Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 16 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316149--46794-3341657- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Baku 1× ep/1000527
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Seite 14 „bie o w$it" Nr. 16 Herr Saker führt aus, dass die Formel „Gleichberechtigung für Judenin die Rumpelkammer gehört, denn die Bureaukratie habe die ganze Bevölkerung schon längst in Rechtlosigkeit den Juden gleichgemacht, wie dieses B aku und Kursk beweisen. Wir müssen für das ganze russische Volk arbeiten. Herr Ginsberg (Achad-Haam) beginnt damit, dass es ihm höchst peinlich sei, gegen die Stimmung der Versammlung zu sprechen und fährt dann ungefähr folgendermassen fort: „Hier spricht man, dass wir Juden uns den allgemeinen Forderungen anschliessen müssen. Ich aber finde, dass wir als besondere Gruppe, als Juden handeln müssen. Hier in der speziell jüdischen Versammlung sprechen alle von der russischen Freiheit, und keiner weist darauf hin, in welch ausserordentlichen Lage sich die Juden befinden. Nirgends habe ich so wenig Achtung Vor sich selbst gesehen, wie in der heutigen Versammlung. Die Reden des heutigen Abends sind Wepler natürlich noch aufrichtig. Derjenige, der im Unstern Kerker schmachtet, kann nicht vor allen Dingen an prunkvolle Säle denken» Vor allen Dingen will er von der Haft befreit werden. Wir Juden als Bürger II. Klasse können nicht aufrichtig für die russische Freiheit kämpfen. Das ist unnatürlich und unaufrichtig. Vor allen Dingen müssen wir darnach trachten, dass wir aufhören, Mensche» sweiter Ordnung zu sein, dass wir gleichberechtigt sind und dann können wir für die allgemeine Freiheit kämpfen. Die heutigen Reden sind nichts weiter als «ine elende Nachäffung der Bürger I. Klasse — der Russen. Und schon ist die ganze Bewegung als Machination der Juden hingestellt und das Grt)s der russischen Bevölkerung schliesst sich deshalb derselben nicht an, so dass Sie durch Ihr Schreien der Bewegung nur schaden. Wenn Sie dem russischen Volk« wirklich Nutzen bringen wollen, so halten Sie sich dem ganzen Treiben fern und arbeiten Sie für Ihr eigenes Volk. Wir aber gehen in unserer Selbstverachtung und- Verleugnung so weit, dass man hier auf Baku und Kursk hinwies. Schaut Euch doch heute die Zettungen mit der liberalen „Russkya Wjedomosti" an der Spitze an, wie sie heute über Baku und Kursk schreiben und wie sie über Kischenew und Hornel geschrieben haben. Das führende liberale Blatt „Russ* eröffnete eine Artikelserie über die Nationalitätenfrage in Russland und nimmt keine Artikel über die jüdische Nation auf.*) Und wenn Russland eine Konstitution bekommt und die Juden dabei umgangen werden, da wird sich niemand finden, der sagen wird: Wir nehmen die Konstitution nicht an, weil die Juden umgangen sind. Im Gegenteile man wird sagen: Ihr Juden dürft dies von uns gar nicht verlangen, Ihr müsst Euch fürs Wohl des Vaterlandes aufopfern. Aber wir besitzen nicht einmal so viel Selbstachtung wie die Arbeiter der Kommission Schidlowskys, welche dieselbe zu Grunde gehen Hessen, obwohl sie genau wussten, welcher besondererNutzen für sie dabei herausschaut. Erst jetzt sind in Odessa 8 Juden von der Regierung als Duma-Abgeordnete eingesetzt worden, aber keiner von ihnen fühlt, welche Schmach darin steckt nicht gewählt zu sein, nicht