Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „bis * W^lt" Nr. 17 wie auch seine blindesten Anhänger nicht vorauszusehen gewagt hätten : dass alle Regierurigen und Völker auf die Wichtigkeit des jüdischen Problems und auf die Bedeutung unserer Bewegung aufmerksam wurden, dass die Grossmächte der Erde mit uns zu verhandeln begannen, nachdem wir 2500 Jahre nur gewöhnt waren, über uns verhandeln zu sehen. In diesen sieben Jahren ist die diplomatische Methode, trotz der offenen und versteckten Anfeindungen in unseren Reihen, zu immer höheren Erfolgen, zu immer glänzenderen Ergebnissen emporgestiegen — und da hat man die Stirn, von einem Fiasko zu reden?! Das muss mit Zlocisti wirklich als eine „lästerliche Irreführung unserer Anhänger" gebrandmarkt werden. Doch es gibt Palästinisten, die auch fernerhin „der politischdiplomatischen Arbeit eine der Hauptstellen unseres Programmes einräumen" möchten (Ussischkin); nur die Methode wäre zu ändern. „Dank (sie!) dem Umstände", dass der eine grosse Staatsmann, den wir besessen, tot ist — man merkt ordentlich, wie die vielen kleinen Staatsmännchen erleichtert aufatmen, dass der Druck dieser überragenden Persönlichkeit von ihnen genommen und die Bahn für die Betätigung ihrer Epigorentalentchen frei geworden ist — „dank" diesem Umstände (Ussischkin S. 9) soll nun die diplomatische Arbeit nach demokratischeren Prinzipien sich gestalten: ein ganzes Kollegium von Diplomaten soll sich in die Arbeit teilen und die Verhandlungen sollen mehr mit den Völkern nnd Parlamenten als mit den Ministem geführt werden!! Es ist ein Glück, dass uns im Ernst unserer Diskussion hin und wieder Gelegenheit zu befreiendem Lachen wird. Nirgends ist ja mit demokratischer Prinzipienreiterei weniger anzufangen als in der Diplomatie, nirgends kommt unbestrittener die starke Persönlichkeit zur Geltung, so entschieden zur Geltung, dass man sieb nicht nur ihre grossen Vorzüge, sondern auch die Fehler dieser Vorzüge gefallen lassen muss, ja gerne gefallen lässt. Dass die diplomatische Arbeit nach Ussischkinschem Rezepte „nicht glänzend sein wird", braucht er uns nicht erst zu versichern, dass ihr Erfolg „aber dafür ein sicherer ist" — das gehört in die Kategorie von Optimismen, die man unserem verblichenen Meister gewiss sehr stark verübelt haben würde. In derselben Broschüre, in der Ussischkin fordert, dass die ,politisch-diplomatische Arbeit noch viel intensiver betrieben werden müsse als früher", ist zwei Seiten vorher zu lesen, sieben Jahre lang sei man „den ausschliesslich diplomatischen Weg" gegangen, und die Berliner Klageweiber sekundieren : „Die diplomatische Methode ist in der absoluten Herrschaft, die für sie gefordert wurde, und in dem Ausschliessen aller positiven Arbeit zu ihren Gunsten zugleich der Bewegung schädlich geworden." Nun, heisst das nicht abermals eine lächerliche Irreführung unserer Anhänger? Sind diese Herren von der Feindschaft gegen die Herzische Politik so verblendet, dass sie nicht mehr Dinge sehen, die vor aller Welt klar liegen? Also die Schaffung der Kongresse, die gewaltige Schöpfung und der stete Ausbau einer weltumspannenden Organisation, die Gründung der Kolonialbank und des Nationslfonds, die ganze „Jüdische Renaissance", die dem Zionismus, wenn nicht das Leben, so doch mindestens die aktivsten Impulse und den Zug ins Grosse verdankt — das alles also wäre Quantite nägligeable?! Kann man über diese Riesenarbeit weniger Jahre mit geringschätzigem Achselzucken hinweggehen, ohne sich dem Vorwuife der Urteilslosigkeit oder der Unehrlichkeit auszusetzen? Das alles wird erst verständlich, wenn man klar sieht, worauf die Palästinisten hinauswollen. Es gilt vor allem, das ganze Her zische System zu diskreditieren, um der neuen Palästinapolitik den Boden zu bereiten; mit