Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316150--46816-3341680- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 17 # weit" Seite 7 Minierarbeit erfolgreich zu vereinen; aber sie brachten auch jetzt nichts zuwege als Sägespreu und ihr Bohren ward bald übertönt von dem Stimmengewirr ernster Baumeister. Viele der an dem Riesenbau tätigen Bauleute hatten oft nur widerwillig sich den Ideen des obersten Bauleiters gefügt; nun, nachdem dieser abberufen, glaubt jeder seine Lieblingspläne in die Tat umsetzen zu können, und soll der Bau mit Erfolg zu Ende geführt werden, so muss die weitere Ausgestaltung des Projektes in allen Zügen festgelegt werden. Es muss gelingen, über die Gestaltung der oberen Stockwerke und der Bedachung eine Verständigung zu erzielen; auch über die innere Ausstattung, namentlich über etwaige Verschiebung oder Beseitigung trennender Wände wird man diskutieren können. Selbstverständlich aber wird niemand wagen dürfen, Ecksteine oder Stützpfeiler des bisher gediehenen Meisterwerkes zu entfernen oder gar an den Fundamenten zu rütteln. Man verzeihe die liebevolle Ausmalung des Bildes: Vergleiche hinken zwar und doch setzen sie nicht selten komplizierte Verhältnisse in das rechte Licht und können so zur Klärung erheblich beitragen. Drei Gruppen haben sich allmählich aus dem Stimmengewirr herausgelöst: Ugandisten, Territorialisten, Palästinisten — diese Bezeichnung schlage ich für Ussischkin und Genossen vor, weil sie die kürzeste und prägnanteste ist und nicht, wie nachgerade der Ausdruck „Chowewe-Zion", einen beleidigenden Nebensinn hat — ich taxiere, sie wird von den Betroffenen sogar mit einem gewissen Stolze reklamiert werden! Schon hier aber möchte ich energisch dagegen protestieren, dass diese Gruppe sich „Zione Ziona nennt oder den „palästinatreuen Zionismus" gepachtet zu haben glaubt. Es gibt ausserhalb des Kreises der Palästinisten genug Zionisten, die ihnen nichts, aber auch gar nichts in treuester Anhänglichkeit an Palästina nachgeben und dennoch die wichtigsten Bestandteile ihres Programmes scharf bekämpfen müssen. Was den Ugandismus anlangt, möchte ich mich kurz fassen; die Diskussion darüber scheint ziemlich erschöpft, die „mittlere Linie" der Verständigung ziemlich festgelegt zu sein. Nur von diesem Punkte hatte Elias Auerbach vielleicht das Recht, als von etwas zu sprechen, „worüber wir einig sind". Falls der Expeditionsbericht empfehlend lauten sollte, wird unter der politischen und organisatorischen Beihilfe der zionistischen Bewegung das Projekt von den Hilfsgesellschaften ausgeführt werden oder es wird eben unausgeführt bleiben. Den Zionismus enger dabei zu engagieren, dazu wird die ganz überwiegende Majorität sicher keine Neigung haben utid auch bei den unentwegten Ugandisten scheint nur vereinzelt die Absicht zu bestehen, aus der Angelegenheit eine Haupt- und Staatsaktion zu machen; denn gewiss spricht Pasmanik vielen, die dem Plane sehr sympathisch gegenüberstehen, aus dem Herzen, wenn er meint, dass es nicht lohne, deswegen ernste Differenzen unter uns aufkommen zu lassen. Für überaus bedenklich halte ich es andrerseits, wenn versucht wird, den Ugandisten die Parteizugehörigkeit abzusprechen; dass sich die wärmste Empfehlung des Projektes mit dem waschechtesten Zionismus verträgt, wird der von schöner Ruhe und vornehmer Sachlichkeit getragene Brief Greenbergs auch den Heissspornen gezeigt haben, wie denn überhaupt abgeklärte Geister manche Gegensätze in sich harmonisch zu verknüpfen vermögen, die von unreifen Schablonenmännern für unvereinbar abgestempelt sind. Ich gehe noch weiter. Auch die Territorialisten, denen ich übrigens unbedingt ablehnend ^gegenüberstehe, möchte ich der Unduldsamkeit der Parteipapste nicht ausgeliefert sehen; wenngleich sie zweifellos programmwidrige Anschauungen vertreten, so kann man sie doch so