gewählt werden zu können, keiner von ihnen hat soviel jüdisches Selbstgefühl sich zu sagen, dass es absurd ist, 175.000 Menschen, die ihn nicht gewählt haben, nicht wählen konnten, zu vertreten und keiner von ihnen hatte den Mut, dieser zweifelhaften Ehre zu entsagen. Wir *Hier will ich noch folgendes erwähnen: Herr Schabotinsky schrieb für das radikalste Blatt „Nasche Shisn", welches jetzt wegen „schädlicher Richtung" verboten ist, einen Artikel über den Homeler Prozess, der entschieden zurückgewiesen wurde. Schabotinsky schied, in seinen jüdischen Gefühlen beleidigt, aus der Redaktion des Blattes. A. B. sind Bürger zweiter Klasse und müssen selbst dagegen protestieren, weil es andere nicht tun werden. Und wenn nicht wir selbst uns unsere Gleichberechtigung erkämpfen werden, so werden wir dieselbe nie bekommen. Fordert vor allen Dingen Gleichberechtigung." Saker will antworten. Der Vorsitzende erteilt ihm das Wort nicht mit der merkwürdigen Motivierung, dass ja Achad-Haam wieder antworten wird und die Debatte sich nun auf diesem Boden entspinnen wird. Die Versammlung lärmt und will, Saker soll sprechen. Die Polizei benutzt den Lärm und schliesst die Versammlung. Das Publikum verlässt empört über die Rede Achad-Haams den Saal. Und in einem Winkel liest; jemand einer kleinen Gruppe einen Brief vor über die haarsträubenden, schrecklichen Greueltaten des Pogroms in Feodossjia. A. Benjamin-. Peuilietöii, Das Jargonlied! ---Von irgendwo tönt her ein Lied* Ich kenn's seit meiner Kindheit schon, So monoton und sehnsuchtsmüd Wie einer Äolsharfe Ton--- — i * fes trägt in sich das ganze Leid, Das tief in meinem Volke ruht- Ich hab's gehört vor langer Zeit, Da sang es still ein Wanderjud.-- * Am Wegrand blieb er stehn und sang, Ich aber weinte, abgewauüt, Als mir das Lied zu Ohren drang, Vom Volke ohne Heimatland. Thekla Blech. Rückkehr. Von Samuel Gordon, Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von A. K. Graf Kasimir Malakovitch, Ritter des weissen Adlerordens, kaiserlicher Guberniahat und ünterpräfekf des Charkower Gouvernements, sass am Frühstücks* tische. Er war sich der hohen Würde seiner Stellung, stets bewusst — hatte er sich doch erst nach vielen Mühen, nach vielen Kämpfen mit bübischen, intriganten Mitbewerbern stufenweise dazu emporgeschwungen — aber wenn man ihn gefragt hätte, worein er seinen grössten Stolz setzte, so würde er ohne Zögern seine Frau genannt haben, die ihm in diesem Augenblicke gegenübersass und mit ihrer Lorgnette spielte. Der Graf machte durchaus kein Geheimnis daraus, dass er nach zwölfjähriger Ehe noch immer der Anbeter seiner Frau war; die Gefühle der Gräfin für ihren Gatten waren weniger in die Augen springend, doch konnte man darauf aus dem Umstände Schlüsse ziehen, dass sie täglich mit ihm zusammen frühstückte, anstatt wie andere Damen ihres Ranges ihre Schokolade im Bette zu schlürfen und dann sorgfältig ihren Teint zu pflegen, bis spät in den Nachmittag hinein. Nicht etwa, dass ihr Teint der Pflege bedurfte; aber sie hätte die Zeit damit verbringen können, dass sie sich vor dem Spiegel bewunderte oder den Schmeicheleien ihrer Kammerfrau zuhörte. Doch sie zog es vor, jeden Morgen am Frühstückstische zu erscheinen, weil der Graf es wünschte und es ihr genau soviel Vergnügen bereitete, seinen Wünschen entgegenzukommen wie ihren eigenen Neigungen nachzugehen.