Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bie 3* w*it Nr. 17 Träumer und einen Demagogen, und am Ende schalten ihn Männer aus seiner eigenen Partei einen Verräter und sie brachen sein Herz. Er hat für sein Volk gearbeitet, es hat ihm seinen Lohn bezahlt und er ging nach Hause. Nach Herzls Tod! Welche Schreckensbilder hat man uns an die Wand gemalt als die schrecklichen Folgen der sogenannten unvermeidlichen Enttäuschung, die kommen würde. Wohlan! Der Schicksalsschlag, der Tod Herzls hat wohl eine grosse Trauer mit sich gebracht, aber die Zionisten fassten einen desto stärkeren Entschlusszusammenzuhalten. Die führende Stelle wird ausgefüllt werden. Herzl ist tot, aber Nordau ist geblieben; «in grosser Redner in vielen Sprachen, eine magnetisierende Erscheinung, ein praktischer Mensch mit einem nüchterneren Blick als Herzl, heilig für uns durch die Kugel, die ihm nach dem Leben trachtete. Es bleiben uns der Kongress und das Aktionskomitee und unsere Institutionen und unser Programm. Denn Herzl schaute nur das gelobte Land. Er erlangte nicht für uns Palästina. Er verschloss vielmehr vor uns Palästina, teilweise weil es im Geiste seiner Politik war, dass kein einziger Jude sich in Palästina niederlasse, bevor wir den Charter vom Sultan bekommen haben werden, da wir sonst den Boden des Sultans bebauen würden, ohne politischen Vorteil für uns ziehen zu können, teilweise auch deshalb, weil der geschäftstüchtige Sultan den russischen Juden dem Eintritte nach Palästina aufs neue Schwierigkeiten in den Weg legte, während die nicht minder geriebenen Landeigentümer den Bodenpreis steigerten. Es gab in der Tat einen Zeitpunkt, wo Herzl unter dem rosigen Zauber eines Interviews mit dem deutschen Kaiser die nahe Erfüllung unserer Hoffnungen ankündigte. Aber es gab nie einen Zeitpunkt, wo es wahr wurde. Der Sultan hat zwar Herzl Siedlungen in Mesopotamien, in den alten chaldäischen und jüdischen Ländern um Palästina angeboten, aber dies war auch die Grenze, bis zu der die Pforte zu schreiten gesonnen war, wie uns der berühmte jüdische Reisende Arminius Vanobery, ein Freund Herzls und des Sultans, erklärt. Ausser den türkischen Ansprüchen herrscht dort das eifersüchtige Kesseltreiben Russlands, Frankreichs und letzthin auch Deutschlands. Möglich, dass eine Konferenz der Mächte eines Tags ihre gegenseitigen Eifersüchteleien beruhigt, indem sie uns nach Palästina bringt. Möglicherweise wären auch die Schwierigkeiten überwunden worden, wenn hinter Herzl unsere Millionäre gestanden wären, und dass sie noch überwunden werden können, wenn die Augen unserer Millionäre ebenso geöffnet sein werden, wie es ihre Hände sind. Aber wie es immer sein mag, gescheitert ist der Zionismus nicht. Er hat den grossen Vorzug des Bleibenden vor dem Sultan und auch vor dem tüikischen Reich. Wenn das türkische Reich seine Tage verlängern will, so hätte es kaum besseres zu tun, als Palästina einem starken, modernen, industriellen Volke, wie es die Juden sind, zu überlassen. Die Türken selbst ändern sich und werden sich noch mehr ändern. Alle Beobachter stimmen darin überein, dass die Türken ein gutmütiges Volk sind, und dass auch sie vom Strome der modernen Entwicklung, sowohl der politischen als der industriellen, mitgerissen werden könnten. Aber wenn ihr Reich aus den Fugen gerät oder wenn die Mächte bereit wären uns zu helfen, friedvoll in den Besitz Palästinas zu gelangen, so könnten wir von der Gelegenheit nur dann Nutzen ziehen, wenn wir durch den Zionismus geeint werden. Der Wagen wird unseren Weg entlang fahren und wir werden nicht bereit sein, umeinzusteigen.Wer weiss, wie oft im Laufe der achtzehn Jahrhunderte unseres Exils der Wagen an uns vorbeifuhr? Wir haben ihn jedesmal verpasst. Vielleicht bestand Herzls Unglück bloss darin, dass er nicht das Glück hatte. Aber Palästina bedeutet, dass man warte und