lange in der Organisation dulden, als sie den ehrlichen Willen zeigen, sich der Majorität zu fügen und im Sinne des von dieser festgelegten Arbeitsprogrammes weiterhin tätig zu sein. Nur keine Ketzerriecherei in unseren Reihen! Wenn es jedoch Zionisten gibt, die — contradictio in adjecto — Palästina verleugnen oder gar bekämpfen, so wäre es meines Erachtens allerdings aussichtslos, wenn nicht gefährlich, mit diesen in einer Organisation zusammenarbeiten zu wollen. Aber Ugandismus und Territorialismus haben an und für sich deshalb nur noch geringes praktisches Interesse, als ihnen, wie die Dinge jetzt liegen, nicht die Kraft innewohnen dürfte, der Gesamtbewegung ihren Stempel aufzudrücken. Viel grösser ist ihre symptomatische Bedeutung. Die Diskussion über den Ostafrikaplan hat die Erkenntnis zutage gefördert, dass die alte, nicht an Zion geknüpfte Judenstaatsidee (kaf exochen) nur latent, nicht geschwunden war und, im geeigneten Momente wieder erweckt, auch einmal ein Machtfaktor werden könnte. Als Reaktion zu dieser Erscheinung trat die Tatsache ans Licht, dass auch der Chowewe-Zionismus das Sehnen nach Palästinakolonisation um jeden Preis, nur eingelullt, nicht aus den Geistern verdiängt war und nur eines weitgreifenden Misstrauens bedurfte, um sich zum Thronprätendenten gegen den politisch-diplomatischen Zionismus aufzuwerfen. Herzl, in der Reinheit und Treue seines Herzens, konnte nicht ahnen, wie man ihn, als er das Danaergeschenk des britischen Angebotes brachte, hüben und drüben so furchtbar missverstehen würde; er spielte — man muss da leider York- Steiner recht geben — auf der Höhe seiner Erfolge angelangt, seinen Gegnern die besten Trümpfe in die Hand. So kam es, dass von der Ugandafrage her die verschiedensten Probleme, insbesondere die alten Differenzen der Kolonisationsprinzipien aufgerollt wurden, und bald standen nicht mehr Organisation und Uganda, sondern vor allem die Palästinafrage im Mittelpunkte der Diskussion. Und das ist gut so. Diese Dinge müssen endlich ausgefochten werden, damit einheitliche Gesichtspunkte für die weitere Politik gewonnen werden und der Gesamtbewegung die ruhige Entwicklung und Festigkeit, deren sie so dringend bedarf, wiedergegeben werde. Da ist denn vor allem die offene Präzisierung der verschiedenen Anschauungen erforderlich. Die Palästinisten haben in dieser Beziehung das ihrige getan. Ussischkin mit seiner Broschüre eröffnete den Reigen, dann kam die Wilnaer Konferenz, die Kundgebung einer Berliner Gruppe, die literarische Waffensammlung in „Stimmen der Wahrheit". Auch die Territorialisten sind nicht faul gewesen und tun in Propaganda mit Wort und Schrift das möglichste, um sich zur Geltung zu bringen. Allein die zwischen beiden stehende Richtung des Herzischen Zionismus, des Charter-Zionismus, ist auffallend wortkarg, so dass es den Anschein gewinnen könnte, als hätte sie ohne Kampf kapituliert. Nur so wird es verständlich, dass Elias Auerbach es wagen durfte, in dem offiziellen Organ der deutschen Landsmannschaft die Fiktion aufzustellen, als bestehe in diesen Dingen keine Differenz mehr. Dem muss aufs schärfste widersprochen werden, schon damit nicht in den Reihen der politischen Zionisten Herzischer Observanz Entmutigung Platz greife und die Meinung Boden gewinne, ihre Anschauung fände keine Verteidiger und Vorkämpfer mehr und sei rettungslos dem Anstürme der beiden Extreme preisgegeben. Weiches sind denn die Gründe, auf denen sich die Anschauung der P a 1 ä s t i n i s t e n aufbaut? In fast allen ihren literarischen Kundgebungen kehrt als Hauptargument für eine Aenderung unserer Methode das „Fiasko des Diplomatismus" wieder. Ich weiss nicht: soll man sich mehr über die Torheit oder über die Illoyalität solcher Behauptungen wundern? In der kurzen Spanne von sieben Jahren hat uns Herzls geniale Diplomatie so weit gebracht