Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 16 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 „Di* * W^lt" Seite 21 ein Judentum ohne Volk, besser ein Volk der Beschränktheit, als eine bodenentrissene, irrende Bande von Weisheitspredigern, von Schönheitsuchenden. Soll lieber die ga ze Thora zugrunde gehen, und kein Mann in Israel soll sterben. Das sage ich. Judentum ist nicht Selbstziel. Das Leben ist Selbsfziel und der Kampf ums Leben. Darum will ich das L<?ben für unser Volk und den Todeskampf wenn es sein tnuss — das will ich, ihr Pharisäer und ihr Renegaten! Auch ich habe die Sybille gelesen und sie sagt mir : „Eine breitstrassige Stadt gibts im asiatischen Lande; Aus ihr ist das Geschlecht der gerechtesten Männer entsprossen, Die stets trefflichen Sinns und herrlicher Werke gedachten/ Ja, und mir sagt ferner die Sibylle: „Allen Menschen sind Mord und schreckliche Leiden bereitet Wegen der grossen Stadt und des gerechtsamen Volkes, Das vor allem geschätzt und von der Vorsehung geschützt war.8 Und ihr sagt mir, das sei die Predigt der Rache, — ich nehme den Vorwurf an — denn selbstRache ist Leben. — Ihr aber seid Pries*:r des Todes." Aristodemos erhob sich und ging in den Garten hinaus. Klar und warm war die herrliche Nacht. Die Palmen säuselten — es war still — nur von dem Königsschlosse hörte man jauchzende Freudentöne uad in der Ferne murrte das Meer. A. Coralnik. Von der Wanderung. Die Dämmerung starb. Von amethystnen Fernen Grüsst weihevoll die milde Frühiingsnacht. Der Himmel zuckt aus Millionen Sternen. 0 Torenseligkeit! Die Menschen schlafen . . . Mich aber treibt es rastlos höhenwärts, An niebetret'nem Meere ruht mein Hafen. Betrog mich auch das Glück auf meinen Wegen, Ich schreite fort, ein unbezwungner Held, Voll Zuversicht dem neuen Stern entgegen . . . * * * VISION. Die Nacht ist finster und der Weg ist weit — — — Noch viele, viele tausend Meilensteine. Nun will mein Herz am fernen Waldesraine Geduldig ruhn von seiner Müdigkeit. Es träumt von einem dornumrankten Grab In Zions ahnenreichem Glutgefilde Und wie Propheten Weisheit lächelt milde Des selben Führers Antlitz ihm herab. Oskar Rosen f e 1 d. Theodor Herz! beim Seder. Von H. York-Steiner. Während die Feder über das Papier gleitet, folgen seine tiefen Blicke den Bewegungen meiner Hand. Darum wohl muss ich aufschauen. Immer steht sein Bild auf meinem Arbeitstische, nicht immer fühle ich seine Nähe, so wie heute. Es gibt Tage, ja es schwinden Wochen, in denen ich seinen Verlust gar nicht empfinde. Alles erstarrt zur Gewohnheit und selbst der tiefste Schmeiz will vernarben. Bald nahen die Feste, denen sein Leben, seine Arbeit neuen Glanz verliehen haben. Der Lichtschimmer des kommenden Nationalfeiertages beleuchtet die Leere — den unbesetzten Platz, das unberührte Glas. — — Der er, te Seder ohne Theodor Herzl — so bald — so unfassbar rasch! Uad ist noch gar nicht lange, dass wir den ersten gemeinsam gefeiert haben. Noch sehe ich, wie er mit seiner Frau ins festlich erleuchtete Zimmer kam, jenes leise Lächeln um die Lippen, dass dem dunklen Ernst wehrte, der später seine Züge vertiefte. Die allweis« Natur hatte ihn ein gut Stück lebendigen Gefühls für den Humor mit auf den Weg gegeben, als Schutz gegen den herzbeklemmenden Ernst des Lebens. Als er tiefer in das abgrundtiefe jüdische Problem getaucht war, da half ihm kein Lächeln — es löste ihm kein Scherzwort die Schwere von seinem PI erzen. Damals fasste er selbst noch nicht die volle seelenerschütternde Bedeutung seiner Arbeit. Er wäre gerne mit spielenden Worten über den Inhalt des Abends hinweggeglitten, dessen Zeremoniale ihm fremd geworden war. Fast wurde er ungeduldig dabei. Nur langsam stieg seine Teilnahme. Denn stets war der Skeptiker lebendig in ihm, der Feuilletonist regte sich, der beobachtende Humorist. Das Melodram war ihm eine grobe Kunst. Ich aber liess? keine Aehnlichkeit ungenützt, kein Symbol angedeutet und es geschah oft, dass ich ihn und seine Pläne mit dem Auszuge der Kinder Israels aus Aegypten verflechten konnte. Die scholastischen Deutungsversuche des Rabbi Elieser waren ihm wenig interessant aber die eingestreuten naiven Gleichnisse und ursprünglichen Gesänge lockten den Poeten. Dann fand er ganz von selbst, dass dieses Fest mit seinen althergebrachten Formen und Gebräuchen von Leben und Jugend strotze, dass es den Ursprung unserer Heimatsehnsucht feiere, von den ersten — den allerersten Zionisten erzähle. Damit war er gefangen. — — Welche Propaganda für unsere Idee.--- Wahrhaftig, da sitzen Hunderttausende, ja Millionen gleich uns an festlich geschmückten Tafeln und singen die Lieder der Heimat. Sie feiern nie erste nationale Regung des jüdischen Volkes, die Wauderurg nach Zion. Und als ihm das so klar geworden war, da leuchtete es in seinen Augen hellauf, da klang seine Stimme mit uns und seine Hand suchte bald die meine. Welch ein Klingen und Singen dann in dieser Stube — welch freudige Spannung der Seelen! Der Herz! jener Stunde war noch nicht der starke, in sich gefestigte Führer. ';Damals war noch ein stetes Werden und Gestalten in ihm. Aber sein Wachstum entfaltete sich beinahe übernatürlich; man sah es fast mit körperlichen Augen wie alles an ihm sich wandelte, wie er immer tiefer in die Sache seines Volkes hineingeriet. Jeder von uns hat ihn ein Stück weitergebracht. —- Ich rühme mich dessen nicht — ich trage schwer an meinem Stück Verantwortlichkeil. Jener Abend, er war mir ein Gleichnis seines Lebens — seines ganzen Wesens. In der Hagada, die vor ihm lag, befand sich ein Holzschnitt: Moses, der den ägyptischen Wächter erschlägt. Herzl wies nach dem Bilde, während ein schmerzhaftes Lächeln in seinem Gesichte aufstieg. Ich verstand ihn. Das war es, was Moses aus Aegypten getrieben hatte. Einem Prinzen gleich war er am Hofe Pharaos erzogen worden; sein Herz jedoch blieb den bedrückten Brüdern treu. Als er sah, dass ein Aegypter einen Juden mieshandelte, schlug er den Peiniger seines Volkes nieder. Da er aber einen Streit zwischen zwei Juden schlichten wollte, wurde ihm dieser Todschlag öffentlich vorgeworfen, so dass er nach Midian flüchten musste.