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Die Welt · 1905-05-05 · 18 (5.5.1905) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 „bi* # Wf;ir Seite 3 allein macht sie nicht heilig, wenn ihnen der wahre jüdische Geist abgeht. Wahrend beinahe in allen Synagogen der Welt Trauergottesdienste für Herzl abgehalten wurden, war er für die grosse Deutsche Synagoge in Jerusalem noch immer ein .Ketzer und sie ignorierte ihn. Dagegen hielt man dort Gottesdienste für die Erfolge der russischen Waffen ab. Nein, lieber Zionismus ohne Zton, als Zion ohne Zionismus. Ich möchte anderen die Entwicklung der bereits existierenden palästinensischen Kolonien überlassen, um irgendwo ein provisorisches Palästina zu suchen. Jedes Territorium, das jüdisch wäre und unter einer jüdischen Flagge stünde,?würde den Körper und den Geist der Juden retten, ein Sammelpunkt für den Zionismus werden, eine Vorschule für die Selbstverwaltungskunst, ein Hebel von politischer Bedeutung und ein Pflanzboden zur Vorbereitung von Ackerbauern für Palästina. Sie werden wohl vom rollenden Pflaster in der Pariser Ausstellung gehört haben, das die Wagen und die Lokomotive überflüssig machen sollte. Das erste Pflaster kam so langsam herangerollt, dass man hinaufspringen konnte. Erst dort begann das wirkliche rollende Pflaster, das Sie rasch ihrem Bestimmungsorte zuführte.Ich fürchte, Palästina mit einem Sprunge zu erlangen ist für uns eine zu grosse Arbeit. Es war auch zu viel für Moses. Er hielt vierzig Jahre lang sein Volk in der Wüste. Sein erstes Pflaster war der Sinai und diejenigen, die glauben, nichts Heiliges oder Jüdisches könne ausserhalb Palästinas geschaffen werden, mögen sich daran erinnern, dass die zehn Gebote und die ganze Gesetzgebung Moses' zu einer Zeit gegeben wurden, als die Juden Palästina überhaupt nicht hatten. Aber wo sollen wir unseren ersten Haltepunkt, unser erstes Rollpflaster finden? Wir haben an Sinai selbst gedacht und traten in Unterhandlungen mit dem Khedive von Aegypten und dem ^britischen auswärtigen Amte. Unter diesen Auspizien haben wir eine Expedition entsendet, aber leider brachten uns unsere Sachkundigen die Botschaft, die Sinaihalbinsel wäre eine Wüste und wir können trotz der ganzen Eomantik, die in der Rückkehr nach Palästina auf dem alten Wege liegt, auf das Manna jetzt nicht mehr rechnen. Die Bewässerungskosten wären enorm. Mesopotamien würde auch unsere Mittel übersteigen, obwohl die Wiedergewinnung dieses Landes durch das Vordrängen der Politik zum Golf von Persien zu einer lohnenden Spekulation werden könnte. Cypern ist die Palästina am nächsten gelegene Insel, aber die Versuche, dort jüdische Kolonisation zu treiben, haben immer die dortige Bevölkerung in Erregung gebracht. Als die Vereinigten Staaten sich gebildet haben, wäre vielleicht auch für einen Judenstaat Platz gewesen. Jetzt ist es aber schon zu spät, obwohl ich dessen nicht ganz sicher bin. Es gibt in den Vereinigten Staaten immense Landstrecken, die der Arbeitskraft bedürfen, wir sind aber zu dumm, um sie für unsere politischen Pläne auszunützen. Agenten der grossen Eisenbahnlinien kamen oft zu mir, deuteten mir an, wie man Städte bauen und sie bevölkern und das Land ringsum besiedeln könnte, wenn wir unsere Auswanderer nach dieser Richtung schicken wollten. Dieselben Verhältnisse herrschen auch in Kanada vor, wo es grosse, unbenützte Landflächen gibt, obwohl es dort gewiss zu kalt ist. Argentinien, wo Baron Hirschs Kolonien den Reigen eröffnet haben, ist wahrscheinlich zu katholisch. Wir haben bisher aber nur in protestantischen Ländern gute Erfahrungen gemacht. Und endlich — last not least— kommen wir zum Angebote Englands, dem Angebot von der Hochebene Guas Nguhu, wie sie manche nennen, obwohl Sir Charles Eliot sie Uasin Gishu heisst. Beide Namen sind für eine erfolgreiche Siedlung zu unaussprechlich — nehmen wir an, wir nennen das Land Neu-Sinai. Es