Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Kr. 18 „biC # Welt" Seite 5 meine tätige Mithilfe bei der kaiserlich türkischen Regierung ihnen zur Verfügung zu stellen". Ich weiss gar wohl, dass die Weigerung der „Icaa, mit den Ziöniöten mitzuarbeiten teilweise daherrührt, weil sie durch ihre 193 Institutionen' völlig in Anspruch genommen wird. Aber dessenungeachtet hätte sie noch leicht die paar tausend Pfand für diese historische Expedition herbeischaffen können. Sollte der Bericht der letzteren günstig sein, so werden sie nicht dastehen und ihre Mithilfe verweigern können, da doch wohl ihre Jewish Colonisation Association nicht bloss für Kolonisation schlechthin, sondern für jüdische Kolonisation bestimmt ist. Nicht etwa dass wir jetzt ihr Geld nötig haben, oder die von ihr erzogenen Arbeiter. Ich bin bereit, mit ihr Hand in Hand zu arbeiten und Vergangenes vergangen zu sein lassen. Aber die Nachkommenschaft wird nicht glauben wollen, dass in demselben Jahre, in dem in Amerika allein ein Jude eine halbe Million Dollar für eine Musikakademie in New York und ein anderer eine Viertel Million für eine Bergschule an der Kolumbia-Universität spendeten, in einem Jahre, im Laufe dessen ein englischer Jude nach Amerika eine Erziehungskömmission entsendet hat, ein Sümmchen von zweitausend Pfund, das Minimum für die Bestreitung der Kosten dieser kleinen jüdischen Expedition, nach dem Verlauf einer Jahresfrist von einem anonymen Spender verschafft wurde, von dem ich bloss sagen kann, dass er ein Christ ist. Ich habe immer vorhergesagt, dass ein Tag kommen werde, an dem die Juden zu den Christen kommen werden, im Gegensatza zur früheren Geflogenheit. Der Zionismus hat schon dadurch einen Platz in der Geschichte verdient, dass er die einzige Bewegung ist, die nicht von Jaden finanziell unterstützt wird. (Schluss folgt.) Die englische Fremdenbill. In der Vorwoche wurde die Alien Immigration-Bill im englischen Parlament, und zwar im House of Commons, vom Staatssekretär Mr. A'kers-Douglas eingebracht. Sie lautet folgendermassen : DieRegulierungderFremdeneinwanderung. 1. Kein Einwanderer soll in einem anderen Hafen landen dürfen als in dem, wo sich ein Beamter für die Kontrolle der Einwanderung befindet. 2. Kein Einwanderer darf ohne die Erlaubnis dieses Beamten gelandet werden und eine derartige Erlaubnis ist erst nach ärztlicher Untersuchung zu geben. 3. Ausgeschlossen von der Einwanderung sind: a) Personen, die nicht genügend Mittel haben oder nicht nachweisen können, dass sie sich anständig zu ernähren vermögen; b) Irrsinnige, Idioten, Kranke oder solche Leute, die vermutlich den Kassen des Landes zur Last fallen würden : c) Personen, die im Auslande für ein Verbrechen verurteilt wurden, das mit Auslieferung bedroht ist. Politische Verbrecher werden wegen ihres Vergehens nicht an der Landung verhindert. 4. Die Landung soll nicht verweigert werden, wenn der Einwanderer nachzuweisen imstande ist, dass er den Zutritt zum Lande lediglich wegen Vergehen politischer Art sucht. 5. Wird einem Einwanderer die Einwanderung verweigert, so hat der Kapitän oder Eigentümer des Schiffes, auf dem er sich befindet, die Kosten seiner Rückbeförderung zu tragen. 6. Ausländer, die bereits in England ansässig sind, können auf Antrag des Staatssekretärs ausgewiesen werden für Vergehen, für die Gefängnisstrafe ohne die Wahl einer Geldstrafe vorgesehen ist. 7. Die Richter erhalten die Machtvollkommenheit, be; Ausländern statt einer Strafe oder Zusatzstrafe die Ausweisung zu empfehlen. 