Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „bt* # Nr. 18 sondern von Propagatoren des Nationaljudentums kommen— da sie ausser]ich nicht im Gegensätze zu den von uns befolgten Prinzipien stehen, sondern nur deren Abschwächung zu sein scheinen; und da diese scheinbar nur eine Abschwächung, Eindämmung unserer angeblich zu weit gehenden Ideen bedeutenden Vorwürfe mehr als irgend etwas eine eminente Gefahr für unsere dem Ideal zustrebende Bewegung in sieh begreifen. Es sei unverantwortlich, sagen die nationaljüdischen Aestheten, vom Golus immer nur als von etwas unverrückbar Schlechtem zu sprechen, ohne damit etwas anderes als die Gewinnung der jüdischen Massen für die Ziele des politischen Zionismus zu wollen. Und man versucht die Argumente des politischen Zionismus zu diskreditieren, indem man negiert, dass die Harmonie der. Seele im Golus für den empfindsam organisierten Kulturjuden unmöglich ist, seien seine politischen Rechte noch so gross und jede ökonomische Not von ihm genommen; man glaubt ferner unserer Agitationswirksamkeit zu erschüttern, um vielleicht rascher zu erzielende, ephemere Erfolgezu erringen, indem man die Tatsache leugnet, dass die Eintiegelung der Juden in eine ihnen völkisch antagone Masse von vornherein soziale Befreiung ausschliesst. Nur weil die Werbekraft unserer positiven Postulate zu schwach, suchen wir angeblich die jüdischen Massen für unsere Ziele durch die Uebertreibung der Schärfen unseres gegenwärtigen Zustandes, die wir als imanent erklären, zu gewinnen; und durch unsere Behauptung, ein Ausleben jüdisch-völkischer Ideale sei im Golus ohne nationale Autonomie undenkbar, schüren wir die unerfüllbare Sehnsucht nach dem jüdischen Staat im Lande der Väter. Man hat dem konsequenten politischen Zionismus auch vorgeworfen, er kokettiere mit der Theorie der Verelendung. Es bleibe unerörtert, ob in den Anfängen der Bewegung aus verfehlten taktischen Erwägungen heraus tatsächlich die politische und wirtschaftliche Verelendung jüdischer Massen als Vorbedingung zionistischer Erfolge angesehen wurde. So viel ist aber sicher, dass der Zionismus heute in keinem Lager katastrophal-revolutionären Theorien huldigt und dass auch im Zionismus, als einer modernen Bewegung, * das Prinzip der Evolution zum Siege gelangte und allen Erwägungen zugrunde gelegt wird. Unbeschadet der Anerkennung evolutionistischer Grundsätze, oder vielleicht gerade weil eine naturwissenschaftliche Betrachtungsmethode den modernen Juden zum Zionisten gemacht hat, musste die Grundanschauung aufrechterhalten bleiben, dass nur die Flucht aus dem Golus den Juden Rettung aus seelischer Not bringen könne. Beugen wir uns doch einem ehernen Naturgesetze, wenn wir der Umklammerung unserer Hasser entstreben. Anerkennen wir doch damit den nicht wegzuleugnenden, innerlich begründeten Antagonismus der Völkerarten. Passen wir unsere Politik damii doch nur den Anschauungen der zeitgenössischen Soziologie an; dem Worte Friedrich Ratzels von der „Einwurzelung einer Bevölkerung in den Boden" und der Theorie Ludwig Gumplowicz', der in der Bodenständigkeit und im geeigneten geschlossenen Territorium die Bedingungen für die Existenz einer Nation sieht. Nicht jeder Jude sieht und empfindet freilich immer und überall die Golusnot. Oft ruht doch unter einer schimmernden Fläche das Unheil. Nicht überall und immer ist ferner die Not des Golus akut oder noch besser aktuell; der soziologisch geschulte Blick aber wird hinter allen sozialen Erscheinungen das Golusmoment erkennen. Sind d^nn die entscheidenden Kennzeichen des Golus die ökonomische Not der Juden in Galizien, ihre politische und bürgerliche Rechtlosigkeit im absolutistischen Russland oder im konstitutionellen Rumänien? Wir haben keine Garantien, dass in