ist ein Territorium in Ostafrika, 5000 Quadratmeilen gross und dreissig 3 i\im Bahnfahrt vom Meere entfernt. Die Gegenden, die sich in der Nähe der Küste befinden, gegen Mombassa zu, siüd gesundheitsschädlich, während dieses Tafelland trotz der äquatorialen Lage, durch seine sechs- bis achttausend Fuss hohe Lage über dem See Viktoria-Nyanza an dessen südwestlichen Ufern kühl und gesund ist. Fürchten Sie nicht, dass man den Juden irgendeine todbringende tropische Provinz angeboten hätte. Als Joseph Thomson, der erste Erforscher, der das Massailand durchwanderte, zu diesem Plateau kam, da riefen seine schwarzen Gepäckträger aus: „Was für ein schreckliches Land ist das! Wir werden vor Kälte vergehen." „Wir erreichten das Plateau von Guas Ngishu", schrieb Thomson, „und meine Leute sind durch die Kälte am Vorwärtsgehen gehemmt worden. Ich musste deshalb Halt machen und grosse Scheiterhaufen anzünden lassen, um sie zu beleben." Das Plateau ist 95 Meilen lang und 55 Meilen breit und zieht sieh auf einer Strecke von 45 Meilen in einer 2() bis 40 Meilen weiten Entfernung von der Ugandabahn hin. Man sagte uns zuerst, die Eisenbahn befinde sich in der Nähe von 5 bis 10 Meilen — und dies ist ein trauriger Beweis dafür, dass unser Zögern in der Entsendung einer Expedition uns die Zurückschiebung auf eine gewisse Strecke vor den besten Gegenden längs der Eisenbahn zugezogen hat. Aber schliesslich hat man doch einem Volke, das achtzehn Jahrhunderte lang keine Quadratmeile Boden besessen hat, plötzlich ein Land angeboten von der Grösse von Wales, in welchem es unter der Suzeränität Englands die Lokalautonomie geniessen würde. Mr. Chamberlain und das britische auswärtige Amt begreifen, was der Sultan nicht begreifen kann, nämlich, dass es einträglich sei, ein leeres Territorium von einem emsigen Volke bearbeiten zu lassen. Niemand schätzt mehr als ich die Grossmütigkeit des Angebotes, das England einem leidenden Volke gemacht hat. Earl Percy sagte in dem Hause der Gemeinen, dass die Regierung in gewissem Masse sich von den Gefühlen der Sympathie leiten liess, die jede christliche Nation haben sollte und die das englische Volk immer hatte und hoffentlich auch immer haben werde für ein YTolk, das durch Jahrhunderte der Verfolgung sich mit einer so wunderbaren Hartnäckigkeit an die Hoffnungen und Verheissungen, die es in der Offenbarung und in den Worten der Propheten bekräftigt zu sehen glaubte, klammerte. Aber Englands Angebot entquillt sowohl dem weiten Verstände wie auch dem weiten Herzen. Es erspart England die Notwendigkeit, mit seinem alten Ideal, eine Zufluchtsstätte zu sein, zu brechen — denn die fremdenfeindliche Partei wütet täglich immer mehr und mehr — und es trägt zugleich zur Bevölkerung des britischen Reiches bei. Dieses Reich ist noch in seinem Kindheitszustande — ungeheuer und überwältigend gross auf der Laridkarte, zählfces nur wenige Millionen weisser Einwohner. Es gibt beinahe zweimal so viele Menschen in London als in Australien und um eine Million mehr als in ganz Kanada. Der Bevölkerungsmangel des britischen Reiches ist am schlagendsten durch das Beispiel Südafrikas bewiesen worden, wo die Einfuhr von Kulis sich als notwendig erwies. Die Zulassung der Juden nach Ostafrika ist Mr. Chamberlains eigene Idee, wie es seinerzeit der eigene Plan Oliver Cromwells war, der Juden nach beinahe vier Jahrhunderten der Verbannung wieder England zu öffnen. Bei beiden Staatsmännern war diese Idee, abgesehen von ihrem rein humanitären Charakter, ein Teil desselben Traumes — des Traumes der imperialistischen Ausbreitung. „Die Juden/ sagt Mr. Lucien Wolf in seiner glänzenden Monographie über Menassehben Israel, „mussten Oliver Crom well als brauchbare Mittel für seine koloniale und Handelspolitik erscheinen." Mr. Chamberlain besilzt auch diesen weiten Blick. Das Ostafrikaprotektorat,

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