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Die Welt · 1905-04-28 · 17 (28.4.1905) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
17 (28.4.1905)
Date
1905-04-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17 „51* * Welt" Seite 5 Palästina, ist ein Irrtum. 70 Seelen kamen nach Aegypten und haben das jüdische Volk gebildet. Weniger als 50.000 Juden kehrten yon Babylon nach Palästina zurück um den zweiten Tempel zu bauen. Die wirkliche Schwierigkeit liegt in der nichtjüdischen Einwohnerschaft und die Lösung der Frage liegt vielleicht in der Ausbreitung unserer Idee von Palästina auf seine noch wüsten Hinterländer, Sogar das Palästina des Deuteronomiums erstreckte sich bis zum Euphrat und Salomos Herrschaft soll sich sogar von diesem Flusse bis zum Lande der Philister und bis zur Grenze von Aegypten erstreckt haben. Die ganze Gegend von Mesopotamien ist historischer Boden für uns. Und wenn sogar die Massen der Juden in anderen Ländern zerstreut wären, sie würden dennoch ein Zentrum haben, ob sie es auch als ein nationales oder bloss religiöses werden betrachten wollen. (Schluss folgt.) Zur Ostafrikafrage. Von Dr. E. Simonson. (Schluss.) Die Spannkräfte, die die Kolonisierung des angebotenen Landstücks auslösen soll, ruhen nicht allein und nicht einmal Uber wiegend in der zionistischen Partei, sondern im jüdischen Volke. Gleich nach dem sechsten Kongress ist die Befürchtung ausgesprochen worden, dass der Plan uns in grossen Mengen Rachmones-Zionisten als Mitläufer zuführen werde. Diese Befürchtung hat sich als übertrieben erwiesen, insofern es sich um einen Zustrom in den Rahmen der Parteiorganisation handelt. Aber die werbende Kraft des Gedaokeas für Interesse am Wohlergehen des jüdischen Volkes hat sich doch bereits gezeigt und wird sich, wenn die Vei wirklichung erst feststeht, auf weitere grosse, bisher indifferente und feindliche Kreise ausdehnen. Einflussreiche, materiell und intellektuell hervorragende Männer, die den Zionismus mit Erbitterung bekämpften, sind nunmehr bereit, d4r Gründung einer autonomen jüdischen Kolonie mit jüdischen Gesetzen ihre Kräfte zu widmen. Diese Gegner stehen heute also bereits auf dem Standpunkte, wesentliche Bestandteile des Begriffes Nationaljudentum zu fördern. Es ist mein dringender Wunsch, zehn Millionen Juden vorläufig erst einmal zu solchen Rachmones-Zionisten werden zu sehen; denn damit ist die Bewegungsrichtung gegeben, in der sie sich mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes nach dem Zionismus hin und vor allem von jenem Wege fortbewegen, der sie oder ihre Kinder durch Untertauchen dem jüdischen Volkstum für immer entzieht. Denn die Spannkräfte sind vorhanden und harren nur der Auslösung. Diese Spannkräftebestehen in dem imgrössten Teile des Volkes noch immer im Unterbewußtsein schlummernden jüdischen Volksbewusstsein. Nicht alle werden noch zum Zionismus gelangen» Aber es wird doch ein in ganz anderem Massstabe fruchtbarer Boden für zionistische Arbeit und Agitation vorhanden sein. Wenn die geistige Elite unseres Volkes unseren Idealen nicht mehr ganz fremd und verständnislos gegenübersteht, dann wird die Werbekraft des zionistischen Gedankens erst voll zur Geltung kommen. Mögen auch viele zuerst nur durch den Erfolg getrieben werden, sich der Sache ihres Volkes zu nähern, aus ihrer Mitte wird ein unerschöpflicher Born materieller und geistiger Kräfte ausgelöst werden, die dem Zionismus zugute kommen. Wer erst einmal so weit gekommen ist, an dem Wirken des Zionismus in einem Punkte Anteil zu nehmen, der kann nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Wo nicht die erste, da wird sicherlieh die folgende Generation von den geistigen Strömungen im Judentum Kenntnis nehmen, wird mit Staunen wahrnehmen, dass das Judentum wirklich etwas anderes ist als ein Konglomerat veralteter Gebräuche. Sie wird sich in unsere grosse und erhabene Vergangenheit und in die verheissungsvolie Renaissance der Gegenwart versenken und wird Verständnis für unsere Zukunft daraus schöpfen. Wer nicht einsieht, dass überhaupt nur auf diesem Wege eine wahrhaft wirksame zionistische Agitation möglich ist, dem ist das Gesetz der Evolution, der historischen Entwicklung nicht zu lebendigem Besitz geworden, mag er es auch stets im Munde führen. Auf ein klassisches Beispiel möchte ich hinweisen. In meiner Erinnerung haftet noch lebhaft der gewaltige Eindruck, den dieLektüredererstenAuflage vonHerzls„Judenstaat« auf mich machte. Wie ein Scheinwerfer erhellte mir die Schriftmein Inneres und obwohl ich vorherniemals davon gehört hatte, dass in