der ganzen bisherigen Tradition, die der lebende Herzl mit der Wucht seiner Persönlichkeit repräsentierte und vor Antastung schützte, soll Tabula rasa gemacht werden, um für den neuen zionistischen Schulchan Aruch Platz zu bekommen! Und damit kommen wir zum Hauptpunkte des palästinistischen Programms: der praktischen Palästinaarbeit. Ich sehe hier ab von der Frage der Schnellbeziehungsweise Grosskolonisation und von allem sonst, was technische und wissenschaftliche Kenntnisse voraussetzt; davon verstehe ich so wenig wie die meisten derer, die darüber schreiben und eigene Meinungen zu besitzen vorgeben, während sie im besten Falle Sentiments produzieren — Jede Siedlung entwickelt sich in der Weise, dass . . oder „bei der politischen Wiedergeburt eines Volkes spielen drei Ebmente mit" — und urklare Schlagworte wie „kultui ökonomisch" oder „nationalpolitisch" in die Welt setzen. Wenn einmal die erforderlichen Garantien erlangt sind, so werden Modus und Tempo der Kolonisation nicht von Artikelschreiben und Phrasenmachern, sondern von informierten Fachmännern bestimmt werden. Auch die schwierige Charterfrage möchte ich hier beiseite lassen; welche Form dafür gefunden wird, ist nebensächlich, wenn nur Sicherung des Besitztitels und Selbstverwaltung erreicht werden. Jedenfalls greifen diese Fragen nicht ans Herz der Bewegung. Ganz anders aber liegt die Frage: Wann und unter welchen Bedingungen sollen wir Land kaufen und besiedeln? Die Palästinisten antworten Sofort und soviel wie möglich kaufen und alsdann unverzüglich mit der Gründung neuer Kolonien beginnen! Diese Forderungen fassen das Programm unserer Politik an der Wurzel. Prüfen wir einmal die gewichtigen Gründe, mit denen das palästinistische Gegenwartsprogramm empfohlen wird. I. Wir brauchen lebendige, praktische Arbeit — dieser Grund ist im Munde der Palästinisten nicht stichhältiger, als wenn er von den Territorialisten zugunsten ihrer Pläne vorgebracht wird. Als ob nicht das vornehmste Tätigkeitsgebiet, das wir haben, die nationale Erziehungsarbeit, für diejenigen, die wirklich Volksarbeit leisten wollen, jetzt und für lange Zeit hin Material in Hülle und Fülle böte. Dem verschliesst sich auch ein so hervorragender „Arbeiter" wie Ussischkin keineswegs; aber dann behauptet er doch wieder, dass „der offizielle Zionismus sich unmöglich mit der radikalen Umänderung des ganzen jüdischen Volkslebens in den Läodern des jetzigen Aufenthaltes beschäftigen kann*. Natürlich kann das der Zionismus und er müsste es, selbst wenn wir schon heute mit der Grosskolonisation beginnen könnten, erst recht aber, wenn nach Ussischkins Plan infiltrierend vorgegangen würde und also sicherlich das Gros der Judenheit noch viele Generationen hindurch im Golus verbliebe. Das unablässige Mühen um die gründliche Wandlung des ganzen Goluslebens bleibt in jedem Falle eine unserer vornehmsten Aufgaben und sie allein könnte uns allen reiche praktische Arbeit geben. II. Die Bodenpreise in Palästina steigen bedrohlich und wenn wir weiter mit dem Landkauf warten, werden später die beati possidentes uns unerschwingliche Preise stellen. Deshalb, sagen die Palästinisten, heisst es: „kaufen, wo und was wir irgend bekommen können". Die Vertreter des Nationalfonds, der „Ieaa, der „Geula" und der anderen Kolonisationsgesellschaften bilden ein Bodenkomitee in Palästina, welches ausschliesslich den Kauf leitet und so imstande sein wird, seine Forderungen den Verkäufern zu diktieren. Ja, Herr Ussischkin hat die anderen Gesellschaften bereits so sicher in der Hand, dass er schon daran geht, das Fell des Bären zu verteilen, etwa mit der Sicherheit, wie Möschen rabbenu noch jenseits des Jordans den genauen Siedlungsplan feststellte. Und der grosse Realpolitikus denkt auch nicht einen Augenblick an unlautere