8. Wenn ein Ausländer drei Monate hindurch von der Gemeinde, in der er wohnt, Unterstützungen erhalten hat, die ihm als Engländer die Ausübung des Wahlrechtes entziehen würden, so kann er ausgewiesen werden, 9. Etnwanderungbeamte sollen zunächst angestellt werden in: Leith, Grimsby, Hull, Harwich, Newhaven Southampton und London. 10. Die Anzahl der kontrollierten Häfen kann nötigenfalls erhöht werden. Die neue Bill weist einige Verbesserungen auf, wenn man sie mit der des Vorjahres vergleicht. Vor allem ist jes zu begrüssen, dass eine Appellation der Zurückgewiesenen an den Immigration Board vorgesehen ist. Diese Körperschaft soll au3 drei Mitgliedern bestehen. Es ist wahrscheinlich, dass sich ein Mitglied des Londoner Jewish Board of Guardians unter diesen drei Mitgliedern befinden werde. Am meisten Bedenken erregen die Punkte 4, 6 und 7 wegen ihrer Dehnbarkeit. Die englische Judenschaft sieht mit Recht in diesem Gesetze den Beginn einer Politik, die auch für die in England ansässigen Juden eine ernste Mahnung bedeute. Die von den oppositionellen Abgeordneten Mrs. Atherley-Jones, Sir Charles Düke, Mr. Trevelyan und Mr. Keir-Hardie eingebrachten Amendements haben keine Aussicht auf Annahme und bedeuten auch, wenn sie angenommen würden, nur wenig. Die Bill wurde auch bereits in zweiter Lesung mit 211 gegen 59 Stimmen angenommen. — r. Golus. Von Otto Kraus. Nicht ganz richtig formte Herr Dr. Felix Pinkus in einer der letzten Nummern der „Welt" das, was er augenscheinlich meinte, wenn er die Notwendigkeit betonte, jetzt mehr als je an der ursprünglichen Form des von Herzl initierten politischen Zionismus festzuhalten. Der dem politischen Zionismus in letzten Zeit immer häufiger gemachte Vorwurf, er überspanne den Golusbegriff. zwingt uns vielmehr, d«n Inhalt der Herzlichen Ideen nicht nur in uns zu vertiefen, sondern auch zum unverrückbaren, leitenden Gesichtspunkt jeglicher zionistischer Agitation zu machen. Was den Inhalt von Herzls Ideen zum Ausgangspunkt einer grossen, modernen Volksbewegung gemacht hat, ist weniger, dass er uns mit genialer Intuition die zu beschreitenden Wege wies, als dass er, fast mehr aus seinem künstlerischen Temperament heraus, denn soziologischen Erwägungen folgend, den völkerpsychologischen Konflikt erfasste, der entstehen musste aus dem Leben national indifferenter und uninteressierter jüdischer Massen innerhalb nationalbewusst werdender Völker. Man wird darum kaum fehl gehen, wenn man sagt, der eigentlichste und wichtigste Inhalt des, wie unsere Gegner gerne sagen, „Herzliauismus" ist seine durchaus moderne Fassung und Formulirung des Golusbegriffeß. Modifizieren wir den Herzlichen Golusbegriff, dann rütteln wir an den Grundpfeilern des politischen Zionismus und berauben ihn nicht nur seines besten Agitationsmittels, sondern verschieben auch seine theoretische Grundlag**, die allein in den seit dem Tode des Führers so laut wiederhallenden Diskussionen eine sichere Richtschnur für die von uns einzuschlagende Taktik sein kann. Nicht so sehr von den „Assimilanten*, als von einer mehr ästhetischen Weltanschauung anhängenden Nationaljuden wird uns der Vorwurf einer „Ueberspannung des Golusbegriffes8 gemacht. Umso notwendiger ist es aber, diesen Vorwürfen zu begegnen, als sie nicht von Gegnern,