irgend einem Kopfe derartige Gedanken lebten, war es mir doch zumute, als ob ich immer schon Zionist gewesen wäre. Nur an einer Stelle fühlte ich mich wie von einem kalten Hauche berührt. Es war die Stelle, wo er die Wahl zwischen Palästina und Argentinien für seinen Judenstaat freiliess. Aber er i s t Zionist geworden, weil er Zionist werden m u s s t e, nachdem er einmal Rachmones-ZiODi?t geworden war. Für uns, die wir aus mehr jüdischem Milieu gekommen waren, war von vornherein ein Zionismus ohne Zion nicht denk- und fühlbar. Auch bei ihm war das jüdische Bewusstsein vorhanden, wenn es auch unter einer tieferen Geröllschicht von Assimilation verschüttet lag. Aber zu lebendiger Kraft ist es doch geworden, nachdem die .Judennot einmal als auslösende Spannung gewirkt und ein Energiegefälle in der Richtung »uf den Zionismus hergestellt hatte. Und er war Zionist, wie es keinen besseren gab — auch nicht unter den Neinsagern — in jenen schwersten Stunden seines Lebens, als er in der Neilahstimmung des scheidenden Kongresses nach achtjähriger Hingebung ohne Beispiel sich gezwungen glaubte, uns noch einmal ausdrücklich beteuern zu müssen : ♦•w mwi d^ww "jrottfK dk- Aus den angeführten Gründen glaube ich auch nicht, dass die Territorialsten sich innerlich endgültig von Palästina losgesagt haben, dass es ihnen mehr oder minder bewusst nicht doch als Endziel vorschwebt. Wenn diese Kräfte sich zunächst in den Dienst der zu bildenden Chartergesellschaft stellen, dann werden sie für den Zionismus arbeiten. Mit den neuen Kräften, die dem Zionismus zufliessen werden, werden sich auch neue Arbeitsmöglichkeiten erschliessen. Denn bei der heutigen Lage kann schon deswegen der Einwand nicht stichhältig sein, die afrikanische Kolonie werde dem Zionismus Arbeitskräfte entziehen, weil wir nicht einmal für die vorhandenen Kräfte hinreichende Arbeitsmöglichkeit haben. Denn was unter heutigen Verhältnissen als Arbeit bezeichnet wird, das ist vielfach nichts, als der Ausdruck einer verzehrenden inneren Unruhe, des Wunsches, das etwas getan werden müsse. Und solche Arbeit ist oft wie das Gewebe der Penelope, nur dass Penelope insofern zweckmässig handelte, als sie mit dieser Arbeitsmethode etwas verhindern wollte, während hier etwas damit erreicht werden soll. In diesem Zusammenhange muss ich nochmals auf das Protokoll der Wilnaer Konferenz zurückkommen. Was dort mit der Prätention eines richtunggebenden Programms an die Oeffentlichkeit tritt, das ist neben einzelnen dankenswerten Anregungen nichts, alseine Sammlung, teils von Selbstverständlichkeiten, teils von Unmöglichkeiten. Wenn zum Beispiel verlangt wird „das ausführende Organ des Kongresses muss, von den Grundprinzipien des Zionismus nicht abweichend, die Initiative ergreifen und sich Mühe geben, die Vereinigung der Tätigkeit aller jüdischen Kolonisationsgesellschaften zur intensiven gemeinsamen planmässigen Arbeit in Palästina zu erlangen", so ist das zwar ein sehr guter Wunsch, aber es ist doch eine grössere Utopie, als die Erlangung des Charters für Palästina innerhalb eires Jahres. Zur Erfolglosigkeit verurteilt ist unter den bestehenden Verhältnissen auch die Forderung, „dass die Nationalisierung des jüdischen Volkes in iLtensivster Weise faktisch eine der Hauptaufgaben der zionistischen Arbeit in der Diaspora werde". Auch mit den besten Gründen und wenn ich mit Engelszungen redete, kann ich niemanden überzeugen, ehe ich ihn nicht soweit gebracht habe mir zuzuhören. Das kann aber, wie ich gezeigt habe, viel sicherer auf dem Umwege über Afrika, über den ersten Nützlichkeitsei folg, geschehen. Dass der Konferenz trotz der scheinbar objektiven Form auch persönliche Beweggründe nicht ferngeblieben sind, zeigt die Forderung, dass durch Initiative und materielle Beihilfe in Palästina eine neue jüdische Zeitung gegründet werde. Nach Lage der Verhältnisse hiesse das nichts anderes, als der Haschkafah Ben Jehudas denLebensfiden abzuschneiden. Und das, nachdem Ben Jehuda mit diesem Werkzeug in zwar zigjähriger aufopfernder Kulturarbeit erreicht hat, dass aus den Kindern der Chalukaschnorrer eine Generation ehr- und kulturliebender junger Zionisten im Lande aufgewachsen ist. Und warum? Weil er nach seiner besten Ueberzeugung die Annahme des englischen Angebots empfohlen hat. Von der Begründung einer Konkurrenz-Nationalbibliothsk haben sie anscheinend vorläufig noch abgesehen, obwohl ja auch Chasanowicz ein Jasager ist. Meine Herren! Es ist selbstverständlich ganz unmöglich, auch nur annähernd alle die Kräfte vorauszu-

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