Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 flbi$ * W^lt" Seite 15 Es währte noch einige Sekunden, bevor der Graf sich sammeln konnte, Dann sagte er langsam, nachdrücklich; „Du sollst auf deine Stellung in der Gesellschaft, ich auf meine Karriere verzichten? Wir sollten alles verlieren, was wir durch jahrelange Mühe und Arbeit errungen?" „Jawohl, Kasimir, wir wollen alles verlieren, um uns selbst zu gewinnen/ Er schüttelte den Kopf. „Ich bin kein Maulwurf", sagte er, „ich bin nicht dazu bestimmt, mich zu vergraben.* „Kasimir!T schluchzte Catherine laut auf. Seine Augen blickten sanfter, aber seine Stimme klang immernoch hart, als er fortfuhr: „Nein, Catherine, dein Vorschlag passt mir nicht, du musst einen anderen Ausweg finden; ich kann meine Karriere nicht aufgeben, weil dein Freund Arfalov dir seine Theaterstücke vorliest. Das hat mich ohnehin schon eine Menge Zeit gekostet — ich habe meinen Bericht auszuarbeiten. Au revoir." Er entfernte sich ohne die gewohnte Liebkosung — zum ersten Male seit zwölf Jahren. Er wusste, dass er sich auf sie verlassen konnte, dass sie nichts Unbesonnenes tun würde. Ihre Nerven waren überreizt von den Festlichkeiten und Vergnügungen der Saison, es war begreiflich, dass sie ein wenig hysterisch war; sobald er seinen Bericht beendet hatte, gedachte er, einen dreimonatlichen Urlaub zu nehmen und mit ihr nach dem Kaukasus zu reisen; in der stärkenden, kräftigen Bergluft würden ihr die [Hirngespinste schon vergehen und er wollte dafür Sorge tragen, dass so etwas nicht wieder vorkam. Sie sollte mit keinem nervenkranken Federhelden mehr in Berührung kommen, keine Zeitung lesen, nichts hören oder sehen, was ihr besser unbekannt blieb. Diese Gedanken hatte er beständig in seinem Unterbewusstsein, während er in fieberhafter Hast bei seiner Arbeit sass. Zwei Schreiber unterstützten ihn im Ordnen und Sichten des ungeheuren Materials, was drei Tage in Anspruch nahm. Am vierten Tage empfing er einen Besuch vom Polizeikommissär und als derselbe ihm die Veranlassung seines Besuches erklärte, blickte sich der Unterpräfekt besorgt um, ob kein unberechtigter Lauscher in der Nähe sei. Der Polizeikommissär entfernte sich bald und unmittelbar darauf verschloss der Graf seine Papiere, um ihm zu folgen. Langsam, mit erheuchelter Sorglosigkeit schritt er durch die Zimmer; er konnte in einem derselben seine Frau treffen und er hatte sich ja vorgenommen, ihr vorzuenthalten, was ihr besser unbekannt blieb. Aber Catherine war weder in ihrem noch im Speisezimmer noch im Salon. Als er in den Vorsaal trat, kam sie ihm entgegen; sie war soeben von öinem Ausgange heimgekehrt, ihr Gesicht war sehr bleich, aus ihren Augen sprach namenloses Entsetzen. Der Graf blieb wie angewurzelt stehen. „Wo warst du, Catherine?" fragte er mit Anstrengung. „Du weisst es, Kasimir, so wie ich weiss, wohin du jetzt gehst; ich habe gesehen, wie der Polizeikommissär das Haus verliess," antwortete sie atemlos; „ich weiss, wozu er hier war, ich hab's schon früher herausbekommen. Ich konnte am Nachmittag nicht ruhen, es trieb mich unwiderstehlich dorthin" — sie wies mit der Hand über ihre Schulter. „Und ich habe mich selbst davon überzeugt, dass Arfalov recht hatte, wenn er sagte, das Urteil sei eine Gutheissung von Mord und Totschlag. Ganz offenkundig, bei hellichtem Tage bereitet man neuen Mord, neuen Totschlag vor; ich habe die Mörder mit ihren Messern, die Mordbrenner mit ihren Petroleumkannen mit eigenen Augen gesehen, habe gesehen, wie die armen Opfer sich in ihren armseligen Hütten Schutz suchen — Schutz! welcher Hohn! — und nun komme ich zu dir, Kasimir, um für sie zu bitten. Hilf ihnen, Kasimir, beschütze sie, bedenke, was sie mir sind, was ich dir bin!u „Ich habe meine Instruktionen, Catherine," antwortete er mit zusammengebissenen Zähnen. Im Stillen verwünschte er den unglücklichen Zufall, der ihr gerade das, was sie nicht sehen sollte, vor Augen geführt hatte. Sie sah ihn mit einem langen, forschenden Blick an und ging an ihm vorüber ins Zimmer. Er blickte ihr einen Moment unentschlossen nach, dann ging er auf die Strasse hinaus, wo bereits der Reitknecht mit seinem Pferde wartete; das schöne Tier wieherte freudig, ats er sich in den Sattel schwang. „Sie hat mich vermisst, was, Gregor?" sagte der Graf. „Jawohl, Exzellenz haben Sie vier Tage nicht geritten," antwortete der Reitknecht; „sie ist ziemlich übermütig, halten Exzellenz sie recht stramm!Ä Der Graf galoppierte davon; in zehn Minuten hatte er den Marktplatz erreicht, wo er mit dem Polizeikommissär zusammentraf. „Das Detachement yon hundertfünfzig Mann ist hier, Exzellenz," sagte er, „aber" — er machte eine vielsagende Pause — „blicken Exzellenz einmal dorthin." Der Graf folgte der Anweisung des Polizeikommissärs und verglich die Handvoll Soldaten mit der ungeheuren Menge von Meuterern, die sich am unteren Ende des Marktplatzes zu sammeln begannen und sich dann über die Seitenstrassen ergossen, welche in das jüdische Viertel führten. Sie warteten offenbar, bis es ganz dunkel geworden war, ehe sie ihr Werk begannen und sich dann über die Seitenstrassen ergossen, welche in das jüdische VierteL führten. Sie warteten offenbar, bis es ganz dunkel geworden war, ehe sie ihr Werk begannen; sie wussten aus Erfahrung, dass es im Dunkeln viel flotter vonstatten ging, doch hatten einige Unruhgeister unter ihnen bereits ihre Fackeln angezündet. Bei diesem Anblik entsank dem Grafen die Herrschaft über seine Gedanken; diese schweiften zu seiner Frau und von ihr wieder zu den Meuterern. Die Fackeln wurden immer zahlreicher und nun wurde ihm plötzlich klar, dass er in der furchtbaren Enge zwischen seiner Frau und den Meuterern eingekeilt war. Und nun sollte er einen Answeg finden — ja wohl, er befand sich in einer entsetzlichen Zwangslage. Wohin er sich auch immer wendete, er konnte dem Dilemma nicht entrinnen: er musste wählen zwischen seinem Weibe und seiner Karriere. Wenn er dem Polizeikommissär gestattete, die Befehle auszuführen, die er höherenorts erhalten hatte, dann durfte er es nicht mehr wagen, Catherine gegenüberzutreten; wenn er dagegen die Instruktion nicht befolgte, so bedeutete dies sofortige Enthebung vom Dienst und ewige Ungnade — und ihm stand eine so glänzende Zukunft bevor! Und doch — es war Catherine, die ihn zu dem gemacht hatte, was er war, der er alle seine Erfolge zu verdanken hatte; wenn sie also jetzt von ihm verlangte, dass er um ihretwillen darauf verzichten sollte, so war das ihr gutes Recht.