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Die Welt · 1905-04-19 · 16 (19.4.1905) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
16 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 20 „bis # Weit11 Nr. 16 Jubeln im Königsschlosse und das in der Stille der Nacht hörbare Brausen des Meeres drangen ins Zimmer hinein. Nur drei Menschen, versenkt in tiefes Nachsinnen blieben sitzen. Uod von Trauer zeugten ihre Gesichter, von tiefem Gram. Aristodemos, Gamaliel und KUobulos sassen lange schweigend beisammen, bis Aristodemos sich erhob und die Freunde einlud, ihn in das kühlere Nebengemach, das im Garten gelegen war, zu begleiten. Sie nahmen dort ihre Sitze ein. Und mit tiefer, gedämpfter Stimme begann Aristodemos : „Eine traurige Nachricht kam heute aus Palästina. Der Feind unserer Heimat rückt vor. Schon hat er eine Festung erobert und sein römisches Adlerbanner aufgepflanzt Unsere Brüder können sich nicht länger wehren. Was kann man jetzt tun? Den Kampf fortzusetzen hat keinen Sinn. Man muss retten, was zu retten ist. Aber wie? Sagt, meine Freunde, was denkt ihr über die Zukunft unseres Volkes? Was denkt ihr über unsere Pflichten, die Pflichten derjenigen, die ausserhalb des heiligen Landes leben?' Finster blickten beide Freunde und als Aristodemos zu Ende war, erwiderte ihm Gamaliel, anfangs leise, dann wuchs seine Stimme, steigerte sich, wurde brausend und donnernd und voll von tiefer, lang verhaltet:er Leidenschalt: „Ja, die Hand Gottes ist über uns. Sein Schwert ist gezückt, um uns zu richten. Wir waren bestimmt, ein Volk von Heiligen zu sein, ein Priestervolk, dem Herrn geweiht. Unser war das heilige Wort. Unser war die Offenbarung. Was war unsere Pflicht? Wir hätten die Lehre, die wir zum Erbe bekommen, in unserem Innern wahren sollen, sie verbreiten, Gottes Namen und Lehre unter die Völker tragen, die seinen Namen nicht kennen. Wir haben es nicht getan. Nach irdischer Macht haben wir gestrebt. Anstatt eines Reiches von Priestern haben wir ein Reich von Wüstlingen, Söldlingen, von der Dynastie des Hyrkanos geführt. Gott unserer Väter! Herodes und Agrippa und Aristobulos, diese ganze heidnische gottvergessene Bande — Könige von Israel und der Zorn des Himmels sollte uns nicht erreichen? Nein! Wir haben unsere Strafe wohl verdient. Wir sind durch die Hand der ewigen Gerechtigkeit gezüchtigt worden. Denn wisse, o Aristodemos, es wächst kein Gräschen über Nacht, ohne dass Gott darüber wacht — und was sein Wille tut, ist unergründlich — denn Gerechtigkeit ist sein Name. Was wir tun sollen? Ob wir uns wehren, ob wir uns den Römern entgegenstellen, Tod oder Freiheit suchend? Nein, weder dies noch das andere. Unser Jerusalem ict von oben — unser Vaterland ist die heilige Schrift. Diese müssen wir wahren, diese müssen wir mit unserem Blute verteidigen. Die Erde, alles gehört dem Herrn, sein Wille geschehe. Ich bin auch deshalb hergekommen, o Aristodemos, um die Ziele und Wünsche unserer Partei, der Partei der wahren, geistigen Juden, dir klarzustellen. Wir wissen, dass du ein frommer Jude bist, voll von der Lehre Gottes, wir kennen deine grenzenlose Liebe zu deinem Volke. Aber ich sage dir, du schadest uns. Indem du den Aufstand in Palästina unterstützest, indem du durch dein Beispiel anfeuernd wirkst, weckst du im Volk ein eitles Streben nach irdischer Macht, lenkst du es von der von Gott ihm vorgeschriebenen Bahn ab. Das Heil des jüdischen Volkes liegt in seinem Verhältnis zu Gott. Israel und die Thora sind eins . . .tt Der Fluss der raschen, etwas näselnden aramäischen Rede Gamaliels ben Jeschua wurde plötzlich durch die melodische Stimme des Dichters Kieobulos, der bisher schweigend und lauschend sass, unterbrochen. Aristodemos aber sa?s bleich und die Stirne gefaltet und hörte. Langsam, klar floss die wohlgegliederte, rhythmische, hellenische Rede des Hellenisten. Es klang wie ein Sang, von Pyrdaros rezitiert, von einem