Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „bit & WtliÄt Nr. 18 Eine Stiftung für Konvertiten. In Arad hat sich folgende interessante Geschichte zugetragen, die für die Assimilation der Juden so recht bezeichnend pst Anlässlich dar Verleihung eines Stipendiums debattierte man in der Komitatskoramission darüber, wer als Konvertit anzusehen sei. Im Sinne des Stiftsbriefes werden in Ermangelung von adeligen Bewerbern Konvertiten bevorzugt. Einer der Bewerber, ein getaufter Jude, berief sich nun unter anderem auch darauf, dass er als Konvertit in erster Linie zu berücksichtigen sei. Die meisten Mitglieder der Kommission waren jedoch der Ansicht, dass nur derjenige, welcher vom Protestantismus zum Katholizismus übertrete, als Konvertit anzusehen sei, während die anderen die Ansicht vertraten, dass jeder von einer anderen Konfession zum Katholizismus Uebergetretene Konvertit sei. Schliesslich wurde der Untergespan beauftragt, Sachverständigengutachten über die eigentliche Bedeutung des Begriffes „Konvertit* einzuholen. Daran aber, dass man für gesinnungslosen Glaubenswechsel Belohnungen ausschreibt und dass jemand für den Gläubenswechsel eine Belohnung in Anspruch nimmt, daran hat keiner der Herren Anstoss genommen Ein jüdischer Wohltäter. Der kürzlich in Budapest verstorbene Grossindustrielle Ludwig von Krausz hat über eine Million Kronen für gemeinnützige und kulturelle Institutionen hinterlassen. Davon kommt der grösste Teil ausschliesslich jüdischen Anstalten zugute. Jerusalem. Herr Josef Carlebach, Sohn des Herrn Rabbiner Dr. Carlebach in Lübeck, ist, nachdem er vor einigen Wochen die Staatsprüfung in Berlin mit gutem Erfolge bestanden hat, für das Lehrfach der Mathematik und der Naturwissenschaften an das Lehrerseminar des HilfsVereins der deutschen Juden in Jerusalem berufen worden und wird die Stellung bereits im Mai d. J. antreten. — Am 3. April hat der deutsche Generalkonsul in Jerusalem, Herr Dr. Schmidt, das Lehrerseminar des HilfsVereins mit seinem Besuche beehrt und dem Unterricht in Pädagogik, Geographie und Botanik beicewohnt. Der Untern'cht hat den vollen Beifall des Herrn Generalkonsuls gefunden, wie er denn überhaupt der jungen Anstalt seit ihrer Begründung ein lebhaftes Interesse entgegenbringt. Zeitschriften-Rundschau. Das erste Heft der hebräischen Monatsschrift „H asm an* ist vor einiger Zeit erschienen. Es enthält ausser den belletristischen Beiträgen von Brainin, Frischmann, Hirschbein, Juschkewitsch und anderen einen aus dem Manuskripte übersetzten Aufsatz von Dr. Max N o r d a u, eine Uebersetzung aus G. B r a n d es' „Menschen und Werke'4 von Dr. M. Ehrenpreis, ein Essay über Nietzsche von H. Zeitlin, einen Aufsatz über die Ugandafrage, eine Kritik Achad-Haams und eine Revue jüdischer Zeitfragen. Die Zeitschrift führt den vielverheissenden Titel: ,,Für Leben, Literatur, Kunst und Wissenschaft' ' und wird in Monatsheften von je zehn Druckbogen erscheinen. In Nr. °2 des laufenden Jahrganges drückten wir an dieser Stelle unsere Verwunderung aus, dass der Initiator des „Verbandes der hebräischen Schriftsteller41 Herr M. Kahn bisher nichts über seine Arbeiten für die endliche Gründung des Verbandes hören lasse. Nun veröffentlicht Her Kahn in allen hebräischen Tagblättern ein Schreiben, in weichem er die Ursache seiner Untätigkeit auseinandersetzt. Die Hauptschuld treffe nicht ihn, sondern das in Warschau seinerzeit eingesetzte Komitee zur Ausarbeitung der Statuten, das trotz mehrfacher Ermahnungen sich ganz passiv verhalten. Er sei daher gezwungen, die in Basel gesammelten Gelder vorläufig bei der „Bildungsgesellschaft"in St. Petersburg zu deponieren, während er noch drei Monate zuwarten wolle, bis die Statuten ausgearbeitet sein würden. Er würde es herzlich bedauern, wenn diese wichtige Institution nicht zustande käme. Hoffentlich wird sein letzter Mahnruf den gewünschten Erfolg haben. Das Organ der zionistischen Federation in Argentinien „Der Zionist", dessen Erscheinen wir vor kurzem angekündigt haben, hat sich eine hohe Aufgabe gestellt: Die Bekämpfung des Mädchenhandels. Trotz aller Präventivmittel, die in Europa gegen diesen schändlichen Handel angewendet werden, langen noch immer mit fast jedem Schiffe unglückliche Opfrr an, und Sache der argentinischen Judenschaft ist