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Die Welt · 1905-04-28 · 17 (28.4.1905) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
17 (28.4.1905)
Date
1905-04-28
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 17 „bi* # w^it" Seite 15 „Das geht mich nichts an, ich habe meine Pflicht getan und bin nicht der kontinentalen und überseeischen Prrsse, sondern nur meinen Vorgesetzten verantwortlich." „Und Ihre Vorgesetzten?" fragte Arfalov rasch. Der Graf machte eine abwehrende Handbewegung. „Darauf mag ich nicht eingehen,* sagte er; „es ist übrigens besser, ich lasse mich heute auf gar nichts ein,' Maurice Ippolytovitch, denn Sie scheinen mir — verzeihen Sie — in sehr kriegerischer Stimmung zu sein, und da bin weder ich noch sonst Winand Ihnen gewachsen. Ich hoffe, Sie entschuldigen mich — ich muss meinen Bericht ausarbeiten/ Und der Graf verliess das Zimmer, nicht weil der Bericht Eile hatte, sondern weil er fühlte, dass er in Gefahr war, seine Selbstbeherrschung zu verlieren. Er hatte während der Auseinandersetzung mit Arfalov seine Frau sehr wohl beobachtet und ihm wäre fast die Geduld dabei gerissen: regungslos, stumm sass sie da wie eine Sphinx, während doch — dieser Verdacht war eben in ihm aufgestiegen; es war also schon so weit gekommen, dass er Verdacht hegte — unter dieser ruhigen Aussenseite sicher ein Meer von Empfindungen wogte. Herrgott! wenn sie, doch endlich den Mund öffnete! Sah sie denn nicht ein, dass ihr Schweigen ihn nachgerade nervös machte, dass es eine Qual, -eine Beleidigung für ihn war? Er musste endlich hören, was sie darüber dachte, sie schwieg ja nur in seiner Gegenwart, zu Arfalov sprach sie sicher davon, davon war er überzeugt. Er kehrte also zurück und horchte an der Tür; sie war seine Frau, folglich war es sein gutes Recht, ihre innersten Gedanken zu erfahren. Ah, wie geläufig sie jetzt sprechen konnte! Der Graf hatte ein gutes Gehör und ihre Worte waren klar und vernehmlich. „ Sie dürfen nicht mehr herkommen, Moses Rafalov," sagte sie. »Sie sagten mir einmal, ich hätte das schlummernde Stammesbewusstsein in Ihnen erweckt — das kann ich Ihnen jetzt zurückgeben: Ihnen habe ich es zu danken, dass auch mein Stammesbewusstsein erwacht, dass ich mit meinem" — sie zögerte über dem Worte — „mit meiner Umgebung unzufrieden bin. Wenn das so fortgeht, so wird mir bald nichts anderes übrig bleiben als dem Leben zu entfliehen, das ich nun seit zwölf Jahren führe, und Sie können nicht erwarten, dass ich dieser Aussicht mit ruhigem Gemüt ins Auge sehe. Eine furchtbare Angst überfällt mich oft, jedesmal, wenn Sie da waren, steigert sich diese Angst, die ich vor mir selbst und vor — Ihnen empfinde," fügte sie nach einer Pause hinzu. „Ich betrachte Sie als meinen Freund, und so bitte ich Sie denn flehentlich: kommen Sie nicht wieder.4* „Glauben Sie," fragte er, „dass Sie mit mir zugleich auch von Ihrer Angst befreit werden?" „Ich weiss nicht, was ich Ihnen darauf erwidern, was ich denken soll," antwortete sie gebrochen; „kommt Zeit, kommt Rat — das ist meine ganze Hoffnung. Jetzt komme ich mir feige und fahnenflüchtig vor und das bin ich ja auch. Ich habe mich in Sicherheit gebracht, ohne die Folgen zu bedenken, und blicke nun von den Zinnen meiner Burg auf meine Brüder und Schwestern hinab, wie sie dasitzen und ihre Toten zählen — — * Sie schwieg und verbarg das Gesicht in den Händen. Arfalov trat auf sie zu und