Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 99bic # weit" Nr. 18 Lämmel aus Prag während eines Spazierganges mit Goethe in Karlsbad gemacht hat: „Der Schiller, Eure Exzellenz, hat uns Juden mit seiner „Sendung Moses" sehr weh getan und gekränkt. Und wenn er ein richtiges s Verständnis von der Sache gehabt hätte!" Nun, ein Verständnis hat Schiller schon von der Sache gehabt, nur hat er nach Kantscher Auffassung die Erscheinung des grossen Gesetzgebers rationell zu erklären versucht. Eine Kränkung der Juden lag dem Dichter aber mit dieser Arbeit sowie überhaupt gänzlich fern. Und das scheinen die Juden ausschliesslich doch alle gefühlt zu haben. Denn es ist merkwürdig, wie schnell die Juden ihm diesen Aufsatz verziehen — Und damit sind wir bei der Frage der Stellung der Juden zum Dichter anj gelangt. Ich sagte schon, die Empörung war nicht nachhaltig und dem Dichter trug man nicht nach, was der Historiker verbrochen hatte. Schon um seiner Werke willen nicht. Diese Werke wurden von ihrem Erscheinen #n von den Juden mit einer wahren Begeisterung verschlungen. Nicht von jenen, welche bereits dem Judentume halb den Rücken gekehrt hatten wie die Berliner Romantikerkreise, auch nicht von den Reichen und Emanzipierten, sondern gerade vom Volke selbst. Nirgends, auch nicht im deutschen Volke wurden Schillers Werke, Gedichte und Dramen so populär wie im Ghetto. Kein Dichter war dort so bekannt wie Schiller. Es ist eine interessante, bis jetzt noch nicht ganz erklärte Frage, auf welchem Wege Schiller ins Ghetto kam und wieso er so beliebt wurde. Zweifelsohne trugen zu dieser Bevorzugung seine grossen Freiheitsgedanken, seine dramatisch behandelten Ideale ihren Teil bei. „Die schönsten Träume von Freiheit werden ja in dem Kerker geträumt/ sagt der Dichter im zweiten Briefe über Don Carlos, und so klammerten sich die geknechteten Menschen an einen Freiheitstraum, den ihnen ein Dichter so anschaulich vorgaukelte. Aber das beweist nicht alles, das beweist nicht, warum gerade „Das Lied von der Glocke* jeden Juden schon in den frühesten Jugendjahren von Mutter eder Vater vorgesprochen wurde, bis er es auswendig kannte, das beweist auch nicht ganz, warum der „Bocher* sicli „Die Bürgschaft" „verdaitschte" und Gedichte, wie „An die Freude", unzählige Male ins Hebräische übersetzt wurden. Man' kann ruhig sagen, es gibt wohl keinen Judenknaben, der bereits zehn Jahre alt ist und nicht ein oder das andere Gedicht, wenigstens in Bruchstücken, auswendig kann. Nicht nur in Deutschland und Deutsch- Oesterreich, sondern auch in Galizien und Russland. Und damit hat das jüdische Volk selbst die Antwort auf die Frage nach der . Stellung der Juden zu Schiller gegeben. Und wenn mich jemand fragt: Soll das jüdische Volk Schiller anlässlich des hundertsten Todestages feiern? so sage ich entschieden: ja! Es ist unsere Dankespflicht, den Dichter, der mit seinen Idealen von Freiheit jedem einzelnen wahren Juden so viele schöne Stunden bereitet hat, der mit seinen Gedichten und Dramen die Traurigkeit des Ghettos beleuchtet und erheitert hat, zu ehren. Es gibt nur wenige Dichter eines fremden Volkes, die so stark zu unserem Gefühle sprechen wie Schiller. Es gibt nur wenige Dichter, deren Gedanken in unserem Volke wurzeln und die wir so viel benützen wie die Schillers. Der Satz des Grafen Duvois: „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre" klingt auch uns im Ohre wieder und der Schwur am Rüth, der die Worte enthält: „Eher den Tod als in der Knechtschaft leben" ist auch von uns geschworen worden. Oskar Fr an kl. Rückkehr. Von Samuel Gordon. Autorisierte üebersetzung aus dein Englischen von A. K. (Schluss.) „Was wirst du dabei gewinnen, wenn du Ärfalov tötest?" fragte sie ihn. „Deine Achtung — hoff' ich. Vielleicht wirst du günstiger von mir denken, wenn ich dir einen Beweis gebe, dass ich das Verlangen nach deiner ungeteilten Zuneigung habe/ „Die hast du auch so, Kasimir, die hast du immer besessen," rief Catherine leidenschaftlich; „ eigentlich war es nicht Arfalov, der mich daran erinnerte, dass kh eine Jüdin bin — das haben die Krawalle bewirkt; das Gefühl hat stets in mejinem Herzen geschlummert, der Todesschrei, der aus den rauchenden Hütten aufstieg, hat es zum Leben erweckt/ „Du sagst, dass du dich vor ihm fürchtest," warf der Graf ein. „Ja, weil er meine Angst verkörperte und wei* ich jedesmal, wenn er mich ansah, fühlte, wie mir der Boden unter den Füssen entschwand." „Aber er behauptet, dass er dir unentbehrlich geworden sei," erwiderte der Graf unbarmherzig, „und dessen soll sich kein Mann rühmen. Wenn es eine Lüge war, dann wird er für diese Lüge mit dem Tode büssen — ich hab's geschworen.44 „Er hat esgutgemeint,Kasimir,er hat es gut gemeint! " rief die Gräfin; „er wollte mir helfen, er wollte den Fehler gutmachen, den er begangen zu haben glaubte, und ich habe ihn nur aus Mitleid in diesem Gedanken bestärkt; denn während er sich mit meinem Leid beschäftigte, vergass er das seine." „Du hast Worte für alles,44 schrie er sie an. Sie trat auf ihn zu und legte ihre zitternde Hand auf seinen Arm. „Nicht nur Worte, lieber Kasimir, sondern Rat, guten Rat," sagte sie; „ich werde dir einen Vorschlag zur Abhilfe machen: lass uns fortziehen von hier, lieber Mann, lass uns aus dieser grausamen Welt entfliehen und in ein friedliches Exil ziehen. Dein kleines Landhaus ist gross genug, das bisschen Land, das du besitzest, wird genug tragen für uns beide, und wir werden ein gesundes, glückliches, zufriedenes Leben führen. Was kann man mehr vom Leben verlangen als Glück und Zufriedenheit?44 Er starrte sie an, er konnte kein Wort hervorbringen. „Ach sieh mich nicht an, als wenn ich wahnsinnig geworden wäre, Kasimir!" flehte sie ihn an. „es ist keine Laune von mir, unzählige Male hab' ich es in meinen Gedanken, in meinem Herzen erwogen. Nur ist die Notwendigkeit, es auszusprechen, nie zuvor so gross gewesen. Wie soll mir zumute sein, wenn der Mann, der mir der teuerste ist auf Erden, eine Politik der Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit gegen mein Volk verfolgt? Wie wird dir zumute sein, wenn du dir sagen musst, dass du mit jeder einzelnen Handlung, die du deiner Pflicht gemäss auf höheren Befehl vollführst, einen Treubruch an deiner Frau begehst, ihr Herz durchbohrst? Erfülle meinen Wunsch, Kasimir, um unserer Liebe willen. Lass uns entfliehen, wo wir weder sehen noch hören können, wo wir nur eines fühlen werden: wie stark unsere Liebe zueinander ist." w