es, diesem Treiben entgegenzutreten, das den jüdischen Namen gar zu oft schändet. Das dürfte den Einheimischen viel besser, als allen auswärtigen Organisationen gelingen. In Nummer 2 des „Zionist" erschien ein flammender Aufruf zum ßoykot und zur Verfolgung aller, die diesem Handel direkt oder indirekt Vorschub leisten, und dieser Aufruf ha* die Händlerbande in nicht geringe Furcht versetzt. Das beweisen die vielen Drohbriefe an die Redaktion, in denen firedroht wird, dass sie in spanischer Sprache veröffentlichen würden, das« Juden Christenblut brauchen, falls man sie noch weiter verfolgen würd*! Ahe1»* diese Drohuncen werden die ehrlichen Leute, wie in Nr. 3 versichert wird, ni<*ht abschrecken, sondern vielmehr anstacheln, mit der schändlichen Bande gründlich aufzuräumen. Dazu ist sowohl die jüdische als auch die christliche Bevölkerung Argentiniens fest entschlossen. Nummer 4 desselben Blattes enthält eine Warnung für Emigranten, die über London nadh Argentinien kommen, im Glauben, do**t Beschäftigung zu findon. Namentlich werden ihnen von Herrn O stwal d Versprechungen gemacht und das Komitee des Lord Rothschild befördere sie nach Argentinien. Dort fänden sie ab*>r k«ine Arbeit und seien dem crössten Elend preisgegeben. Für Emigranten, die keine tüchtigen Handwerker sind und die Landessprache nicht kennen, sei in Argentinien kein Platz, es sei denn, dass sie von der .Ica" unterstützt, sich der Landarbeit widmen könnten. Ueber die Persönlichkeit des H°rrn Simon Ostwald, der die Emigranten mit seinem „philanthropischen" Schutze beglücken will, erfahren''wir aus der Warnung, dass er ein deutscher Aesimilationsjud« sei, der ^or kurzem in der ..La PI ata-Rund schau** über dip jüdischen Kolonien schrieb und unter anderem die charakteristische Äusserung tat:.....Die Semiten haben längst ihre hohe Mission erfüllt, die für di« Geschichte notwendig war. Heute bleibt ihnen nichts übrig, al* dass si<» als nützliche Elemente in den verschiedenen Völkern aufgehen.unter denen s^enunmehrwohn e n . Dieser Assimilationsp^ediger findet auch die Assimilation mit den Spaniern Argentiniens sehr natürlich, da dies** viel arabisches folerlich semitisches Blut haben! Wenn das die Absichten Herrn Ostwalds sind, so werden die jüdischen Emigranten aus Russland wohl auf der Hut sein. Der in London erscheinende „Hajehoodi" befasst sich in seinem letzten Leitartikel mit den Missbräuchen der „Chaluka" in Jerusalem. Das Blatt ist ein streng orthodoxes unri kann nicht im geringsten der ^Ketzerei* verdächtigt werden, die man den Gegnern der Chaluka vorzuwerfen pflegt — und doch raeint es, dass die enormen Summen die alljährlich von allen Ländern nach Jerusalem fliessen genügen mÜRsten, um tausende von arm^n Familien 7.11 ernähren. Allein die Jerusal«mer seien nur fähig „Inquisitionsgerichte" und „Banusprüche" zu produzieren, statt dafür zu sorgen, dass bemittelte, ja ganz reiche Familien von der Teilnahme an den Spenden der Chaluka ausgeschlossen werden, damit die wirklichen Armen gebührend unterstützt werden. Das Blatt zählt eine ganze Reihe von reichen Leuten auf, di^ von der Chaluka beteilt werden, trotzdem sie einträgliche Berufe haben; *s sind unter ihnen Kaufleute, Grund - und Häuserbesitzer. Bankiere u. dgl. . . 4 Eine Klage, die Jahrhunderte alt ist und die zu beherzigen schon wahrhaft an der Zeit wäre. Der Scbluss des Artikels wendet seine Spitze gegen Herrn Beikind, gegen den letztens von vielen Seiten Vorwürfe erhoben wurden. Hoffentlich wird es dem A.-C. gelingen, Licht in diese wichtige Affäre zu bringen. Henes. Eine neue zionistische Zeitschrift in Petersburg. Wie ein russisches Blatt meldet, wir^ demnächst in Petersburg eine Zeitung unter dem Titel .Zion" zu erscheinen beginnen. Gt. Feuilleton. Schiller und das jüdische Volk. (Zum 100. Todestage des Dichters.) Es liegt etwas Eigenartiges in unserer Stellung zu den deutschen Dichtern und in der Art, in der wir die Gedenktage an sie begehen. Die Dichtkunst ist, wie jede Kunst, — so möchte man glauben — international, sie ergötzt als solche, entzückt die Gebildeten aller Völker, und auch wir dürfen uns nicht beim Lesen eines Werkes und bei der Gesamtbeurteilung eines Dichters von der Frage leiten lassen, wie sich dieser Mann zum Judentum verhielt. Das künstlerische Moment