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Die Welt · 1905-05-05 · 18 (5.5.1905) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr.. „bi* * weit11 Seite 13 allein sollte ausschlaggebend sein. Das ist nun ganz richtig, und um die Grösse eines Dichters anzuerkennen, bedarf es auch für den Juden nur des Eindruckes, den dieser Dichter mit seinen Werken auf das Individuum macht. Der einzelne Jude kann also Schiller verehren, er kann ihn in diesen Tagen feiern, ohne Rücksicht auf dessen Stellung zu den Juden. Gewiss, das kann er. Und doch auch wird er dies, wofern er nur wirklich Jude ist, nicht ohne ein gewisses Bedenken, einen Seitenblick nach der Richtung hin tun wie — dachte der Mann von uns Juden? Nicht etwa deshalb, weil er in jedem grossen Manne fast nichts anderes als entweder den Judenfreund oder den Judenfeind sieht und sehen will und alle Dinge nur von dem Standpunkte betrachtet, von welchem sie ihm als Juden erscheinen; nein, auch vom rein künstlerischen Standpunkte wird der denkende Jude zu dieser Frage kommen. Denn er wird sich mit Recht sagen: Ein grosser Künstler, ein guter Dichter muss auch ein guter Mensch sein, er muss mitfühlen die Fehler und Schwächen der Menschen, muss sich fürs grosse, ideale Menschentum einsetzen können, er kann es mit Worten, Gedanken und Ideen, wie es der Politiker durch Handlungen tut. Und in dieser Folge — so wird sich der Jude weiter sagen — kann ich von einem grossen Dichter verlangen, dass er frei von allem Kleinlichen und Kleinen, frei von jedem Zwang und Kastengeist sei, dass er über dem Streite der Menschen stehe und nicht einer Nation feindlich gegenüberstehe, weil sie anders ist als eine andere, keine Abneigung gegen ein Volk habe, weil es nicht so heisst wie das seinige, auch wenn es zufällig das — jüdische Volk ist. Wird also schliesslich auch der Einzeljude zur Aufwerfung dieser Frage kommen, so muss das Judentum als solches bei einer Gesamtbeurteilung seiner Stellung zu einem Dichter, der einem fremden Volke angehört, diese Frage unbedingt als die erste und wichtigste in Betracht ziehen. Denn für das Volk entscheidet nicht das künstlerische sondern das volkliche Moment, nicht de r Dichter, sondern der Mensch. Dies musste ich voraus<ocYiicken, um zu zeigen, dass die Beantwortung der Fr^&e, wie sich Schiller zum Judentum verhielt, für den einzelnen Juden nötig und wichtig, für das Gesamtjudentum aber geradezu massgebend ist Drei Punkte sind es, die hier erwogen werden müssen. Der erste erörtert die Stellung Schillers zu den Juden seiner Zeit im persönlichen Verkehre, der zweite die Ansicht, die er über das Judentum in seinen dichterischen Werken ausspricht, der dritte, zum Teile nur beeinflusst von den beiden vorangehenden, die Frage, wie sich die Juden dem Dichter gegenüber verhielten. Schillers Jugend fällt in die dichterische Blütezeit Lessings und den Beginn der Emanzipation und Assimilation der Juden. Er war knapp 20 Jahre alt, da erschien der „Nathan/ der nicht nur die Religion der Juden, sondern auch einen Juden selbst verherrlichte. In den Glaubensstreitigkeiten hatte die Aufkläruag den Sieg davongetragen und der beste Freund Lessings war Mendelssohn. Nichtsdestoweniger blieben die Juden Schiller zeitlebens gänzlich fremd. Er kannte sie nur von ihrer geschäftlichen Seite. In der Kindheit wird er Gelegenheit gehabt haben, den jüdischen Hausierer, ein Bild der Gedrücktheit und des Jammers, als einzigen Vertreter der Juden kennen zu lernen. Als Herausgeber des Almanachs trat er dann später mit einem jüdischen Verleger in Beziehungen, doch dieses Geschäft zerschlug sich nach kurzer Zeit und Schiller