Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 „bi* # weit" Seite 11 Am Schlüsse seines sehr beifällig aufgenommenen Vortrages fordert der Redner die Anwesenden auf, die Bestrebungen der Zionisten zu unterstützen, die auf eine wirtschaftliche Hebung der Lage Palästinas abzielen. Nach einer kurzen Pause nahm Herr Dr. Franz Oppen- Ii e i m e r - Berlin das Wort zu einem Referat über „G e - nossenschaftliche A n s i e d e 1 u nr g". Redner bezeichnete e;s zunächst als die Hauptaufgabe des Zionismus, den um ihres Glaubens willen verfolgten osteuropäischen Juden zu einer neuen Heimat zu verhelfen und wenn man frage, weshalb denn gerade Palästina, so laute die Antwort, weil dieses Land aus religiösen Gründen besonders für die in erster Liroie in Betracht kommenden osteuropäischen Juden geeignet ist. Redner geht dann näher auf die national-ökonomische Seite seines Themas ein und betont, dass fast alle Volkswirtschaft!er sich darin einig sind, dass alle sozialen Leiden vom dem privaten Eigentum herrühren, denn je grösser die Produkte des Bodens sind, desto grösser wird auch die Verschuldung des Bodens. Die heutige Kolonisation leide daran, dass sie meistens nur e: e agrarische ist. Die genossenschaftliche Grundlage der Kolonisation dagegen wolle keine Bodenspekulanten, sondern nur Bauernschaften herbeiführen. Wenn wir dies in Palästina wieder einführen, dann stellen wir den alten von der Bibel ■■eingeführten Zustand wieder her, wie Redner des näheren ausführt. NaCh. der vom Redner vertretenen Ansicht müsse mindestens als Ueber^angsstadium der genossenschaftliche Gemeindebetrieb und nicht die Einzelbewirtschaftung eingeführt werden, so dass die Genossenschaft den einzelnen als Lohnarbeiter auf dem von ihr erworbenen Grundkomplex einsetzt. Dieser Arbeiter soll jedoch an dem Ertrag des von ihm bearbeiteten Bodens partizipiere , und zwar nach einem vom Redner ausgearbeiteten Plan mit 75 Prozent, so dass er später in der Lage sein wird, das Land für eigene Rechnung, etwa in Erbpacht, zu bearbeiten. Der Redner weist dann ausführlich nach, wie die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften prosperieren müssen im Gegensatze zu den Kreditgenossenschaften, und wie bei genossenschaftlicher Bewirtschaftung die Kapazität des BocLns unbegrenzt ist. Am Schlüsse seines sehr beifällig aufgenomme: en Vortlages teilt Herr Dr. Oppenheimer noch mit, dass sich zu Beginn dieser Woche in Berlin ein Konsortium gebildet habe, das auf neutralem Gebiete einen Versuch mit landwirtsch "•• liehen Produktionsgenossenschaften machen will und verspricht er sich davon sehr gute Resultate. Als Versuchsobjekt sei ein grosses Terrain in der Nähe Hamburgs in Aussicht genommen und hoffe Redner, dort tüchtige Pioniere für die Kolonist n Palästinas auszubilden. In der Diskussion betont Herr Ritter zunächst, dass e: nach seinen in allerjüngster Zeit an. Ort und Stelle gemachten Erfahrungen die Prosperität der Kolonie unter türkischer Oberherrschaft stark bezweifeln müsse. Herr Professor Warburg erwidert, dass der Mangel an. Gedeihen der jetzigen Kolonien auf die Nichtinnehaltung des genossenschaftlichen Systems zurückzuführen sei. London. Am vorigen Sonntag wurden in einer in London stattgefundenen konstituierenden Versammlung <J*r ,.Palestinian Zionist Association14, an der sich zahlreiche englische zionistische Ver°ine beteiligten, die folgenden Resolutionen augeaemmen: 1. Angesichts dessen, dass in der letzten Zeit von verschiedenen Zionisten die Idee einer Besiedelung ausserhalb Palästinas vertreten wird, rufen wir die Palästinensische zionistische Gesellschaft ins Leben, indem wir gegen derartige, den fundamentalen Prinzipien des Zionismus entgegengesetzte Projekte protestieren und der neubegründeten Gesellschaft die Aufrechterhaltung der im Baseler Programm enthaltenen ursprünglichen Postulate des Zionismus zum Ziel setzen. 2. Wir betrachten die Vorlage des Ostafrika projektes oder irgend eines territorialistischen Planes vor den Zionistenkongress als eine Gefahr für die Bewegung, die von jedem Kongresse ferngehalten werden muss. 3. Wir erklären uns bereit, uns zu gemeinsamer Aktion mit jeder zionistischen Gruppe zu verbinden, die sich auf unseren Standpunkt stellt. 