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Die Welt · 1905-05-05 · 18 (5.5.1905) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 18 „Me # weit" Seite 7 sen in Russland und auch die verhängnisvolle Zukunft, der sie entgegengehen. In K r e m e n t s c h u g, der am Ufer des Dnjepr liegenden schönen Stadt Südrusslands, wo über 40 000 Juden leben, hai sich vor kurzem ein Drama abgespielt, das sich für die dortigen Juden zu einer erschütternden Tragödie gestaltete. Ein Offizier des in Krementschug in Garnison liegenden ersten Wolga-Kosaken-Regiments, namens Kulow, wurde in der Nacht von unbekannten Tätern überfallen und durch Dolchstiche schwer verwundet. Wenige Tage darauf erlag er auch diesen Verwundungen. In jedem anderen Staate würde man das Ergebnis der eingeleiteten Untersuchung abgewartet haben, um über den Charakter des Mordes selbst sowie über die Täter ein endgültiges Urteil fällen zu können; in Russland aber verfuhr man ganz anders, oder nach russischer Art. Kaum hatte man Zeit, den schwerverwundeten Kosakenoffizier Kulow in das Militärspital zu transportieren, als die „Nowoje Wremja" das Telegramm „einer gutunterrichteten Persönlichkeit aus Krementschug" publizierte, in welchem die empörende Behauptung aufgestellt wurde, dass der Mord von den Juden verübt wurde, dass die ganze jüdische Bevölkerung der Stadt an dem Morde schuldig sei . . . Und im Nu stellten sich die verhägnisvollen Folgen dieser Verleumdung ein. Der kommandierende General des Kosakenregiments Hess den Rabbiner und zwei Vorsteher der jüdischen Gemeinde von Krementschug zu sich kommen und sagte ihnen wörtlich: „Ich fordere die Juden von Krementschug in aller Güte auf, die Mörder meines Offiziers Kulow auszuliefern; es würde sonst den Juden schlecht ergehen." Man kann sich leicht vorstellten« welche Bestürzung sich der Vorgeladenen bemächtigt hatte. Ihr Versuch, die jüdische Bevölkerung gegen diese grundlose Beschuldigung in Schutz zu nehmen, wurde nach Kosakenart zurückgewiesen . . . Das Unerhörte aber spielte sich erst bei der Beerdigung des seinen Verletzungen erlegenen Offiziers Kulow ab. Der Geistliche, welcher die Trauerfeier leitete, hatte den Mut, in seiner Grabredeganz deutlich die Juden der Ermordung Kulows zu zeihen und die Volksmassen aufzufordern, diesen Mord zu rächen . . . Die Worte des Generals und die Aeusserurgen des ehrenwerten Geistlichen begannen alsbald greifbare Folgen hervorzurufen. Die Kosaken fingen an, die Strassen zu durchstreifen und alle Personen jüdischen Glaubens, Männer, Frauen und Kinder, welche ihnen begegneten, mit den berüchtigten Nagaiki (Knuten) zu misshandeln. Niemand von den lokalen Behörden trat für die Unglücklichen ein, so dass die Panik unter den Juden immer intensivier wurde. Es kam so weit, dass die Juden es nicht mehr wagten, ihre Wohnungen zu verlassen. . . . Diese tragischen Zustände hätten vielleicht ein blutiges Ende ä la Kischenew genommen, wenn es' inzwischen der Untersuchung nicht gelungen wäre, die wahren Mörder Kulows zu eruieren. Diese erwiesen sich als die Untergebenen des Ermordeten, die Kosaken Butenko undl K a s a k o> w, welche aus Rache den ihnen verhassteni Kulow erlmordet hatten . . . Die Unschuld der zutode geängstigten Juden trat zutage, aber weder der General noch der Geistliche noch die ,„Nowoje Wremja" besassen soviel Ehrlichkeit, um durch eine öffentliche Erklärung den Juden von Krementschug irgend welche Genugtuung zu bieten und sie in dien Augen der unwissenden Volksmassen zu rehabilitieren .... Die hasserfüllten Worte der „Nowoje Wremja" und die beschuldigenden Aeusserungen des Kosakengenerals und des. Popen nahmen, aber ihren Weg durch das ganze Reich und verschärften die Stimmung gegen die Juden masslos. Und diese Stimmung gestaltet sich für die Juden immer gefahrdrohender. In allen grossen und kleineren Städten Russlands, wo Juden leben, wird, wie die russischen Blätter melden, eine masslose Agitation «gegen unsere Volksgenossen betrieben., welche früher oder später die von den Judenfeinden gewünschten ,,Früchte" tragen wird. In den. grösseren Städten hat diese ununterbrochene Agitation unter den Juden unbeschreibliche Panik erzeugt, und die russischen Blätter sind voll von Berichten, in denen die Furcht der jüdischen Bevölkerung vor Metzeleien zu deutlichem Ausdrucke gelangt. In K i s c h e n e w werden die Vorbereitungen zu einer Judenhetze im Stile der Metzeleien von 1903 getroffen. Die „Petersburgskijä Wjedo-mosti", die „Nowosti'4 und die „Odesskija Nowosti" enthalten unheimliche Berichte über diese Agitation gegen die Juden. Proklamationen, welche zu einer Judenhetze auffordern, werden in tausenden von Exemplaren verbreitet. Die Panik trieb tausende jüdischer Familien aus Kischenew und aus der Heimat. Der Gouverneur von Bessarabien, Kammerherr Marusin, von dem geängstigten Juden um Schutz angefleht, Hess in den