor gehabt, das Volk selbst zur Arbeit heranzuziehen und seinem Wollen und Wünschen entgegenzukommen. Wo sie es aber zu tun unternahmen, wollten sie es nach einem von ihnen oder ihren Räten aufgestellten Schema glücklich machen, ohne Rücksicht auf die Kluft, die zwischen ihren Anschauungen und denen der von ihnen zu ihren Versuchen Ausgewählten bestand. So hat die jüdische Kolonisation ausser den Schwierigkeiten, die selbst den Kolonisationsbestrebungen mächtiger, zielbewusster Staaten entgegenstehen, noch an diesem schweren inneren Widerspruche zu leiden gehabt und bis heute zu leiden. Ihre Erfolge sind demnach bisher viel bestritten. Eine Wendung zum Besseren schien der Zionismus zu bringen. Mit einem klar erkannten und freimütig vor aller Welt aufgestellten Ziele, in glücklicher üebereinstimmung mit einer zweitausendjährigen Tradition und den Zükunftshoffnungen der gläubigen Masse, mit dem vollen Verständnis für die Entwicklungsmöglichkeiten, für die Ansprüche und Expansivbestrebungen der modernen Koloniaipolitik verband er auch das Streben nach der nationalen Wiedergeburt und der Versuch der Vorbereitung des jüdischen Volkes für seine späteren Geschicke. Zum Unterschiede von den früheren Bestrebungen handelt es sich da um die Wünsche der jüdischen Volksmassen und eines nicht unbeträchtlichen Teiles der jüdischen Intelligenz. Allerdings eines, was das Charakteristikum der früheren Bestrebungen war, fehlte und fehlt bis heute, die Hilfe der grossen jüdischen Finanziers, Der Zionismus hat seine eigene Theorie auch in bezug auf seine Kolonisierungsarbeit aufgestellt. Es ist eine sozialfreiheitliche, durchaus menschenfreundliche und doch nach dem jetzigen Stande der Nationalökonomie auch durchaus wissenschaftliche Theorie, die unserem Volke umso angemessener ist, weil sie die moderne Fortsetzung der bereits unseren Ahnen bei der ersten Landnahme geläufigen und zum Gesetze erhobenen Anschauungen darstellt Vielleicht war auch das ein Grund, der diese Finanziers von unserer „Utopie" abhielt. Die zionistische Anschauung war in bezug auf die kolonisatorischen Bestrebungen eine geschlossene, einheitliche bis zur Zeit, da England dem Zionistenkongresse das Anbot eines Landstriches in Ostafrika machte. Von diesem Augenblick an zeigten sich Meinungsverschiedenheiten unter den Zionisten, die Festigkeit des Endzieles geriet ins Schwanken, ja über die politische Vorarbeit und die Vorbereitung des Volkes selbst gab es nun diametral verschiedene Ansichten und nicht wenige fröhnten einem anstrengenden Schaukelspiel, in dem Streben, zwischen philanthropischer Vereinstätigkeit (allerdings in grösserem Stile) und wirklicher, moderner koloniaipolitischer Betätigung eine Synthese zu bewerkstelligen. Je nach den sonstigen Anschauungen des Einzelnen gab es bald einen grösseren Schwung nach der einen, bald nach der anderen Seite. Es ist klar, dass es sich da nicht um einen Fortschritt, sondern um ein Stadium des Stillstandes handelt. Es ist eben so klar, dass dieses Stadium über kurz oder lang wird überwunden werden müssen; denn ob wir einen Schritt vorwärts oder rückwärts machen, keine der Möglichkeiten birgt so viel Gefahr in sich als das unsichere Stehenbleiben oder ängstliche Umherpendeln. Eine der schlimmsten Gefahren besteht zweifellos darin, dass eine Verwirrung der Begriffe in das Volk getragen wird, die Angst und Misstrauen erwecken muss und es den Projektenmachern und Phantasten aller Art leicht macht, das grösste Unheil zu stiften. Wenn wir sonst hörten, dass uns ein grosser Politiker Sibirien zur Ansiedlung empfahl, ein anderer Kuba oder Westaustralien, ein dritter und vierter Mexiko