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Die Welt · 1905-04-19 · 16 (19.4.1905) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
16 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 16 £>if Wfli Seite 17 Pünktlich zur Minute, wie die Gräfin vorausgesehen, stellte sich Arfalov ein. „Ich danke Ihnen, Maurice Ippolytovitch," sagte sie. Er lächelte. „Nun, Frau Gräfin," fragte er, „war's eine sensationelle Ueberraschung oder nicht?" „Hier, nehmen Sie," sagte die Gräfin, ohne seine Frage zu beachten, „es ist alles in diesem Kästchen; ich habe die Spenden gezählt — Sie sind hoffentlich nicht böse darüber — es sind gegen tausend Rubel Bargeld, und die Schmucksachen dürften fünfzehnhundert Rubel bringen." „Das ist schon etwas," sagte Arfalov. „Es ist noch nicht alles — hier meine Spende." Sie legte ihr Halsband dazu. „Dafür werden Sie wohl zweitausendfünfhundert Rubel erhalten. Aber ich habe eine Bitte. Lassen Sie die echten Steine ausbrechen und dann durch falsche ersetzen — ich kann das Halsband dann immer noch tragen, ohne dass jemand etwas erfährt; ich mag keine langen Erklärungen, wenn ich sie vermeiden kann." Er betrachtete sie gespannt und schien mit einer Frage zu kämpfen, da körn sie ihm zuvor. „Und nun sagen Sie mir, bitte, Maurice Ippolytovitch, was hat Sie veranlasst, sich für die Juden einzusetzen?" Er stand auf und sah ihr ehrlich ins Gesicht. „Es kam mir plötzlich in den Sinn, Frau Gräfin, dass sich unter den jüdischen Opfern Verwandte von •mir befinden könnten," sagte er. „Ah!" rief die Gräfin aus. „Ich habe die ganze Zeit über eine Maske getragen," fuhr er fort, indem er seinen Blick fest auf sie gerichtet hielt; „manchmal wurde ich wütend, weil niemand auch nur den leisesten Verdacht schöpfte, dass sich hinter Maurice Ippolytovitch Arfatov Moses Isaacovitch Rafalov verbarg, ich kam mir vor wie ein kleiner Junge, der sich in einem Anfalle von Groll versteckt und sich ärgert, dass ihn niemand suchen kommt. Sie, Frau Gräfin, sind die erste, die mich gesucht 'iat — ich bin Ihnen sehr dankbar dafür." Er hielt ein Weilchen inne, in seine Gedanken, seine Erinnerungen vertieft, dann fuhr er fort: „Es ist lange her, Frau Gräfin, seitdem ich mich von meinem Volke losriss, aber über die weite Kluft, die mich von ihm trennt, dringt immer noch seine Stimme bis zu mir herüber. Und nun gestatten Sie mir eine Gegenfrage, Frau Gräfin — was hat Sie veranlasst, Ihr Haisband zu spenden?" „Derselbe Grund, der Sie veranlasste, sich für die Juden einzusetzen," lautete die Antwort. „Sie wussten also, Frau Gräfin, an wen meine Worte in erster Reihe gerichtet waren?" „Ich erriet es sofort, erriet, wen Sie mit der Sonde untersuchten. Hören Sie mich an, meine Geschichte ist bald erzählt. Mit sechzehn Jahren war ich eine Waise, ich hatte weder Obdach noch irgend welche Mittel, mir selbst meinen Lebensunterhalt zu verschaffen, und stand vor der Wahl, entweder meinen Leib oder meine Seele zu verkaufen. Da ging ich ins Kloster; dort sah mich der Graf Maiakovitch, der damals noch ein kleiner Provinzbeamler war und weder Vermögen noch Protektion besass. Ich dachte mir, dass ich schlechter hätte fahren können —u Arfalov stiess ein kurzes Lachen hervor. „Dass er schlechter hätte fahren können," korrigierte er sie. „Das muss ich zurückweisen/' widersprach die Gräfin lebhaft, „selbst als eine Artigkeit; ich hatte viel mehr von ihm zu gewinnen als er von mir." „Wenn Sie es sagen, will ich es glauben," erwiederte Arfalov. Die Gräfin schwieg, in Gedanken versunken. Gestern hatte sie Arfalov nicht mit ihrem Manne diskutieren wollen, heute weigerte sie sich, ihren Gatten mit Arfalov zu diskutieren. „Eine sehr alltägliche Geschichte, nicht wahr?* sagte sie endlich. „Was sagt Ihr Gatte, sowohl in seiner Eigenschaft als Unterpräfekt wie auch persönlich, zu den gestrigen Ausschreitungen?" fragte Arfalov in dringendem Tone. „Nichts/ „Nichts?" wiederholte Arfalov. „Wir sprechen das Wort Jude nie voreinander aus," antwortete sie; „das ist ein altes Uebereinkommen." „Und Sie haben nie das Verlangen, es auszusprechen?u Sie schwieg verwirrt und besorgt. „Ich will keine Schlüsse aus Ihrem Schweigen ziehen," fuhr er sanft fort, „ich bin nicht hergekommen, um Sie zu quälen, und will von nichts anderem sprechen, als was Sie mir gestatten. — Würde es Sie vielleicht interessieren, zu erfahren, warum ich mich von der Gesellschaft ferngehalten, mich nirgends gezeigt habe?" „Jawohl, das möchte ich sehr gerne wissen," antwortete sie rasch. „Nun denn — weil ich nicht mit Ihnen zusammentreffen wollte," sagle Arfalov; „seit einem Jahre, seil dem Eisfest, auf dem ich mit Ihnen sprach, wusste ich, dass Sie eine Jüdin sind Wohl hörte ich von vielen Leuten, dass Sie etwas Orientalisches an sich haben, aber ich hatte nie zuvor Gelegenheit, mich selbst zu überzeugen. Und seither mied ich Sie, weil ich mir nicht darüber klar werden konnte, welche Haltung ich Ihnen gegenüber einnehmen sollte. Ich wäre auch gestern abend trotz meiner schriftlichen und mündlichen Zusage nicht bei Ihrem Feste erschienen, aber da erfuhr ich plötzlich von den Krawallen, und da vermochte ich die Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen, mich mit Ihnen zu verständigen." „Aber warum hatten Sie überhaupt den Wunsch?" fragte Catherine leise. „Weil Sie mein schlummerndes Stammesbewusstsein weckten," antwortete Arfalov; „wenn ich Sie ansah, musste ich an den salamonischen Tempel, an den Titusbogen denken, fielen mir alle Triumphe, alle Niederlagen ein, an denen unsere Geschichte so reich ist. Ich komme oft mit Juden in Berührung, aber nur in Ihrer Gegenwart fühle ich mich als Jude, Sie müssen also, wenn anders Sie überhaupt mit mir verkehren wollen, mich stets als Juden betrachten. Sehen Sie nun, wie sehr ich rech* hatte, wenn ich mich nicht in Ihren Bannkreis wagte?" Statt aller Antwort hielt die Gräfin warnend die Hand empor — auch Arfalov hörte Schritte am Korridor, die immer näher kamen. Sie hielt ihm das Halsband hin. „Rasch," bat sie, „stecken Sie es in die Tasche.44 In diesem Augenblick trat Graf Maiakovitch ein und schüttelte dem Gaste herzlich die Hand. „Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, meiner Frau Gesellschaft zu leisten," sagte er zu Arfalov; „sehen Sie sie einmal an, wie ihre Wangen gerötet sind, wie angeregt sie ist —sie hat wohl viel gelacht? Ich sage ihr immer, dass sie zu wenig isst und zu wenig lacht"

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