Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 16 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 16 „bi* & Welt Seite 11 Sobald wir aber diese Tatsachen anerkennen, müssen wir auch zugeben, dass ein einheitliches Gegenwartsprogramm eine Sache der Unmöglichkeit ist. Wenn man sogar dieses Programm nur auf die „Kultur11 beschränken wollte! Hat doch ein so reiner Kulturzionist wie Achad-Haam auf der Minsker Konferenz vorschlagen müssen, zwei Kulturkommissionen zu wählen, die nach ganz verschiedenen Weltanschauungen arbeiten müssten. Das ist ja eine ziemlich frappante Tatsache. Tatsächlich bauen die Misrachisten die nationale Erziehung auf religiöser Basis, während die Poale- Zionisten diese Erziehung modern-wissenschaftlich gestalten. Und wenn die kleine Gruppe der Kulturzionisten, von der Herr Feiwel spricht, verschrien wurde, so ist es nicht deshalb, weil sie eine bestimmte Kultur verbreiten wollte, sondern weil sie die Kultur uniformieren und dekretieren wollte, weil sie alles nivellieren zu müssen glaubte. Ad 2. Logischerweise folgt aus diesen Auseinandersetzungen, dass der Kongress wohl nicht imstande ist, die Gegenwartsarbeit zu bestimmen und zu zentralisieren, sondern sich die verschiedenen Organisationen damit befassen müssen. Besonders aber in bezug auf die „Erziehung zur nationalen Gesinnung". Das republikanische Frankreich, mit allen Mitteln der koerzitiven staatlichen Macht ausgestattet, ist noch nicht imstande, eine einheitliche Form der Kultur zu schaffen. Wie soll nun unser Kongress, der nur einen moralischen Einfluss ausüben kann, der aber alle national gesinnten Elemente unseres Volkes vereinigen m u s s, eine einheitliche Kultur schaffen, respektive die Normen vorschreiben, wie diese Erziehung zur nationalen Gesinnung gemacht werden soll? Und prinzipiell möchten wir folgendes bemerken: was unserem Volke mangelt, ist vor allem der Geist der Initiative, des Selbstvertrauens. Und nun soll der Kongress zum Vormund des ganzen Volkes werden! Nein, die individuellen Energien müssen geweckt werden, der Unternehmungsgeist und die Privatinitiative müssen angeregt werden. Sonst bekommen wir die alte „G a b oim"-Wirtschaft, die solange an unserem Volksorganismus genagt hat. Ad 3. Eine Kultur wird weder durch Predigten, noch sogar von Schulen allein geschaffen, sondern das integrale Leben prägt die verschiedenen Kulturformen. Vergleiche man doch in Russland die jüdische Bevölkerung der Fabriks- und Handelszentren mit derjenigen der kleinen Städtchen mit ihren altmodischen Handwerkern und Kleinhändlern. In den ersten können die Misrachisten mit ihrer Orthodoxie, in den letzteren die Poale-Zionisten mit ihrem Fortschrittsideal keinen Erfolg haben. Dieser Unterschied hängt nicht von der Schule ab, sondern ist durch die allgemeinen sozialen Lebensbedingungen geschaffen. Eine Fabrik, eine Eisenbahn wirkt mehr — in kultureller Hinsicht — als hundert Schulen. Um ganz klar zu sein, müssen wir zwischen West und Ost streng unterscheiden. Im Westen, wo die materielle Not unter den Juden sich kaum fühlbar wacht, mag ja das Gegenwartsprogramm sich auf die ['eine Kulturtätigkeit beschränken. Da kann ein nationaljüdischer Verlag sehr viel leisten! Nur muss man nicht weinen, dass man da nationale Kultur schaffen kann. Die kann nur auf eigenem Boden, im Rahmen eigener nationaler staatlicher Institutionen geschaffen werden. Alle Reden von Spuren nationaler Kultur, die man sogar im Deutsch der jüdischen Schriftsteller findet, sind eben reine Faselei, mögen sie