Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-04-19 · 16 (19.4.1905) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
16 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316149--46796-3341659
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 16 ,blc Wf it« Nr. 16 „Die Gesellschaft hat heute ein anderes Interesse, Frau Gräfin," antwortete Arfalow. „Seit wann räumen Sie so leicht das Feld?" fragte die Gräfin. „Ich gebe zu, dass dies sonst nicht meine Gewohnheit ist/ erwiderte Arfalov aufrichtig, „aber heute mache ich eine Ausnahme. Sie sollen nur darüber sprechen, Sie spielen mir so nur in die Hände." „Ich verstehe nicht," sagte die Gräfin. Arfalov verbeugte sich. „Verzeihen Sie, Frau Gräfin," bat er, „wenn ich mich nicht deutlicher erkläre, und gestatten Sie, dass ich Sie um eine Gunst bitte. Darf ich mir erlauben, Ihren Gästen eine sensationelle Ueberraschung zu bereiten?K „Ich zweifle, ob Ihnen das gelingen wird, Maurice Ippolytoviteh. Sie haben uns schon so oft sensationelle Ueberraschungen bereitet, dass wir bereits daran gewöhnt sind; wie Sie sehen, muss man zuweilen für sein eigenes Genie büssen." „Gestatten Sie mir immerhin, es zu versuchen, Frau Gräfin," wiederholte Arfalov seine Bitte. „Ab'r natürlich, Maurice Ippolytovitch." „Ich danke Ihnen, Frau Gräfin. Ich werde mir also das Weitere jetzt zurechtlegen.44 „Ich verstelle — das ist wohl ein leiser Wink, Sie allein zu lassen?" Er sah sie lange mit einem zögernden Blicke an, dann sagte er langsam : „Jawohl. Ich möchte noch ein Weilchen allein sein, Frau Gräfin." Sie reichte ihm lächelnd die Hand, „In einer Viertelstunde werde ich bereit sein," bemerkte er, indem er ihre Hand in der seinen behielt, während er sie über die Schwelle des Balkons in den Saal geleitete. Die Gräfin hatte durchaus nicht übertrieben, als sie sich zur Zusage Arfalovs gratuliert hatte. Wo er erschien, war das Gelingen eines Festes verbürgt und so entfernte sie sich denn in der festen Ueberzeugung, dass er sich auch am heutigen Abend auszeichnen würde, wenngleich er ihren Erwartungen bisher nicht entsprochen hatte. Arfalov, der etwa fünfunddreissig Jahre alt sein mochte, nahm eine Stellung ein, die geradezu einzig war in ihrer Art. In literarischer Beziehung das vielseitigste Genie des Tages, ein Dekadent, Impressionist, ein Meister der Sprache ä la Heine, nahm er als Theaterdichter, als Romanschriftsteller, als Feuilletonist den ersten Rang ein. Er geisselte in seinen Dramen, seinen Romanen, seinen Feuilletons die Gesellschaft, bis sie sich krümmte — vor Lachen, aber so sehr er sich auch gehen liess in Wort und Schrift, er hatte keine Feinde, denn niemand war kühn genug, die Klinge mit ihm zu kreuzen. Während er seine Blicke über die versammelte Menge schweifen liess, war er sich sehr wohl bewusst, wie gross seine Macht war, was er sich herausnehmen durfte. Die Viertelstunde war vorüber und er fühlte den Blick der Gräfin, ohne sie anzusehen. Er nickte, wie um ihr ein Zeichen zu geben? dann stieg er raschen Schrittes auf das Podium, auf dem die Musikkapelle spielte. Mit einer gewandten Bewegung entriss er dein Dirigenten den Taktstock, so dass die wilde ukrainische Melodie mit einer gellenden Dissonanz aufhörte, wie mitten entzweigerissen. Im selben Augenblicke schwieg alles und alle Augen wendeten sich nach dem Podium, um den Grund der plötzlichen Unterbrechung zu erfahren. Da stand Maurice Arfalov, mit feinem Lächeln auf dem gespannten Gesichte, den Taktstock hoch in der Rechten haltend, um die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zu lenken. Er verdiente es stets, dass man ihm lauschte, ja, man hatte die ganze Zeit darauf gewartet — was hatte er ihnen zu sagen? „Meine sehr verehrten Damen und Herren," ertönte seine hohe Stimme, „es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, dass nicht weit von hier sich Ereignisse abgespielt haben, die sehr viel menschliches Elend nach sich zogen: Läden sind geplündert, Wohnstätten verbrannt, Männer, Frauen und Kinder getötet oder verstümmelt worden, einige tausend Mittmenschen sind obdachlos, dem Hungertode preisgegeben. Meine verehrten Damen und Herren, lassen Sie uns beweisen, dass wir inmitten unserer Vergnügungen uns unserer menschlichen Verpflichtungen bewusst sind. — Im Namen der jüdischen Witwen und Waisen appelliere ich an Ihr Herz und bitte Sie um ein Almosen!" Er wendete sich um und winkte dem Musikanten, der das Tamburin schlug. „Leihen Sie mir Ihr Tamburin ein wenig," bat er. Der Mann willfahrte sofort seinem Wunsche und Arfalov ergiff das Tamburin. „Ich bitte Sie um ein Almosen/ wiederholte er, indem er es vor sich hinhielt, wie ein Komödiant, der absammeln geht. Lautlose Stille herrschte. Aber diesmal drückte sie massloses Erstaunen aus. Was fiel Arfalov ein? Wenn das ein Scherz sein sollte, warum trug er ihn in so ernstem, fast feierlichem Tone vor? Der Gedanke an sich war nicht schlecht: eine Sammlung zugunsten der Juden! Endlich ging ihnen ein Licht auf. Wie dumm, dass Arfalov einmal ernst genommen werden wollte — nun musste die illustre Gesellschaft bar dafür bezahlen, dass sie, die privilegierten Hüter von Recht und Gesetz, ihre Pflicht vernachlässigt, den Juden ihren Schutz vorenthalten hatten! Wahrhaftig, ein glänzender Sarkasraus! Maurice Arfalov war denn doch Maurice Arfalov; er hatte sie nicht enttäuscht, folglich durften auch sie ihn nicht enttäuschen, sondern mussten auf den Witz eingehen. Und nun ßegann eine förmliche Balgerei, um zu dem Tamburin zu gelangen. Die Herren taten Goldstücke und Banknoten hinein, die Damen Ringe, Armbänder, Ohrringe. Gelassen sah Arfalov zu, wie die Spenden sich häuften. Als der Ansturm sich gelegt hatte, schritt er vom Podium hinab und direkt auf die Hausfrau zu — er hatte sie während der Sammlung nicht ein einziges Mal angesehen, aber wusste instinktiv, wo sie sich befand — zog ihr Blick ihn magnetisch an? „Darf ich Sie bitten, Frau Gräfin, die Spenden in Verwahrung zu nehmen?" fragte er. „Jawohl, bis morgen nachmittag um vier Uhr," antwortete sie flüsternd. * * * Die Gräfin konnte sich vieler gesellschaftlicher Erfolge rühmen, der letzte Abend setzte ihnen allen die Krone auf, denn Arfalov hatte ihn zu einem historischen gestaltet. Um drei Uhr morgens betrat Catherine Malakovitch ihr Schlafzimmer und löste die Brillanten aus ihrem Haar, von ihrem Nacken, ihren Armen. Sie betrachtete jedes einzelne Schmuckstück mit prüfenden Blicken und legte das prächtige Halsband beiseite. „Das muss zum Goldarbeiter kommen," sagte sie zu ihrer Kammerfrau. „Ein Stein ist lose."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.