einem bestimmten Momente nicht auci in einem autonomen Juda Klassengegensätze sich geltend machen und ökonomische Not unsere Massen heimsuchen wird; das und der Grad politischer Freiheit im Zukunftsstaate wird abhängen davon, ob die reaktionären oder die fortschrittlichen Elemente innerhalb der Bewegung siegen werden. Was aber im Golus möglich ist, wird es nicht auch in einem autonomen Juda sein: dass nur die Juden ökonomische Not leiden, dass nur die «Judenpolitisch und sozial mehr oder minder unfrei sind. Und wenn auch im Judenstaat verschiedene Klassen Interessen eine soziale Schichtung bis zu dem Momente verursachen werden, da auch wir das sozialistische Ideal verwirklicht haben, so wird diese Schichtung doch nicht das Produkt sein einer Verschiedenheit im völkischen Empfinden. Es wird wegfallen, was das entscheidende Kennzeichen des Golus ist: dass man uns ökonomisch unterdrückt, politisch entrechtet und sozial ächtet wegen unserer; nationalen Verschiedenheit. Es möge immerhin darauf verwiesen werden, dass Arbeiter und Kapitalisten wegen ihrer Interessen sich in Kampfstellung gegenüberstehen müssen, dass die einen und die anderen auf Grund gemeinsamer Interessen sich zu Klassen zusammenschliessen — trotz aller Interessen gemeinsamkeit schaßt das innerste Volks empfinden unüberbrückbare Gegensätze. Innere Berechtigung hätte das Wort „Ueberspannung des Golusbegriffes" nicht einmal solchen zionistischen Eiferern gegenüber, die einer rascheren Verwirklichung zionistischerziele zuliebe die Verelendung jüdischer Massen anstrebten. Wo aber sind heute diese Eiferer und welchen Einfluss haben ihre Tendenzen auf den politischen Zionismus? Wir sehen im Gegenteil heute, dass gerade dort, wo der politische Zionismus eingreift, die eingeschlummerten Kulturkräfte des Judentums zu neuem Leben erwachen. Und die heut« als Zionisten die Golusnot mit Bewusstsein betonen, predigen mit nichten damit auch ein Beiseitestehen in allgemein politischen Fragen, ein Sichverschliessen vor den allgemeinen Menschheitsidealen. Das Gegenteil davon ist der Fall. Noch keine jüdische Bewegung hat in dem gleichen Masse wie der moderne politische Zionismus die Notwendigkeit erkannt, wirklichen wahren Fortschritt zu fördern. Und erst aus dieser Erkenntnis heraus wurden wir uns dessen bewusst, dass die Ziele des Zionismus nur erreichen werden eine aus sichselbst heraus politisch erstarkte Juden he it. Aber nur das Erkennen und volle Verstehen der Golusnot in allen Spielarten kann unsere Kräfte in dem Masse anspannen, um uns zu befähigen auch das Höchste zu erreichen : Herren im eigenen Hause zu werden. Durch systematische, fortgesetzte Gegenwartsarbeit, immer das unsere Kräfte zur höchsten Leistung anspannende Endziel vor Augen, werden wir jene politische, wirtschaftliche und kulturelle Stärke erreichen, die notwendig ist, um die aus dem Golus in die Heimat führenden Wege zu finden. Vergessen wir aber dessen, dass wir alle im Golus nur Augenblicksvorteile erlangen, nie aber uns zu nationaler Vollexistenz emporringen können, dann werden wir das erleiden, dem kein Volk ohne eigenes Territorium auf die Dauer entgehen kann : den Völkertod! Aus Russland. Un»serie Volksgenossen in Russland durchleben gegenwärtig schwere Zeiten. Drohende Gewitterwolken haben sich über ihren Häuptern zusammengezogen, dunkle Mächte haben sich ziisanimengetan, um ihr unmögliches Dasein noch unsäglich schwieriger zu gestalten . . .- Was die nächste Zukunft unseren Brüdern, im Zarenreiche bringen wird, lässt sich nicht voraussagen, aber vorausahnen. Eine Reihe von Tatsachen und Episoden aus dem Leben der Juden in Russiand, von denen die russischen Blätter neuesten Datums wimmeln, kennzeichnen lie ganze Tragik der gegenwärtigen Lage unserer Volksgenos-