legte seine Hand auf ihren Arm. „Verzeihen Sie mir, Catherine," sagte er mit bebender Stimme, „nichts liegt mir ferner, als Sie zu betrüben, als den Geist der Unzufriedenheit, der Unrast in Ihr Leben zu bringen. Ich war sehr egoistisch, nur meinen Standpunkt im Auge zu behalten, ich hätte daran denken sollen, welche Rückwirkung es auf Sie haben würde. Nun aber, da das Unglück schon einmal geschehen ist, werden Sie es nicht aus der Welt schaffen, indem Sie mich fortschicken. Glauben Sie mir, dass ich es ehrlich meine, wenn ich so spreche : Sie werden in Ihrer Einsamkeit ganz auf sich selbst angewiesen sein, die Stimmen, die sich in Ihrem Innern regten, werden nicht schweigen, weil ich nicht mehr da sein werde, um sie anzuhören, sie werden immer wieder ertönen und Ihr ganzes Herz erfüllen. Sie dürfen mich jetzt nicht fortschicken, Sie bedürfen eines Menschen, mit dem Sie von diesen Dingen sprechen können, der Ihnen zuhört — der Himmel gebe, dass Sie darin Erleichterung finden! Es ist zwar ein armseliges Aüskunftsmittel, aber das einzige, das ich Ihnen anbieten kann." „Vielleicht bin ich imstande, ein anderes vorzuschlagen," ertönte da eine Stimme. Ohne jedwede Hast und Unruhe wendete sich Arfalov um und erblickte den Grafen, der in der Türöffnung stand. Die Gräfin blickte auf, aber auch sie verriet keine Bewegung, nur ein leiser Seufzer war ihren Lippen entschlüpft. „Moses Rafalov," sagte der Graf, „denn das dürfte wohl Ihr wahrer Name sein, Frau Gräfin, wir haben die schwere Aufgabe vor uns, dieses Dreieck" — er machte eine bezeichnende Handbewegung — „näher zu untersuchen. Es war sehr liebenswürdig von Ihnen, mich bis jetzt damit zu verschonen." „Ihre Unterstützung wird dankend angenommen, Herr Graf," erwiderte Arfalov. „Ihre Anmassungwundert mich nicht, Sie — Hanswurst," versetzte der Graf, das letzte Wort langsam aussprechend. „Aber wenn es Ihnen passt, können Sie auch ernsthaft sein wie vorhin, als es sich darum handelte, eine Frau zu verführen. Wissen Sie, was Sie getan haben, Gospodin Rafalov? Sie haben das Vertrauen, das ich in Sie setzte, den Verkehr mit meiner Frau, den ich Ihnen nicht missgönnte, dazu benützt, ihre Seele zu vergiften — bei manchen Frauen ist Seele und Herz identisch." Er stiess einen zornigen Schrei aus und sprang auf, dass der Sessel umfiel „Herrgott! Ich streite da mit ihm, als ob es sich darum handelte, festzustellen, ob diese oder jene Zigarrensorte vorzuziehen ist! — Sie haben die Wahl der Waffen," fuhr er fort, „was ziehen Sie vor — Pistole oder Säbel?" Kein Muskel in Arfalovs Gesicht regte sich. „Ich habe mit keinem von beiden zu tun gehabt," antwortete er, „aber ich würde die Pistole vorziehen — es geLt so schneller." „Pistolen also," erwiderte der Graf eisig; „das Nähere werden unsere Sekundanten bestimmen. Sie haben jedenfalls nicht viel Aussicht, mit heiler Haut davonzukommen, Gospodin Rafalov/ „Nur wenn Sie in die Luft feuern," meinte Arfalov. „Ich denk' nicht dran," sagte der Graf, dann fuhr er wütend fort: „Bei meiner Ehre als Diener meines Kaisers schwör' ichs: ich werde nicht in die Luft feuern!" Arfalov machte eine gleichgültige Handbewegung. „Ganz, wie es Ihnen beliebt, Exzellenz.— Verträgt die Angelegenheit übrigens einen Aufschub von vier bis fünf Tagen? Ich arbeite nämlich an einem Stücke, das mich sehr interessiert, und möchte es gern vollenden/

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