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Die Welt · 1905-04-28 · 17 (28.4.1905) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
17 (28.4.1905)
Date
1905-04-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „bi* # w$itÄi Nr. 17 sehen, die dem Zionismus aus der Entstehung der ostafrikanischen Kolonie erwachsen können und werden; ebenso unmöglich, wie beim Flügelschlag der Krähe die Voraussicht, welche Wirkungen im einzelnen die Lawine haben werde. Aber auf einige vermutliche politische Folgen möchte ich doch noch hinweisen. Gerade wenn uns die Not des Augenblicks nicht mehr drängt, werden wir mit dem Sultan in stärkerer Position verhandeln können. Hier ist die von Herrn Feiwel gewünschte Platforme in brauchbarer Gestalt, weil ausserhalb des Machtbereiches dessen, gegen den sie uns dienen soll. Schon der alte Archimedes wusste, dass der Hebel, mit dem man die Erde aus ihrer Bahn drängen will, von einem ausserhalb liegenden Punkte aus angesetzt werden muss. Es ist in den letzten Tagen irgendwo geschrieben worden, — ich weiss nicht ob in dem Aufsatz des Herrn Feiwel — dass die Mächte keinen besonderen Kongress zur Lösung der Judenfrage ein-, berufen würden. Das ist ganz richtig. Aber wenn sie einmal zur Regelung der vorderasiatischen Verhältnisse, vielleicht erst nach einem oder mehreren Kriegen, einen Kongress bilden, dann müssen wir dafür wirken — und dazu brauchen wir Politiker an unserer Spitze — dass auch die jüdische Palästinafrage einen Punkt der Tagesordnung bilde, und wohl uns dann, wenn wir bereits auf Erfolge hinweisen können, die unsere Befähigung zu eigener kultureller Arbeit und zur Gesellschaftsbildung beweisen. Einen anderen Nutzen für Palästina erwartete ich noch in materieller Hinsicht. Wenn es wahr ist, was Herr Feiwel angedeutet hat, dass Herzl 1898, damals als er in London jenen vielkritisierten Ausspruch tat, das jüdische Volk werde sich in naher Zeit in Bewegung setzen, bereits die Zusicherung einer Bezirksautonomie in Händen hatte, und dass die Sache damals nur an dem Versagen des jüdischen Grosskapitals gescheitert ist, dann kann doch erwartet werden, dass das Kapital, wenn die Frage wieder einmal aktuell werden sollte, sich weniger zurückhaltend zeigen würde, wenn an einem erfolgreichen Beispiel die Kolonisationsfähigkeit unseres Menschenmaterials bereits bewiesen ist Meine Herren! Alle die günstigen Erfolge, die ich von der Annahme des ostafrikanischen Projekts und von der Sorge für seine zweckdienliche Inangriffnahme für die Förderung des Zionismus erwarte, kann ich Ihnen nicht beweisen, wie man nichts exakt beweisen kann, solange es in der Zukunft liegt. Aber manches, so die Siedelungsgenossenschaft als Grundlage, ist doch theoretisch so gut vorbereitet, dass der Augenblick für das Experiment gekommen scheint. Hier bietet sich uns einmal die Gelegenheit, zu zeigen, dass der Zionismus nicht bloss im Theoretisieren seine Genügen findet. Wir hatten schon einmal eine Zeit, in der uns die Möglichkeit zu selbständiger Arbeit genommen war. Damals beschäftigten wir uns damit, uns immer mehr in komplizierte theoretische Spekulationen zu vertiefen, in denen wir in verwickelten Systemen und Disputationen über alle Seiten des Lebens bis in die feinsten Einzelheiten festsetzten, wie wir es machen würden, wenn wir die Macht und Arbeitsmöglichkeit hätten. Das Resultat dieser mehrhundertjährigen Vertiefungsarbeit war der Talmud mit seinen Kommentaren und Unterkommentaren. Heute sind wir bereits auf dem Wege, vor lauter Vertiefung und wissenschaftlicher Zergliederung den Zionismus in einen neuen Talmud auseinander zu disputieren, mit 1000 Paragraphen, mitKommentaren undCJnterkommentaren, mit Halacha und Kulturhagada. Und jeder hat seinen besonderen Spezialkomrnentar, und was den nicht ganz genau studiert hat, der „versteht nichts vom Zionismus4*. — Es äiuss einmal ausgesprochen werden: Der erhabene Gedanke des Zionismus ist einfach und klar zu erfassen, und der einfache Mann, der ihn mit dem Herzen erschaut hat, steht ebenso hoch, als der gelehrteste Vertiefungszionist.