Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 16 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316149--46792-3341655- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 12 „bk & weit11 Nr. 16 bilden, denn die beste Gegenwartsarbeit ist die Schaffung der Zukunft, Dass wir Recht haben, beweist die Tatsache, dass die meisten Territorialisten gerade unter den Poale-Zionisten sich befinden, weil für sie das Problem der Emigration die brennendste Frage ist. Da „die grosse Hoffnung und die grosse Liebe" predigen, wäre einfach Don- Quichotismus. Wohl können wir nicht so optimistisch sein, um zu glauben, dass wir in der nächsten Zukunft das Emigrat.ionsproblem in seinem vollen Umfange lösen werden. Aber der Anfang zur Lösung wird schon genügen, um den zionistischen Gedanken mächtig zu popularisieren und zu verbreiten. Dann beginnt wirklich die Aera der nationalen Erziehung des Judentums, denn es wird vom Leben geschaffen werden. Vom neuen Leben werden neue Kräfte nach allen Richtungen sich entwickeln, werden neue Hoffnungen entstehen, die kräftig genug sein werden, um die im alten Leben Stellenden zur intensivsten Arbeit anzuregen. Denn die Hoffnung wird eine reale Basis bekommen. Dann wird es uns leichtfallen, den Kampf gegen die Assimilation von oben und von unten zu führen. Wir sind am Ende unserer Betrachtungen. Vieles musste nur angedeutet werden, manches wurde übergangen, weil wir nur die wichtigsten Zeit- und Streitfragen im Zionismus hervorheben wollten. Wir mussten alle theoretischen Fragen ausseracht lassen, weil es sich für uns nur darum handelte, die Grundlagen, auf denen allein die jetzt im Zionismus herrschende Krisis gelöst werden kann, anzudeuten. Besonders aber wollten wir vor denjenigen warnen, die aus einem Extrem ins andere verfallen und so auf dem besten Wege sind, uns schmerzlos in den Chowewe-Zionismus hineinzunarkotisieren. Der Zionismus wird als Massenbewegung sich entwickeln oder wird gar nicht existieren. Eine goldene Mitte kann es da nicht geben. Da aber der Zionismus eine naturnotwendige Erscheinung ist, so wird er über alle Ideologien hinüber sich einen Weg in die lebendige Wirklichkeit schaffen. Dass es schneller geschehe, ist unser heissester Wunsch. Genf. Dr. D. Pasmanik. Die jüdischen Ackerbaukolonien in Argentinien. Im jüngsten Heft« der vornehmsten Petersburger Monatsschrift „WjestijikJewropy" (Europäischer Bote) veröffentlicht der russische Staatsrat Nikolai Krjukow, weicher im Auftrage des Petersburger Ackerbauministeriums das Kolonisationswesen in Amerika studierte, eine ausführliche Studie über die jüdischen Ackeibaukolonien in Argentinien, wplche im hohen Masse beachtenswert ist. Staatsrath Krjukow schreibt unter anderem: Gegenwärtig weist Argentinien vier grosse jüdische Kolonien auf: Clara und Lucienville in der Provinz Entre-Rios, Santa-Fe, etwa H) Werst nordwestlich von der gleichnamigen Stadt und Maurizio, 200 Werst westlich von der Stadt Buenos Aires. Diese Kolonien nehmen einen Flächenraum von o5'J.75S Hektar ein, wovon 202.412 kolonisiert sind. Insgesamt sind 1394 Familien (7658 Personen) angesiedelt. In allen Kolonien gab es zum 1. Jänner 1904 24 Schulen, die von 776 Knaben und 627 Mädchen besucht wurden. Die Zahl der Bethäuser beträgt 5. An Vieh besitzen die Kolonien 53.0G0 Stück Hornvieh, 13.000 Pferde und 3500 Schafe. Mit Weizen sind 21.000 Hektar besäet, mit Flachs 17,000, mit Mais 14.000. Die meisten Kolonisten sind aus Russland gekommen; nur in der letzten Zeit hat auch ein Zuzug aus Rumänien und anderen Gegenden stattgefunden. Jeder Kolonist empfängt Land, Gebäude, Inventar, mit einem Wort, alles Notwendige, um seine Wirtschaft anzufangen. Er muss seine Schuld, die zu 5 Prozent verzinst wird, in 20 Jahren abzahlen. Anfänglich bekam jeder Kolonist 50 Hektar Land zugewiesen, doch stellte sich bald heraus, dass dies bei den argentinischen Verhältnissen nicht ausreicht, um in die Höhe zu kommen. Vorzugsweise findet die Ansiedelung in Gruppen von vier Höfen statt. Für je zwei Höfe wird ein gemeinsamer Brunnen angelegt. Die einzelnen Ansiedlungsgruppen sind von einander einen Kilometer entfernt, was für die Kommunikation nicht besonders schwierig ist. Auf je zwölf Gruppen entfällt eine Schule. Der weiteste