Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 16 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316149--46795-3341658- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 16 „bis * W^lt" Seite 15 Sie ass stets sehr wenig und heute hatte sie noch einen besondern Grund für ihre Appetitlosigkeit; sie stand vor einem gesellschaftlichen Ereignisse, an dem auch die gewiegteste Hausfrau sich einer leiseri Angst nicht erwehren kann; dazukam, dass der Gräfin in solchen Dingen ein ausgezeichneter Ruf voranging, so dass man an diesen Abend grosse Erwartungen knüpfte* Der Graf betrachtete sie lächelnd. »Sei nur ganz unbesorgt/ sagte er, indem eiserne Hand ausstreckte und auf die ihre legte, „es wird alles vortrefflich gehen/ 5 Ich zweifle nicht daran/ erwiderte sie mit einem Seufzer dei- Erleichterung, die sie nach seiner beruhigenden Versicherung empfand; „du trägst jedenfalls keine Schuld, wenn's nicht hübsch ausfällt, denn du hast mir Carte blanche gegeben.u „Pah, sie würden alle kommen/ meinte der Graf, „und wenn du ihnen nichts anderes vorsetztest als kalten Tee und trockenes Brot — das heisst, wenn du es ihnen vorsetztest." Die Gräfin schien ihren eigenen Gedanken nachzuhängen; „^lli'iCe Ärfaiow hat auch angenommen/ *agle sie nachdenklich, „Ja, warum hätte er deine Einladung nicht annehmen sollen?" fragte der Graf etwas hitzig. „Er hat heuer jede Einladung abgelehnt, selbst die des Gouverneurs/' antwortete die Gräfin, „unter dem Vorwalide, 2ü beschäftigt zu sein; wenn ich ihn nicht bei der Premiere seines neuen Stückes gesehen und meine Einladung miuiclljch wiederholt hätte, so wäre er wohl auch nicht gekdmto&n. * „Und wenn er nicht käme?" meinte der Graf und zuckte die Achseln; „er ist zwar ein sehr gescheiter Mensch und er sagt zuweilen etwas Geistreiches, aber die Leute machen viel zu viel mit ihm her/ jjSie sind halt dankbar, wenn sie sich unterhalten/ versetzte die Öräfiri. *Das ist schon alles ganz recht, solange in an ihn nicht überschätzt/ Die Gräfin machte eine Bewegung, wie wenn sie sehr abgespannt wäre. «Möchten wir das Thema nicht fallen lassen, Kasimir?* ^Bitte, liebes Kind, gähz wie du wünschest/ sagte der Graf in fast demütigem Tone, Sie lächelte ihm zu und erhob sich vom Tische; in diesem Augenblicke trat ein Diener ein, der dem Grafen einen dienstlichen Brief übergab, „Den hat soeben ein Kurier gebracht, Exzellenz." Nachdem der Diener sich entfernt hatte, zögerte die Gräfin noch. „Darf ich erfahren, was es gibt?" fragte sie lebhaft. Der Graf hatte einige Schritte in der Richtung der Tür gemacht, um diese seiner Frau zu öffnen, und blieb nun stehen, den geschlossenen Brief in der Hand; erfreut blickte er sie an; sie konnte ihm kein grösseres Kompliment erweisen, als wenn sie sich für seine Angelegenheiten interessierte. Bereitwillig erbrach er das Siege 1 und warf einen Blick auf das Schreiben. „Unruhen am unteren Ende der Stadt, Catherine/ teilte er ihr mit. „Ist das alles?" „Alles, liebes Kind." Sie nickte ihm zu und wollte sich entfernen, blieb aber nochmal_ stehen, „Wer ist daran beteiligt?" fragte sie ihren Gatten. Dieser zögerte, drehte unschlüssig das Papier in seiner Hand hin und her und reichte es ihr dann mit d£n Worten : ^Judenkrawalle bereiten sich vor, es