Strassen Kundmachungen plakatieren, in denen vor Aufreizung zum Hasse gegen die Juden unter Androhung schwerer Strafen gewarnt wird. Auch der Kischenewer Erzbischof Wladimir hielt es für notwendig, die Bürger zur Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung aufzufordern. Doch auch diese Massnahmen haben nicht vermocht, die Furcht unter dem Juden zu bannen. Der Ansturm der wohlhabenden Juden um Pässe zur Reise nach dem benachbarten Rumänien ist noch immer gross. Auch in Elisabethgrad wird die Judenhetze emsig betrieben. Dort werden Proklamationen folgenden charakteristischen Inhaltes verbreitet: „Brüder, schlagt die Juden tot, denn sie wollen einen Umsturz herbeiführen! Die Polizei wird uns belohnen, wenn wir die Studenten und Juden niederhauen; die Polizei' ist mit uns, denn sie hat uns 50 Kop. täglich geboten, wenn wir die Juden: prügeln. Brüder, schliefst euch uns an, die Polizei wird uns alles geben, was wir brauchen!" In Dünaburg herrscht unter den Juden, wie die „Nowosti" meiden, ebenfalls grosse Bestürzung, weil auch dort öffentlich zur Plünderung der Juden aufgefordert wird. Die Polizei dagegen konfiszierte bei allen Juden Waffen, welche diese zu ihrem Schutze erworben haben . . . Die gehässigstem Aufrufe zur Judenhetze werden jedoch in den Städten Kiew, Nikolajew, Odessa, Che rson, Bendery, Akkerman verbreitet. Dieser Aufruf lautet: _ „Die Oesellschaft der Nationalisten" zu Kiew, mit Zweigvereinen in Nikolajew, Odessa, Cherson, Bender, Akkermann, erkennt die Ursache der Unzufriedenheit, die sich gegenwärtig in Russland breit macht, in der jahrzehntelangen Gleichgültigkeit des russischen Volkes gegenüber den Andersgläubigen. Die Rufe „Fort mit der Selbstherrschaft!". „Nieder mit der Regierung!". „Nieder mit dem Zaren!" — unserem Väterchen — das sind Rufe jener Blutsauger, die Juden heissen; auch Armenier. Polen, Grusinier und andere wünschen alles in ihre raubgierigen Klauen zu nehmen und über das strenggläubige Volk zu herrschen, das seit Jahrzehnten sein Blut vergiesst für seinen Glauben und für Väterchen Zar. Unsere Gemeinschaft, die augenblicklich 297 365 Mtiglieder zählt, passt den Juden und anderem Nationalitäten, auf, die mit Geld nicht sparen, um die Arbeiter zu be Sitechen, um mit deren Hilfe den Aufruhr hervorzubringen, den sie nötig haben, um die Herrschaft an sich reissen zu können. Dank den Juden sind Frankreich (?) und Polen gefallen, und das gleiche wollen sie auch mit Russland erreichen. Freunde, nehmt euch vor de*n Juden in acht! Doch bald wird wohl die glückliche Zeit im Russland anbrechen, da es keine Juden mehr geben wird. Alle Not, alles Elend unseres Lebens sind die Juden. Nieder mit den Verrätern, den Juden, nieder mit der Konstitution! Es lebe der Zar!" In M o h i 1 e w am Dnjepr betreiben Staatsbeamte die Judenhetze. Die „Nowosti" wissen darüber haarsträubende Dinge zu erzählen. In allen Kirchen wird der Kreuzzug gegen die Juden gepredigt, während Beamte der Reichsbank antijüdische Proklamationen verfassen und verbreiten. Der Gouverneur Klingenberg dagegen tut nichts, um die aufgeregte jüdische Bevölkerung irgendwie zu beruhigen .... Und zu guterletzt publiziert der offizielle „Regierungsbote" die aufreizende, an Gehässigkeit gegen die Juden ohne Beispiel dastehende, zehn Druckbogen lange Rede, welche der bekannte Moskauer antisemitische Advokat S chm a k o w als Verteidiger der Mörder der Homeler Juden gehalten hatte. Aus den Werken der lügnerischen Judenhasser' Eisenmenger, Justus Brimanus, Rohling e tutti quanti nahm Schmakow seine Beschuldigungen gegen die Juden, und das Amtsblatt der russischen Regierung druckt a 11 e s, a 11 e s ab . . . Bedarf es noch des Kommentars? Wer Augen hat, der muss sehen, wie düster' und traurig sich die Lage unserer Volksgenossen in Russland immer mehr gestaltet. Denn dass eine derartige intensive Agitation, gegen die Juden früher oder später in fürchterlichen Metzeleien der Juden sich entladen wird, dürfte kaum bezweifelt werden können. Unter solchen Verhältnissen überrascht es nicht, wenn Erleichterungen für Katholiken, Protestanten, Anhänger verschiedener Sekten und. auch für die Mohammedaner geplant werden und nur der Juden allein mit keinem Worte gedacht wird. Sollte man wirklich auf ihre Ausrottung oder Auswanderung so sicher rechnen? Gt. Der Durchzug ausserdeutscher Auswanderer durch Preussen .*) Auf Grund der sogenannten Paupersgesetze verweigern die amerikanischen Eiinwanderungsbehörd.en mittellosen und erwerbsunfähigen. Einwanderern die Landung und senden sie nach den Einschiffungshäfen zurück. Durch die im März 1891 und 1S93 erfolgte Verschärfung dieser Gesetze fühlten sich die verschiedenen Staaten, in denen die hauptsächlichsten Einschif- *) KprrespondenzbÜiatt des ..Zentralbureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten'1 Nr. 4.

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