4. Wir erklären endlich, dass unserer Ansicht nach Territorialisten, die eine Wiedergeburt der nationaljüdischen Existenz ausserhalb Palästinas erstreben, nicht berechtigt sind, sich Zionisten zu nennen. Gewählt wurden: zum Präsidenten Rev. Dr. M. Gast er, zu Vizepräsidenten Dr. M. Bernstein, E. I s h-K i s h o r, zu Schriftführern M. Bosen ber&r, S. Supperstein, H. I Morsrenstein, zum Kassier A. Engländer, in den Ausschluss Rev. J. K. Goldblum, Dr. Ch. Wehzman, M. Shire, J. Breuer, J. Janischewsky, S. Aaronnohn, J. Pearl, J. Narodizky, J. Greinstein, D. Schwartz, A. Marks, M. Suprein, J. Isikowitsch, B. Rafaelowitsch, H. Luzinsky. Glasgow. Der Verein ,,3'nei Zion« in Glasgow nahm in einer Volksversammlung nach einer Rede des Alderman J, Moser aus Bradford folgende Resolution einstimmig an: Dieses Meeting Glasgower Zionisten beschliesst, sich dafür einzusetzen, das A.-C. in seinen Arbeiten zu unterstützen und die zionistischen Prinzipien überall zu betonen, wo sich eine Gelegenheit dazu bietet. Liverpool. Wir hatten am 10. April ein ganz besonderes Ereignis im hiesigen zionistischen Leben zu verzeichnen, indem wir Mr. Israel Z an g w il 1 nebst Gemahlin als Gäste begrüssen durften. Vor einer grossen Zuhörerschar führte Herr Zangwi ll, der bekanntlich erst vor einigen Wochen von seiner Amerikareise nach England zurückgekehrt ist, in längerer, von satirischem Humor gewürzter Rede aus, was für uns der Zionismus zu bedeuten hat, insbesondere mit Rücksicht auf das Ostafrikaprojekt. Redner appellierte mit überzeugender Begründung an alle Kreise für die zur Erhaltung der jüdischen Nation durchaus notwendige Förderung der zionistischen Sache und wies besonders darauf hin, welch grossen Einfluss der Zionismus in unserer Stadt auf die zionistische Arbeit in England ausübt, indem das hiesige Wirken für den Zionismus an erster Stelle im britischen Reiche steht. Seiner Rede, mit grosser Begeisterung aufgenommen, folgte eine sachkundige Erörterun g über Ostafrika durch Herrn Belischa aus Manchester, worauf die Versammlung auch das Vergnügen hatte, durch eine kurze, geistreiche Ansprache der anmutigen Gemahlin Zangwills beehrt zu werden. Eine einstimmig angenommene Dankesresolution an Herrn Zangwill beschloss die Versammlung, die für die hie igen Zionisten bleibende Erinnerung bieten wird. Jassy. „Cercul de lectura Sionist" veranstaltete einen Ball. Reinertrag zur Vergi Össerung der Vereinsbibliothek und zur Begründung eines nationaljüdischen Turnvereines. Starker Besuch seitens der Intelligenz, grosser Erfolg des Komitees, an der Spitze Herr Dr. K. Lippe. Lebende Bilder zionistischen Charakters. Herr Ph. Rosenstein um Mitternacht eine kurze Ansprache (Beifall), worauf von Fräulein Toni F^insilber und Herrn Ph. Rosenstein für den Nationalfonds gesammelt wurde. Der Ball dauerte bis in den Morgen. Besonderen Verdienst um das Zustandekommen des Balles erwarben sich noch Frl. Estella Kaufmann, Herr Hermann KisLr, D. Früling etc. — Zwecks Entfaltung einer umfassenden Propaganda haben die hiesigen zionistischen Vereinigungen zu einem Mittel gegriffen, das Nachahmung verdient. Eine jüdische Theatertruppe aus Amerika unter der Leitung des Herrn S. Krause hat sich in den Dienst obiger Vereine gestellt und bringt täglich zionistische Stücke zur Darstellung. Da die Truppe sehr tüchtige Kräfte besitzt und die Dramen effektvoll aufführt, wird damit bei den Zuschauern großartiger Eindruck hervorgerufen und werden täßlich den zionistischen Verpinen neue Mitglieder gewonnen. Den Aufführungen schliessen sich gewöhnlich Agitationsreden und Sammlungen für den Nationalfonds an. Todesfall, im Alter von 71 Jahren starb Lehrer S.Epstein in Ottakring, Freund und Förderer der hebräischen Sprache, zu deren Studium er die Schuljugend an eiferte. Die Beerdigung fand am vorigen Freilag bei sehr zahlreicher Beteiligung statt. Er ruhe in Frieden! ♦rcattr Welt-^bronik- Das Schächtverbot im Wiener Gemeinderate. Die Wiener Stadtväter haben sich ein kleines Spektakelstück für ihre Wähler geleistet. Sie haben ihnen gezeigt, dass sie den Juden eins versetzen möchten — wenn sie könnten. Mehr kann das vom Gem8inderate beschlossene Verbot respektive die von ihnpn dekretierte Vorschrift für das Schächten nicht bedeuten. Es gibt noch andere, höhereinstanzen in Oesterreich, die nichtso ohne weiteres für diese Betätigung antisemitischer Parteigrössen zu haben sind. Selbst dem Bürgermeister Dr. Lue g er war dieses Spektakelstück nicht angenehm. Er hat in sehr drastischer Weise von einer Suppe gesprochen, die sich die Herren eingebrockt hätten und die sie nun auslöffeln mögen. Immerhin, die Herren Bielohlawek und Genossen haben Arbeit geleistet Die Sozialdemokraten haben sich mit der Abgabe einer lahmen Erklärung begnügt. Wozu auch sich für die Juden anstrengen? Die reichen bauen ihnen Häuser und die ärmeren unterstützen sie mit dem Wahlzettel. Auf ihre Liebe kann die österreichische Sozialdemokratie offenbar leicht verzichten.