Weg, den die Kinder zurückzulegen haben, beträgt mithin drei Kilometer. Die Häuser werden aus Ziegelstein erbaut und mit verzinktem Blecheisen gedeckt. Das Haus, 8 X Meter im Umfange, mit drei Fenr.tern in der Fassade, hat zwei Zimmer und kostet etwa 369 Rbl. Der Kolonist empfängt das fertige Haus, eine umfriedete Fläche von 25 Hektar und eine uneingefriedete Fläche von 125 Hektar. In der umzäumten Fläche kann er Gemüse baueD, Bäume pflanzen, Luzernen bauen, auf der freien Felder anlegen. Ausser Gut und Land erhält er 8 Ochsen zur Arbeit, 12 Kühe, 4 Pferde, 1 Wagen, zwei Pflüge, eine Egge usw. Di^ Gesamtschuld des Kolonisten beträgt im Durchschnitt 700') Pesas (5740 Rbl.), wovon 4000 auf das Land, 3000 auf alles übrige entfallen. Jed« Kolonie hat zur Leitung ihrer Angelegenheiten folgende Administration: ein^n Verwalter (Gehalt 4100 Rbl.), einen Gehilfen desselben (2870 Rh'.), einen Buchhalter (1040 Rbl.), zwei Schreiber (ä 492 Rbl.), alle bei freiem Quartier. Auch die ärztliche Hilfe wird in den Kolonien gut bezahlt. So bezieht ein Arzt etwa 4900 Rbl., ein Feldscher 984 Rbl. bei freiem Quartier. Ernste Feinde der Wirtschaft sind die Ameisen, zu deren Bekämpfung sogar ein besonderer Apparat erfunden ist. Die Weizenernte in der Kolonie Clara beträgt 53]/2 bis 67 Pud pro Hektar, doch kommen auch ungünstigere Jahre vor. Die Einerntung kostet etwa 1 Rbl. 80 Kop. pro Desejatine, die Arbeit und die Pferde nichts gerechnet. Schafe kommen in den Kolonien gut fort, doch ist die Zucht derselben für viele Kolonisten noch schwierig, da der Wfrideraum der Schafe eingehegt werden muss und ausserdem gedeckte Stallungen für sie aufgeführt werden müssen, in denen die Schafe in der schweren Regenzeit Schutz finden können. Aeltere Kolonisten beschäftigen sich aber mit Erfolg auch schon mit der Schafzucht. Unter den Kolonisten, die sich in Russland mit Kramhandel und H a n d w e r k e n beschäftigt hatten, haben sich nicht wenige als gute energische Landwirte gezeigt. Ein gewisser Friedland zum Beispiel verfügt schon über 150 Stück Hornvieh, darunter 24 Milchkühe und 50 Pferde. Auf einer Farm von 300 Hektar hält er zwei Jahresarbeiter, dip einen Monats'ohn von 32 Rbl. 80 Kop,, respektive 24 Rbl. 24 Kop. bei freier Wohnung erhalten. Um die Erntezeit steigt dieser Lohn noch um weitere zwei Drittel. Zur Ernte nimmt er ausserdem noch 10 Arbeiter an, welche bei freier Verpflegung durchschnittlich 1 Rbl. 64 Kop. täglich verdienen, während der Meister, welcher die Getreidehaufen zusammenlegt, 4 Rbl. 10 Kop. pro Tag erhält. Die argentinischen Gerichte gefallen den jüdischen Kolonisten wenig. Die Verhandlungen werden in spanischer Sprache geführt, Dolmetscher gibt es nicht, bei Streitigkeiten zwischen einem Argentinier und Europäer hat immer der Argentinier Recht, während, wenn zwei Europäer vor dem Gerichte ihr Recht suchen, dasselbe in salomonischer Weisheit gewöhnlich beide Seiten mit Strafe belegt. Bei den Juden aber wurde ein „Komitee der Vermittler" organisiert. Die Mitglieder des Komitees (5) werden?von den Kolonisten gewählt, darauf wählt das Komitee aus seiner Mitte den Vorsitzenden. Jede rechtsuchende Seite hat beim Komitee 41 Kopeken zugunsten der landwirtschaftlichen Gesellschaft einzuzahlen. Diese 1900 gegründete „Primera Sociedad Agricola Israelita" besitzt schon 60 Mitglieder. Die landwirtschaftliche Saison in Lucienville beginnt mit Ende Mai. Zuerst wird Weizen gesät. Mais wird Ende September, im Oktober, ja selbst im Dezember gesät. Die Fröste sind für Weizen im Juli und August gefährlich, für Mais'irn April und Mai. Viele Kolonisten in Lucienville haben begonnen, sich mit der Geflügelzucht zu beschäftigen. Die Hühner vermehren sich erfolgreich und finden überall genügendJFuüer. Eier finden unbeschränkten Absatz, und zwar zu dem guten Preise von 10 Kopeken das Zehner, während Milch zum Beispiel sehr billig ist und nach Abzug der Transportkosten zu den grossen Molkereien nicht mehr' als 25 Kopeken pro Eimer erzielt. Die wichtigste Bedingung für den Wohlstand des Uebersiedlers nach Argentinien lipgt in seiner Familie. Erfolgreich arbeiten nur diejenigen Kolonisten, welche grosse Familien haben. Der Durchschnittskolonist erarbeitet im Jahr an Geld für den Verkauf von Getreide und anderen