Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 16 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 22 „bis & weit Nr. 16 Wir waren im Anfange der Bewegung, der Jadenstaat war eben erschienen und die ersten Angriffe prasselten nieder. Dort wo Herzl eine Gegnerschaft nie vermutet hatte, im Rabbinat waren sie entstanden. Er hatte sich bald gefasst .... im Leben wie an jenem Abend. Ehe wir das Hallelujah anstimmten, da musste er lächeln, ober dem Psalm war ein drolliges Bild zu sehen: Pharao mit den Fluten des roten Meeres kämpfend. Am Ufer steht Moses, kenntlich an der ragenden Gestalt, aus der zwei Lichtstrahlen emporsteigen. Er neigt den Stab gegen das Meer, die Fluten schlagen zusammen und begraben das Heer der Aegypten H e r z 1 erwartete keinerlei Wunder für uns, auch keine diplomatischen, er wusste, dass unsere Wiedergeburt erarbeitet werden müsse. Immer wieder war das der Schluss einer jeden Erörterung über uosere Zukunft. Arbeit ist alles. Heute glauben viele UngeduLdige und jene, denen ein Vergleich fehlt, an welchem sie den zurückgelegten Weg messen könnten, von einer „diplomatischen Richtung" sprechen zu können. Man will künstliche Gegensätze zwischen dem Wirken Herzls und der Arbeit der Zukunft schaffen. Vergebliche Mühe. Es wird nichts gedacht und nichts geplant, was Herzl nicht schon mit mir allein durchgesprochen hätte. Und dabei weiss ich noch lange nicht alles. Wie viele praktische Arbeit, wie viel reale Pläne wurden bloss an jenem Abende besprochen. Und schliesslich, wer hat unsere Bank geschaffen? Dieses Institut ist noch lange nicht das, was es in seinen Plänen sein sollte, aber in Palästina hilft es uns schon ganz gewaltig. Und manchen hält sie im Lager, der vielleicht längst sich entfernt hätte. Er kannte die magische Anziehungskraft des Goldes, so wenig er es für seine Person achtete oder begehrte. Unter wessen Leitung ist der Nationalfonds gegründet worden? Es ist sündhaft und fast komisch von seiner „einseitigen diplomatischen Arbeit" zu sprechen. Die Zeit war zu kurz, um all seine Pläne reifen zu können, dann mangelte es an Arbeitskräften, wie sie noch immer fehlen und fehlen werden. Wenn er abwehrte, wenn er Wichtiges, seinem Herzen Nahestehendes von sich schob, so geschah es, weil er die wenigen Starken und fähigen Arbeiter konzentrieren wollte. Er fürchtete die Zersplitterung, den Fehlschlag. Denn jedes, auch das partielle Misslingen hätte uns damals demoralisiert. Es warteten zu viele auf diesen psychologischen Augenblick, intra und extra muros. Der widerhackige Stachel des Misstrauens senkte sich immer tiefer in sein schwerbelastetes Herz, je näher die Menschen an ihm herankamen, weil sie herankommen durften. Er hatte gar manchen bitteren Scherz für die Bedeutung und für die Freuden eines Führers. Denn, dass er sich preisgebe, dem argen Gerede und bösen Willen ausgeliefert sei und allen. Untertan, die ihn sich zum Oberhaupt erwählten, das wusste er. An jenem Abend aber waren wir noch in den Flitterwochen, wir glaubten, weil wir hofften. Als das Hallelujah angestimmt wurde, der Psalm vor dem Abendessen, da kam es wie jauchzende Freude in sein vornehmes Gesicht. Das Weltmeer bebte und der Jordan flutete in Wahrheit vor seinen Augen genau nach den Worten des königlichen Sängers. Der Sang Davids begeisterte den Dichter, der Herr der Heerscharen, der alte Gott zog mit seinen mächtigen Schwingen durchs Zimmer und liess ein starkes Lebensgefühl in uns zurück. Ach ja, er war ein Dichter, dieser Volksführer, seine Seele vibrierte in Schwingungen, die den „Vielen allzuvielen" fremd sind, sein Herz zuckte schmerzhafter als die Muskeln der geistig Robusten. Ein