arbeite. Antizionisten haben es als einen Ort bf zeichnet, der Steine anstatt Brot bringt. Und es trifft teilweise zu. Aber der Zionismus schlägt ja nicht vor, Palästina in demselben Zustande zu lassen, in dem es jetzt ist, ebensowenig wie England Aegypten im alten Zustandeliess. Durch Bewässerung und Waldpflanzung kann es wieder in ein Land, das von Milch und Honig fliesst, verwandelt werden. Bereits die jüdischen Kolonien lassen die Wildnis wie eine Rose blühen. Palästina darf nicht mit dorn grünen England,sondern muss mit dem steinigen Sizilien verglichen werden, und es kann, laut der Ansicht des Colonel Cond er ebenso fruchtbar werden, wie jene liebliche Insel. In meiner Rede über „die kommerzielle Zukunft Palästinas" hebe ich die industriellen Ansichten Palästinas auseinandergesetzt. Sie wachsen von Jahr zu Jahr. Der letzte Konsulbericht von 1903 weist einen Zuwachs von 25% an Export und Iniport im. Laufe eines einzigen Jahres auf. Die Bahn Damaskus-Mekka wird im Osten des Jordans und des Toten Meeres gebaut und bald wird Jerusalem selbst ein Handelazenirum werden. An der Küste des Mittelmeeres gelegen, im Mittelpunkte der Alten Welt, hat dieses Ruinenland noch eine Zukunft vor sich und es wartet seiner die Auferstehung, und es wäre unendlich schade, wenn die Zukunft dieses Landes nicht mit der Zukunft und mit der Auferstehung des Volkes verbunden wäre, das so viele Jahrhunderte nach ihm sich gesehnt hat. Aber es gibt eine Schwierigkeit, die die Zionisten nicht zu übersehen wagen, obwohl sie selten sich dieselbe vergegenwärtigen. Palästina hat nämlich bereits seine Einwohnerschaft. Das Paschalik von Jerusalem ist zweimal so dicht bewohnt als die Vereinigten Staaten; es wohnen daselbst nämlich 52 Menschen auf einem Quadratkilometer und nicht einmal 25% darunter sind Juden. Somit werden wir uns darauf gefasst machen müssen, entweder die Stämme, die Palästina besitzen nach dem Beispiel unserer Vorväter mit dem Schwerte in der Hand aus dem Lande zu jagen, oder wir werden mit dem Problem einer fremden Bevölkerung zu kämpfen haben, die zum grössten Teil aus Mohammedanern besteht und sich Jahrhunderte hindurch gewöhnt hat, uns zu verachten (?) Jetzt machen wir bloss 12% der Bevölkerung aus und sind im Besitze von bloss zwei Hundertteilen des Bodens. Ein grosser Teil des heiligen Bodens bt findet sich in den Händen von Privatbesitzern und könnte nicht sogleich unser werden auch wenn wir bereits den Charter hätten, dagegen sind die Länder der Krone, die dem Sultan gehören und somit ganz abgekauft werden könnten, leider Ebenen, die von Bodenausdünstungen und vom Fieber nicht frei sind. Und sogar diese sind bereits zum Teil okkupiert durch Mohammedaner aus der Berberei und dem Balkan,. Dies scheinen unendlich grössere Schwierigkeiten*) als die, welche der antizionistische Pöbel hervorhebt, dass niemand nach Palästina werde gehen wollen, auch wenn wir es bereits bekommen haben werden, dass jedermann Botschafter in Paris sein möchte — ein Scherz, der seit den Dreyfustagen seine Pointe verloren hat. Es ist ja unwahrscheinlich und sogar unnötig, dass alle Juden nach Palästina oder nach einem neuen Judenstaate auswandern. Während unserer alten Palästinaperiode waren wir bereits die am weitesten verbreitete Nation. Man hat uns in Alexandrien zum Beispiel seit der Gründung dieser Stadt 332 v. Chr. angetroffen und wir genossen daselbst sogar ein gewisses Mass von Selbstverwaltung. Plolemaus I. soll 30.000 jüdische Soldaten als Garnison über ganz Aegypten verteilt haben. Die Ueberbevölkerung des alten Palästinas war sicherlich die Ursache ihres Zuflusses nach Syrien und Aegypten und schliesslich nach allen Teilen der zivilisierten Welt, Die Meinung, der Zionismus bedinge die Rückkehr sämtlicher Juden nach *) Auf diese Ausführungen Zangwills wird nach der Publikation dieses Artikels erwidert werden. Die Redaktion.