ging voll Verdruss zu einem anderen Buchhändler. Mit einem jüdischen Theaterdirektor korrespondierte er eine Zeitlang wegen Aufführung seiner Stücke und kurz vor seinem Tode besuchte er die Berliner Jüdin Henriette Herz. Das ist so ziemlich alles, was ihn während eines sechsundvierzijrjährigen Lebens mit Juden in Berührung brachte. Gewiss herzlich wenig, doch darf uns das bei dem zurückgezogen lebenden und jeder rein gesellschaftlichen Zusammenkunft feindlichen Dichter nicht wundernehmen. Denn er lebte nur seiner Dichtung; alles, was er von aussen erfuhr, verarbeitete er in seinen Werken. Und in diesem geringen Verkehr mit Juden liegt es auch, dass er in keinem seiner Dramen — damit wenden wir uns zum zweiten Punkte — eine Judenfigur schuf. Es ist nicht richtig — wie man es von verschiedenen Seiten des öfteren hört — dass Spiegelberg in den „Räubern" als Jude gedacht ist; gegen diese Auffassung gibt es eine Menge von berechtigten Einwänden, die allerdings hier anzuführen zu weit führen würde. Nur einmal hatte Schiller Gelegenheit, sich mit einer Judenfigur zu befassen, und das war damals, als er im Jahre 1801 den „Nathan" für die Bühne bearbeitete. Für diese Tat können wir dem Dichter nicht genug dankbar sein, denn nur dadurch wurde es möglich, dass der „Nathan", der bis dahin für bühnenunfähig galt, auf dem Weimarer Theater und dann auf anderen Bühnen zur Aufführung gelangte. Am Werke selbst hat Schiller nur wenig geändert, sein Hauptbestreben ging dahin, die Tendenz nicht so schroff hervorzukehren, doch ist dessenungeachtet die Idee der Gleichheit aller Religionen gänzlich unangetastet geblieben. Hat sich Schiller so nur wenig mit dem lebendigen Judentum beschäftigt, so schöpfte er um so mehr aus den jüdischen Schriften und vor allem aus dem ewig unvergänglichen Buche, der Bibel Schon in seiner frühesten Kindheit las er das Alte Testament und lernte die bedeutendsten Stellen in der Uebersetzung Luthers auswendig. Worte und Gedanken der Bibel wurden so sehr sein geistiges Eigentum, dass sich in jedem seiner Dramen, manchmal ganz unbeabsichtigt, Anklänge und Zitate aus diesem Buche finden *) Besonders stark ist dieser Einfluss in den „Räubern" und der „Jungfrau von Orleans" merkbar. Eine Figur aber war es, die den Dichter am meisten reizte, und das war Moses. — Er war kaum 14 Jahre alt, als er sich schon mit dem Gedanken trug, ein Drama, in dem Moses der Held sein solite, zu schreiben. Es ist ewig schade, dass dieser Plan nicht zur Ausführung kam denn dieses Drama wäre unter der Feder Schillers, durchweht von der Begeisterung des Freiheiheitssängers, das kostbarste Geschenk für uns Juden geworden. So entstand aber nur im Jahre 1790 ein halb wissenschaftlich-philosophischer, halb historischer Aufsatz, der vom biblischen Moses nur wenig enthielt. „Die Sendung Moses" nannte Schiller diesen Aufsatz und die Beweisführung besteht darin, dass Moses den Glauben an einen Gott nicht aus eigener Kraft und nicht aus göttlicher Eingebung^ sondern den Priestern der Aegypter entnommen habe* Am ungerechtesten behandelt der Verfasser das Judentum in der Einleitung zur „Sendung Moses" und hier gebraucht er Worte, die wir unbedingt verurteilen müssen. Das Judentum ist ihm nur der unreine Kanal, den die Vorsicht erwählte, uns das edelste aller Güter, die Wahrheit, zuzuführen. Dieser Artikel rief bei seinem Erscheinen unter den Juden grosse Empörung hervor und bekannt ist ja die Aeusserung, die der Bankier *) Genaueres darüber siehe in meiner soeben erschienen Schrift: „Schiller in seinen Beziehungen zu den Juden und zum Judentum".

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