Dichter und Volksführer, ein Träumer und Bankgründer, ein Zweifler und Heissgläubiger, ein Gebietender und ein Sänger König David. Ach ja, auch König David ist gestorben. Aber ist er denn tot? Welch banaler Trost und klingt wie eine vollgültige Wahrheit. Eine Wahrheit mit doppeltem Boden. Da leben einige Menschen, denen ist er gestorben und tot. Ihnen kann er durch nichts und durch niemanden ersetzt werden. Und wenn sein Sterben auch ein Volk erlöst hätte, ihnen ist er tot. Dann ist er selbst, er der nur e i n Leben besessen hat, ein schönes volles reiches Dasein, das hat er im Dienste seines Volkes aufgezehrt. Das Volk ist ihm dankbar, es wird, sein Andenken hochhalten. Manche zwar haben den kritischen Augenblick benützt uad verliessen uns am Tage seines Todes. Er hatte eine Brücke geschlagen von West nach Ost von den Palästen zu den Hütten der Armen, von den vornehmen Redaktionsstuben zu seiner Welt. Mit seinem Tode verloren wir vieles. Aber geblieben ist das Interesse des Westens für diese Bewegung, die in ihren innersten Kern eine östliche ist, wenigstens nach der ökonomischen Seite und die ohne seine Selbstaufopferung im Dunkel des Ghetto vegetiert hätte. Das Diplomatisieren hatte Sinn und Zweck. Man muss nur Herzls geheimsten Gedanken gekannt haben um sein planvolles Denken und Arbeiten zu verstehen. Seine zionistischen Werke und Reden werden bald gesammelt erscheinen : Die Blüte seiner Seele, die Gaben seines Herzens beherrscht von seltenem Intellekt. Dann werden sie die Nase rümpfen die „matter of faktmen", dass gar so viel Utopisches in ihm gelebt hat. Die Utopie von gestern ist das Geschehnis von heute* Einst wird all das erreicht sein, was er in seinem heissen Herzen ersehnt hat. Aber sie wollen sein königliches Gewand mit ihren Flicken und Lappen behängen, bis dass sein Purpur von ihrem Gewebe umhüllt sein wird. Ehe wir den zweiten Becher leerten, sagte ich ihm in warmen Worten, was wir von ihm hielten und hofften. Die Farbe seines Gesichtes wechselte, lange sagte er nichts. Er hielt die Augen gesenkt, den Kopf geneigt, als bedrücke ihn das Gewicht seiner Aufgabe. Dann kam es zögernd von seinen Lippen: „Ja ja, alles, alles wird erreicht werden, es wird das Selbstverständii che sein, aber ich werde es nicht erleben. — — — Er hat es nicht erlebt. — — Vom Dache meines Hauses sieht man den Hügel von Döbling. Unser Seder ist durch seinen Schatten geweiht, durch die Erinnerung an ihn geadelt. Wir erzählen vom Auszuge der Kinder Israels uod von Theodor Herzl. Zur alten, naiven Volkskunst gesellt sich bald das Buch des modernen Poeten, der in Ziffern und Länderbesiedelungen dichtete. Und ob sie auch lächeln, die Neunmalweisen, die Wahrheit, die volle Wahrheit weiss nur der Poet. Das andere ist leblos oder rasch vergänglich, uns von der Notdurft des Tages aufgezwungen. Die Poesie leitet in die Einigkeit, sie allein ist beständig und wTahr. Schon ist Theodor Herzl, der Mann, mit dem wir gelebt, gegessen und getrunken, geplant und gestritten haben unserem Einfluss entrückt. Die ewig schaffende Poesie des Volksbewusstseins hat ihn ergriffen und sein Andenken mit den blühenden Ranken ihrer Liebe umhüllt. Man meint, wir schufen uns einen Herzl, wie er nie gelebt hat. Nein, tausendmal nein! Der Wille einzelner hat keine mythenbildende Kraft. Er war ein Mensch voll Schwächen, die, gemessen an der Grösse seines Gesamtwesens, uns fehlerhafter erscheinen als die Mängel anderer. Aber wer kennt in unserem jungen Jahrhundert einen besseren, selbstloseren Mann von ähnlicher Kraft? In tausend und abertausend Stuben leuchten seine tiefen Augen von der Wand, strahlen seine Züge Licht und Hoffnung