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Die Welt · 1905-04-19 · 16 (19.4.1905) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
16 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 18 „bis & W^lt" Nr. 16 „Nehmen Sie sich in acht, Frau Gräfin/ fiel da Arfalov ein, „sonst werden Sie noch eine physische und moralische Verstimmung davontragen." Der Graf klatschte Beifall. „So ist's recht, Maurice Ippolytovich/ sagte er, „machen Sie ihr nur Angst!" „Ich würde die Frau Gräfin viel lieber kurieren", erwiederte Arfalov. „Da nehm' ich Sie beim Wort/ rief Graf Malakovitch aus; „aber das schliesst natürlich ein, dass Sie uns sehr oft besuchen/ Arfalov warf Catherine einen Blick zu, aber sie erwiderte ihn nicht. Einige Minuten später erhob er sich, um sich zu e npfehlen. „Das gehört mir," sagte er, indem er auf das Kästchen wies, das die gestern gesammelten Spenden enthielt. „Ich weiss/ versetzte der Graf kurz. Aber so sehr es der Graf auch heute vermied, mehr über das Kästchen und die darin enthaltenen Spenden zu sprechen, so musste er zwei Tage später doch wieder darauf zurückkommen. Er sass in seinem Arbeitszimmer, als der Diener ihm eine Geschäftskarte brachte. „ Dimit.rovitch bittet in einer Privatangelegenheit um Gehör, Exzellenz" meldete er. „Lass' ihn hereinkommen/ befahl der Graf, Einen Augenblick später trat ein verdorrtes Männchen ein, dass sich unterwürfig verneigte. „Was gibt's, Dimitrovitch?" fragte der Graf freundlich, „ein Türkisenring oder ein altes Amulett? Ich sage dir gleich, dass ich keinen Kopeken übrig habe/ Das Männchen krümmte sich vor Verlegenheit. „Exzellenz verzeihen, aber heute bin ich nicht gekommen, um etwas zu verkaufen, sondern ich erbitte mir den gnädigen Rat und Befehl Eurer Exzellenz/ „Na also, heraus damit/ sagte der Graf. «Die Sache verhält sich folgendermaßen, Exzellenz: Vorgestern kam Gospodin Maurice Arfalov zu mir und brachte mir verschiedene Schmuckgegenstände, die er mir zum Verkauf anbot. Ich kenne Gospodin Arfalov schon lange — ich lese seine Beiträge in den Zeitungen und sehe auch seine Stücke auf dem Theater, ich machte mir also kein Gewissen daraus die Juwelen zu kaufen. Als wir mit dem Geschäfte fertig waren, zog er ein Halsband hervor, das ich sofort erkannte: es war dasselbe, das Eure Exzellenz für die Frau Gräfin vor drei Jahren gekauft hatten — auf dem Geschliess befand sich meine Schutzmarke. Er gab mir den Auftrag, die Diamanten herauszubrechen und so teuer als möglich zu verkaufen." „Nun — und?" fragte der Graf ungeduldig. Aber seine Ungeduld richtete sich nicht gegen Dimitrovitch, sondern gegen sich selbst, er ärgerte sich, dass er in der ganzen Sache nicht klar sehen konnte. Wieder krümmte sich Dimitrovitch. „Die Umstände kamen mir ein wenig seltsam vor, Exzellenz/ sagte er endlich; „die gnädige Frau Gräfin hätte mir ja das Halsband durch einen Dienerschicken können. Ich überlegte also zwei Tage hin und her, dann hielt ich es für meine Pflicht, Eurer Exzellenz die Sache vorzutragen, obwohl ich natürlich die höchste Achtung vor Gospodin Arfalov habe, und die gnädige Frau Gräfin--/ Der Graf nickte ruhig mit dem Kopfe. „Du hast richtig gehandelt, mein Freund," sagte er, „und ich danke dir. Guten Morgen." „Aber was soll ich mit dem Halsband tun, Exzellenz?" stammelte das Männchen. „Ah richtig, das Halsband!" versetzte der Graf. „Nun, du wirst natürlich tun, was Gospodin Arfalov Dir aufgetragen hat, Dimitrovitch/ Als der Graf wieder allein war, legte er sich die Frage vor, ob er seiner Gattin, der Mutter, seiner beiden verstorbenen Kinder, volles Vertrauen schenken dürfe; aber so lange er auch hin-und hersann, erfand keinen Grund, an ihr zu zweifeln. Der Verkauf des Halsbandes bswies gar nichts. Er hesass kein Privatvermögen,, sondern nur seinen Gehalt und so musste er sich mancherlei versag-en, um seiner Frau den nötigen Schmuck zu verschaffen — aber in dem Augenblicke, da er ihn ihr geschenkt hatte, war er ihr ausschliessliches Eigentum, und es war ihr Recht, nach Gutdünken damit zu verfahren. Dass sie Arfalov mit dem Verkaufe des Halsbandes betraut hatte, bewies ebenfalls nicht». Es war offenbar ihr Beitrag zur Sammlung, die Arfalov bei der Soiree zugunsten der Juden eingeleitet hatte, keinesfalls hatte Catherine es ihm geliehen oder geschenkt — es war bekannt, dass er sich durch seine Feder bereits ein beträchtliches Vermögen erworben hatte. Mit ihrem Manne wollte sie nicht davon sprechen, denn es hätte sich unbedingt eine Diskussion über die Juden daraus entwickelt und das wäre gegen ihre Vereinbarung gewesen; sie hatte also nur ihre Pflicht getan* Ebenso leicht war es zu erklären, warum sie Arfalov die Spende nicht in Gegenwart der Gäste eingehändigt hatte, sie hasste alles, was auch nur im entferntesten an Grosstuerei streifte. Obwohl der Vorfall in seinen Einzelnheiten nicht den geringsten Anlass zu einem Verdacht gab, sah sich der Graf doch der erstaunlichen Tatsache gegenüber, dass seine Frau sich in einem geheimen Einverständnis zu einem Fremden befand. Indessen hatte er in den folgenden Wochen wenig Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen, da er vollständig von dienstlichen Pflichten in Anspruch genommen war. Man hatte unter grossem Trompetengeschmetter eine Untersuchung nach den Ursachen der Unruhen im Judenviertel ins Werk gesetzt; eino grosse Anzahl von Verhaftungen war vorgenommen und den Missetätern die härteste Strafe angedroht worden. Um dem Gerichtshof grössere Autorität und bona fides zu verleihen, wurde die Untersuchung diesmal nicht von der Lokalbehörde, sondern vom Unterpräfekten, dem direkten Vertreter der Regierung selbst geleitet. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend befand sich Graf Malakovitch bei Gericht und führte mit d< r ernstesten Miene von der Welt die Untersuchung, trotzdem niemand besser wusste als er, dass das ganze eine Komödie war; die offizielle Depesche, die ihn zum Präsidenten des Gerichtshofes ernannte, hatte nämlich des Ergebnis der Untersuchung enthalten. Das Urteil sollte lauten, dass die Juden selbst an ihrem Unglück schuld gewesen seien — einige von ihnen hatten einen Christen misshandelt; ein anderer wollte ein christliches Dienstmädchen um den ihr gebührenden Lohn betrügen und hatte sich so die gerechte Entrüstung ihrer Verwandten zugezogen — es kam nicht darauf an, welche Geschichten erfunden wurden, nur mussten sie den Ausbruch der Unruhen auf die Juden selbst zurückverfolgen; die verhafteten Christen sollten sofort entlassen werden. (Schluss folgt.)

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