auch von verdienten Begründern des jüdischen Selbstemanzipation sgedankens kommen. Nur der Geruch der eigenen Erde, die mit dem Schweiss und Blute des Volkes getränkt ist, kann auch den Volksgeist zu originellem Schaffen anregen. Aber jedenfalls kann wenigstens das nationale Fühlen, das ja atavistisch sogar in dem assimiliertesten Juden vorhanden ist, zu neuem Leben angeregt werden. Denken wir aber an den Osten und an die Ghetti in London und New-York, so hört jede Theorie auf: da kann man mit „Kultur" allein nichts erreichen. Da handelt es sich um die Organisierung von Hunderttausenden von Proletariern, die nur mit Berücksichtigung aller unmittelbaren Interessen dieser Masse durchgeführt werden kann. Professionelle Organisation des jüdischen Proletariats zwecks Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Verbreitung von professioneller Bildung unter den Arbeitern und Handwerkern, Schaffung von allen wirtschaftlichen Institutionen, die, soweit als möglich die am meisten leidenden Schichten unseres Volkes in ihrem tagtäglichen Kampf ums Dasein stärken sollen; nur so kann erst der Boden für eine erspriessliche national-jüdische Kulturarbeit in dieser Masse geschaffen werden. Sehen wir doch genauer zu, wie es andere Nationen und Parteien machen. Die katholischen Bischöfe und Sozialisten Italiens wetteifern in ihren Sorgen um die Masse der emigrierenden Italiener. Die professionellen Gewerkschaften waren überall das beste Mittel, um das Proletariat auch politisch zu erziehen und zu organisieren. Wir kommen zu unserem Proletariat in Russland, sowie in London und New-York mit Predigten von nationaler Kultur. Deshalb haben wir auch keinen Erfolg! Ist es nicht eine Schande für uns, dass die Hunderttausende jüdischer Emigranten Amerikas und Englands bis jetzt unserem Ideal noch ziemlich fernstehen? Ganz natürlich: wir kommen zu ihnen mit schönen Phrasen, statt in ihr Leben einzudringen; wir halten Reden, wo man lebendige Arbeit verrichten muss. Und so verlieren wir die Massen und die Intellektuellen. Erst wenn wir, je nach den Verhältnissen der Länder und des Milieus, ein lebendiges Gegenwartsprogramm, das in Harmonie mit unserem zionistischen Ideal sich befindet, schaffen werden, erst dann werden sich die Energien unserer Arbeiter und unserer intellektuellen Jugend harmonisch vereinigen. Dann werden unsere Arbeiter Nationaljuden und nicht assimilierte Kosmopoliten werden, dann wird unsere Jugend ein breites Feld fruchtbarer Arbeit im national-jüdischen Sinne finden. Für reine Ideologien kann sich die Masse nicht erwärmen. Eben deshalb wurden unsere „Kulturzionisten" nicht bloss von den reaktionären Misrachisten, sondern auch von den radikalen Poale-Zionisten „verschrien". Nur ein allen Lebensbedürfnissen entsprechendes Gegenwartsprogramm kann die „Erziehung zu nationaler Gesinnung" fördern. Und nur auf diese Weise kann die Brücke von der Gegenwart zur Zukunft hinübergeschlagen werden. Dann gibt es kein wichtigeres Problem, das der jüdischen Masse vom realen Leben aufgenötigt ist, als die Emigration.*) Unser Gegenwartsprogramm muss die Lösung dieses furchtbaren Problems mit allen Kräften beschleunigen. Und so kommen wir zu unserem Ausgangspunkte zurück. Nur die Realisierung der Vorschläge des Herrn Warburg, d. i. die möglichste Schnellkolonisation auch in den Nebenländern Palästinas muss den Hauptpunkt unseres Gegenwartsprogrammes *) Ueber die Bedeutung dieser Erscheinung werden wir in unserer Antwort auf die Erwiderung des Herrn Feiwel ausführlicher sprechen.