*) Ja, die Zergliederer und Systembauer sollen sich *) Der Gang der Diskussion zwingt mich zu einer nachträglichen Erläuterung des Sinnes, in dem ich den Ausdruck „Vertiefungszionismus" verstanden wissen möchte. Selbstverständlich halte ich eine ausgiebige wissenschaftliche Erforschung und Klärung aller für das Gelingen unserer Arbeit in Frage kommenden Verhältnisse für unerlässlich. Wogegen ich mich wende, dass ist nur die Vorstellung, als wäre eine „Vertiefung" der einfachen Grundidee des Zionismus: Das jüdische Volk im jüdischen Lande, not* wendig, wünschenswert oder möglich. Bekämpfen wollte ich nur die Methode, die die Idee von dem materiellen Substrat abstrahiert und mit ihr als selbständigem Objekt arbeitet, sie mit Hilfe einer formellen Logik dreht, zerrt, nur hüten, dass sie nicht vor lauter Sehen das Schauen verlernen! Vor allem aber, dass sie nicht vor lauter „Arbeit" die Gelegenheit zur Arbeit vergessen! Wenn wir jetzt den weissen Hirsch vorbeirennen lassen, weil wir zusehr damit beschäftigt sind, über ihn zu sprechen, dann mögen wir uns nur hüten, dass die Geschichte nicht einst von uns sage: „Aber der grosse Moment fand ein kleines Geschlecht", Nicht alles, ich habe es bereits gesagt, wird sich so verwirklichen, wie wir es uns vorstellen. Manches wird sich als verfehlt erweisen, manches sich in anderer Richtung entwickeln. Aber theoretisch sind wir genügend vorbereitet, und nur die Tat kann die letzte Entscheidung treffen. Der in allen Fakultäten heimische, alles Wissen der Zeit besitzende Faust findet schliesslich keinen anderen Ausweg aus der Erkenntnis der Unzulänglichkeit der Theorie, als die Flucht in das Leben: „Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit, Ins Rollen der Begebenheit! Da mag denn Schmerz und Genuss, Gelingen und Verdruss Mit einander wechseln, wie es kann; Nur rastlos betätigt sich der Mann." Meine Herren! Wenn in alter Zeit, als es noch keineDampfschiffe und keinen Kompass gab, der Schiffer aufs Meer hinausfuhr, dann konnte er oft seinem Ziele nicht auf dem geraden, kürzesten Wege zusteuern. Vor Klippen und Untiefen musste er oft Umwege machen, Windstille hinderte die Weiterfahrt, widrige Winde zwangen ihn, zu lavieren oder Anker auszuwerfen, vor Stürmen musste er wohl auch einmal in einem abseits von seinem Kurse gelegenen Hafen für einige Zeit Zuflucht suchen. Aber am nördlichen Himmel strahlte ihm als sicherer Führer zum Ziel der Polarstern. — Unser Polarstern strahlt im Osten. Auch uns können Klippen und widrige Winde zeitweilig vom geraden Kurs abdrängen, Stürme, wie sie jetzt das jüdische Volk umtosen, können uns zwingen, eine Zeitlang in einem abseits unseres Kurses gelegenen gastfreundlichen Hafen eine Zuflucht zu suchen. Aber im Osten leuchtet uns unser Polarstern, unverrückbar wie der Polarstern am Nordhimmel, und zeigt uns das endliche Ziel: Kadim^h. Ugandismus, Territorialismus, Palästinismus, Zionismus. Es ist eine heilsame Krise, die der Zionismus jetzt durchmacht, das sagt man sich immer zum Tröste, wenn man in den anscheinend heillosen Wirrwarr hineinblickt, den die Diskussion über die wichtigsten Probleme an den Tag bringt. Hinter dem Glänze, den die herrliche Persönlichkeit eines Herzl unserer Sache lieh, und hinter der immer wieder manifestierten, an seiner machtvollen Individualität verankerten Einigkeit schlummerten unausgeglichene Gegensätze, die über kurz oder lang zum Durchbruch kommen mussten. Das begann noch bei Herzis Lebzeiten und sein Idealistenherz, das den rauhen Stürmen politischer Leidenschaft nicht gewachsen war, brach daran. Nun vollends hörte man den allzuschnell in die Höhe geschossenen Bau unserer Organisation in allen Fugen krachen. Die Windmacher, die das Donnerwort des Gewaltigen nach allen Richtungen zerstreut hatte, eilten geschäftig herbei, in dem Wahn, ihr vereintes Blasen würde den gewaltigen Bau, den sie so oft für ein Kartenhaus erklärt hatten, zu Falle bringen. Die gekränkten Holzwürmer schlüpften aus ihren dunklen Löchern, wohin sie vor der strahlenden Sonne geflüchtet, und gedachten, ihre umgestaltet, bis sie in direktem Gegensatze zu jener Idee steht, die mit dem materiellen Substrat eine Einheit bildete. Diese Methode trug noch immer die Schuld, wenn eine Wissenschaft auf Irrwege geriet. Diese Methode führt zur Verarmung unserer Anschauung, und ihre Träger gleichen dem Geizhals, der auf der Truhe sitzt und ganz vergessen hat, dass das Geld nur insoferne einen Wert besitzt, als es dazu verhelfen kann, uns Lebensgüter zu verschaffen. Diese Verarmung wollte ich als im Anzüge befindlich kennzeichnen, wenn eine warmherzige Jugend bereits vor lauter Furcht, die Palästinaidee könne ihr geraubt werden, den gleichwertigen Faktor, das Volk, durch künstliches Begriffsrjonglieren beiseite schiebt.

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