gottbegnadeten Rhapsoden. Platonische Wärme und somatischer Witz und orientalische Farbenpracht dazu. „Auf meimr Reis<>, von der ich soeben zurückgekehrt bin, war ich in Mykene. Eine alte, ehrwürdige Stadt, voll von alten Symbolen. Und ich sah dort Ruinen von Bauten — die Kyklopenbauten, und ich sah dort Schöpfungen eines ungestümen, aber unbeholfenen, unentwickelten Volkes, ich sah sein Bestreben, sein eitles Mühen, das zum Ausdruck zu bringen, was es bedrängte. Und die konnten nicht, die Armen. Ihre Schöpfungen sind Fragmente, Torsi geblieben, wie ihre Seelen selbst nur Fragmente waren. Stücke der grossen, allumfassenden „Menschenseele und da kam das Volk der Schöpfer und schuf aus den Fragmenten Kunstwerke. . . . Wir Juden, o meine Freunde sind auch Torsi von Menschen, nicht ganze Vollentwickelte Seelen. Ich habe in Antiochien einen Freund, dessen Namen ihr wohl kennt, Klitomachos, — ein tiefer Denker und ein Lebensweiser - und dieser hat ein Buch geschrieben: „Peritou ioudaismou" „über dasWesen des Juden tums.aDenn, meine Freunde, bevor wir darüber uns klar werden, was man im gegenwärtigen Moment für das jüdische Volk tun soll, muss man die Frage untersuchen, ob das Judentum, von dem unser Freund Gamaliel so eifrig gesprochen hatte und das er mit Recht als die Grundlage des jüdischen Lebens betrachtet, noch lebensfähig, lebensberechtigt sei. Nun meint Klitomachos, sei eine Lehre nur dann wertvoll, wenn sie das Leben zu lieben lehrt um des Lebens selber willen, wenn sie die Weltharmonie uns zeigt, uns neuschafft. Das Leben und die Menschen, die Schönheit und die Vernunft, der Logos in seinen allumfassenden Emanationen dies alles seien Selbstziele. Nicht eine abstrakte Gottesidee, nicht eine einzige, verkörperte, oder vergeistigte, zum Urprinzip der Welt erhobene Wahrheit — die der Gerechtigkeit. Nein — „hen kai pan* — eins und alles — alles in einem. Unsterblich sind die Menschen, sterblich, sind die Götter" meinte ein alter Weise aus Griechenland und warum, meinte Klitomachos, sollte man nicht sagen „Sterblich ist Gott*. Kann den auch nicht eine Weltanschauungabsterben? Ist doch die altgriechische Religion abgestorben, für immer dahin, um einer Religion der Schönheit und der Harmonie — logischen und ästethischen — Platz zu machen. Warum soll das Judentum immer an seinem ausschliesslich ethischen, ausschlieslich theozentrischen Standpunkte festhalten? Warum sollten nicht die beiden Welten ineinander füessen, die griechische und die jüdische, warum sollten nicht Athen und Jerusalem durch die Kette der Dreieinigkeit — des Verstandes, der Schönheit und des Willens — der Logik, Aesthetik und Ethik verbunden werden? Um neugeboren zu werden, muss man sterben. Das jüdische Volk müsse sterben wenn es neugeboren werden will. So sagt mein Freund Klitomachos in seinem Buche „peri tou ioudaistrou." Und ich — ich dachte an die Kyklopen von Mykene und dachte, weiche herrliche Kunstwerke man aus ihnen machen könnte Und ich — ich dachte an das jüdische Volk und dachte — wie gross könnte es werden, wenn es seinen Einheitsgedanken über die ganze Welt verbreiten wollte „hen kai pan". Wie es in den sibyllinischen Büchern heisst: „Und es wird des grossen Gottes Volk wieder das mächtigste werden, Das den Sterblichen allen den Pfad des Lebens wird zeigen." Und als der letzte Laut der melodischen Verse verklang, erhob Aristodemos sein Haupt. Sein Antlitz war bleich und seine Augen blitzten: „Propheten des Todes seid ihr beide," rief er aus, falsche Propheten. Du Gamaliel willst das Judentum retten, Gott retten, wenn auch das Volk zugrunde geht, du, Kieobulos, willst die Menschheit retten, den Gott der Juden zur „Sophia", zum „Logos" zum „Demiurgos" machen, du willst das Judentum töten — und die Juden zugleich — beide predigt ihr den Tod des Volkes. Und ich sage euch: besser ein Volk ohne Judentum, als

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