müssen sofort Vorkehrungen getroffen werden/4 Sie starrte viel länger auf das Schreiben, als notwendig war, um den Inhalt zu erfahren; dann gab sie es ohne eine Bemerkung dem Graten zurück und entfernte sich. Ihr Gatte wartete, bis sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, worauf er mit einem Fluche das Papier in kleine Fetzen zerriss. Welche Bedeutung aber auch die Episode dieses* Morgens für die Gräfin gehabt haben mochte, ihr Benehmen am Abend liess keinen Zweifel darüber aufkommen, dass alle ihre Gedanken auf ihre Hausfrauenpflichten gerichtet waren. Die glänzende Gesellschaft, unter der sie sich hin- und herbewegte, setzte ihre herrliche Gestalt erst ins rechte Licht, wie die Fassung den Edelstein: es war klar, dass die Ehrerbietung, die ihr selbst Höherstehende zollten, nur ihrer bezaubernden Persönlichkeit galt. Von der Stunde ab, da der Graf sein Amt in Charkow angetreten hatte, war sie der Mittelpunkt der Gesellschaft gewesen; sie hatte sie geblendet, aufs höchste überrascht, so dass sie ganz vergasseij, sich nach ihrem Vorleben, nach ihrer Herkunft zu erkundigen; sie konnten nicht anders, sie mussten sie für voll nehmen. Wohl behaupteten manche, dass etwas Fremdartiges, Exotisches an ihr war, aber darauf antworteten andere, es sei schade, dass es nicht mehr solch fremdartiger Wesen in ihrer Mitte gebe. Die Heiterkeit, die festliche Stimmung war immer noch im Steigen begriffen; jeder kannte den anderen und so geriet die Unterhaltung nie ins Stocken — aber allmählich wie von einem geheimnisvollen Gesetze bestimmt, liefen die ve^A^™ Gesprächsthemen in einen Punkt zu.a^h; «Mo ünruhen ™ Jud;nv eiteL ~. . t *v , ^ss die Juden Die vorherrschende Meiriuüg war, Tr-qwalle doch eirie wahre Plage seien; immerfort gab eg Kx.. und was für Krawalle! Die ganze Welt behelligte« si* damit. Es lag ja eigentlich nichts daran, aber wenn es in so unmittelbarer Nähe geschah, so war man allerlei Unannehmlichkeiten ausgesetzt. Eine Dame erzählte, sie hätte in der Frühe eine Ausfahrt in der Nähe des Juden vierteis gemacht, da sei aus einem der Seitengässchen eine Frauensperson hervorgestürzt, die von zwei Arbeitern verfolgt wurde und sich an den Wagenschlag anklammerte, während sie ein Zetergeschrei erhob. Der Landauer musste halten und der Lakai entfernte sie gewaltsam, worauf die beiden Arbeiter sich wieder über sie hermachten; es war wirklich eine Schande, wie die Frauensperson kreischte — die Dame war ausserstande, ihre Ausfahrt fortzusetzen, sie musste umkehren und sich von ihrem Arzt ein Beruhigungsmittel verschreiben lassen. „Wirklich?" bemerkte die Gräfin Malakovitch, die sich unter den Zuhörern befand; ein rätselhaftes Lächeln spielte um ihre Lippen, während sie sich von der Gruppe entfernte und den Saal durchschritt, um auf den Balkon zu gelangen. Maurice Arfalow, der sich über die Brüstung lehnte und gedankenvoll in den Garten hinabblickte, wendete sich langsam zu ihr um. „Was muss ich von Ihnen hören, Maurice Ippolytovitch?" sagte die Gräfin. „Nun muss ich mich leider selbst davon überzeugen, dass die Gerüchte auf Wahrheit beruhen. Warum meiden Sie uns so beharrlich? Sind Sie auf uns böse? Sie sind fast eine Stunde hier und es ist noch immer kein geflügeltes Wort an unser Ohr gedrungen/