Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 16 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316149--46799-3341662- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 16 „bie # w^it11 Seite 19 Unser Frühling. Von Meta Gordon. Der erste Glanz der warmen Frühlings sonne Bringt neues Leben, neue Hoffnung wieder, Und mit dem Hoffen kommt das alte Lachen, Und mit dem Lachen klingen neue Lieder. Der junge Wind trägt ihre zarten Weisen, Die unserm gläub'gen Herzen sich entringen, In frohem Spiel durch maienweiche Lüfte Zu Gott empor auf golddurchwirkten Schwingen. Vom Strahlenkranz der duiVgen Himmelsklarheit Steigt's wie ein glückverheissend Leuchten nieder: „Es blüht ein Frühling in den künfi'gen Tagen Euch reichgesegnet in der Heimat wieder!" In der Heimat A. K. zugeeignet. Ich will in Kedrons stillem Schattentale Mir eine kleine weisse Hütte zimmern Und will des Tags die heilige Vatererde Bebauen und also mein Leben fristen. Des Abends aber, wenn die Zedern rauschen Und von dem starken König Saul erzählen, Da will ich stumm und müd und friedenselig Mein Haupt an deine weisse Schulter lehnen. Die Sterne stehen gross in Azurtiefen Und triefen Strahlen auf die blonden Hügel Und von dem Garten her erdufien bebend Die aufgeblühten, dunklen Anemonen. Da will ich meiner Kinder Mutter küssen, Der Kinder, welche einst so werden sollen, Wie jener starke König Saul gewesen, Von dem die Zedern draussen preisend rauschen. Fritz Löhner. Vorfrühling. (Leo Raffaels zu eigen). Am ersten Passahtage. Ueber den Feldern gleisst Sonnenlicht. Du siehst, wie das Leben aus Erden bricht Und hörst die ersten Lerchen. Die Bäume strecken die Aeste vor Und segnen das Haus und segnen das Tor Und die Bank und das flüsternde Pärchen ... Da wird dein Herz so glückverwirrt, Dass dir ein Lied clurch die Seele schwirrt: „O Welt, du süsses Märchen!" * * SEHNSUCHT. Die Welt steht bald im Maien Die Rose blüht und lockt Es will mein Herz sich freuen, Doch alle Freude stockt. Die Lerche steigt ins Blaue Weil sie die Freiheit liebt. Der Duft vom Morgentaue In Sonnengiut zerstiebt... Nach Osten streck' ich die Hände Wie im Gebete aus : O, wenn ich den Weg doch fände, Den blühenden Weg nach Haus! O, öffnete meiner Sehnsucht Die Heimat ihr segnendes Tor, Dann stiege mein Herz wie die Lerche Jauchzend zum Himmel empor! Wien. M. Scherlag. Passah. Eine stille, schöne Nacht. Die erste Passahnacht. In der prachtvollen Hauptstadt des Nilreiches, in der Stadt der Ptolomäer herrscht Jubel und Freude. Unter der herrlichen blauen Himmelsdecke Aegyptens tummeln sich übermütige, lebensfrohe, genusssüchtige, schönheitstrunkene Hellenen. Stolz und üppig. Schlicht mit einer gewissen Beimengung des Exotischen. Heiss die Luft und heiss das Blut. Und in Alexandrien herrscht ein Jubel. Das Königsschloss ist hell beleuchtet. Es wehen von den Giebeln der Dächer die Insignien der römischen Herrschaft, die römische „Aquila", die den Erdkreis beherrschte. Und im Schloss lauter Jubel, klirrender Becherklang und schöner Mädchensang . . . Und neben dem Königsschloss, in einer Seitengasse am Strande des Meeres ein schönes, grosses Gebäude. Der Palast des reichen alexandrinischen Juden Aristodemos, eines der reichsten Leute Kleinasiens und Aegyptens, bekannt in Alexandrien und in Cyrene, in Gallien wie in Kilikien. Bis nach Rom drang sein Ruf. Es war hellenisiert äusserlich, ganz Kulturmensch und modern. Doch ein heisser, treuer Jude. Das wussten alle — und sein Haus war eines der aufgesuchtesten in Mittelägypten. Es war beinahe ein Zentrum der alexandrinischen Judenheit. Jerusalem stand mit ihm in ununterbrochener Verbindung. In seinem Palast im Judenviertel, dem „stratopedon udai'kon", schimmerte es von Licht und Pracht und Glanz. Asiens Reichtum gepaart mit Afrikas Mysterien, durch hellenischen Kunstsinn gemildert. In dem grossen Saale, zu dem ein marmorner, lichtumflossener Peristyl führte, fand ein Gelage statt. Es war das Passahmahl. Rings um einen langen, grossen Marmortisch sassen in orientalischer Pose zahlreiche Gäste aus allen Erdteilen. Es waren bedürftige Juden aus Alexandrien und der Umgebung, es waren Priester des Oniastempels in Leontopolis, meistens aber Juden aus Palästina. Und am oberen Ende des Tisches sass der Hausherr, der reiche Aristodemos, weiss und myrrhengesalbt. Sein schwarzer Bart war lang und wohlgeordnet und sein pechschwarzes Haupthaar lockig und gescheitelt. Einen weissen Mantel mit Purpurstreifen trug er. Und der Stoff war die edelste \\ olle von Indien und von Persien. Ihm zur Seite seine schöne Gemahlin Magdala — eine Jüdin aus Antiochien — jung und schön wie ein Traum des Orients, wie die mondhelle Nacht von Alexandrien, und die zwei jungen Söhne des Hauses. Und gegenüber dem Paare sassen die zwei Ehrengäste — Gamaliel ben Joschua, ein Priester aus Palästina, Gottesgelehrter und politischer Emissär und Kleobulos, der feinsinnige hellenisierte Jude, der von einer langen Reise in Griechenland und in Italien nach seiner Vaterstadt zurückkehrte. Kleobulos war ein gefeierter Dichter, Tragöde und Novellist. Ja es hiess, seine Tragödien überragten an Tiefe die von Euripides, seine Novellen die von Lukianos. Aber er war auch ein Denker. Ein feiner, tiefer. Kein Systematiker, keiner von denjenigen, die in den Strassen ihre Weisheit kundgeben und die unter den Säulengängen wie die wandernden Sophisten für Geld Dialektik treiben und die Kniffe der Diatribenkunst und der Rechthaberei lehren, auch nicht in Hängekörben sich schaukeln wie der Sokrates in den aristophanischen „Wolken" und Hokuspokus treiben und sich begaffen lassen. Er war ein Einsamer, ein Zartfühlender. Sein Meister war Plato, sein Ideal ein platonisches. Und dazu ein bisschen Lebensmüdigkeit, Lebensmattheit, ein Hauch von Erotik und schwülem Begehren. Das Mahl war schon zu Ende. Die Gäste tranken viel, mehr als sie vertragen konnten. Die meisten schlummerten sanft, viele entfernten sich polternd, um frische Luft zu schöpfen. Auch die Familie des Hausherrn zog sich in die Gemächer zurück. Es wurde still. Nur das Jauchzen und