Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 16 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 „bie * weit" Seite 9 Kentucky schwimmt. Mark Twain erzählt uns von einem Manne, der zwanzig Jahre in einem Gefängnisse eingekerkert war. Eines Tages kam über ihn die Erleuchtung, er öffnete die Tür und ging hinaus.Er hätte e-s während dieser zwanzig Jahre vielleicht einige Mal tun können, er war aber nie auf die Idee gekommen. Ich habe selbst einen Menschen gekannt, der zwanzig Jahre auf seinem Rücken lag, unter dem Wahne, gelähmt zu sein. Er schrieb Poeme über seine Matratzengruft, gerade wie der Jude Klagen über sein Exil schreibt. Eines Tages war ein Erdbeben und er sprang auf. Jetzt ist er verheiratet und hat eine Familie. Wenn Ihnen ein Jude sagt, ein Judenstaat sei unmöglich, dann lauschen Sie ihm, denn es gibt in der Tat grosse Schwierigkeiten. Aber wenn er sagt, er sei unerwünscht, dann erinnern sie sich, dass er ein armer, kranker Patient sei, der in einer Heilanstalt behandelt werden müsse. Wenn er obendrein Schüttelfrost bekommt, wegen der „zionistischen Gefahr", dann ist es ein verzweifelt schwerer Fall. Manche fromme Kritiker geben zu, ein Judenstaat sei erwünscht, meinen aber, wir dürfen nicht derVorsehung in den Arm fallen. Ein glänzender Vorwand, die Hände in den Taschen zu halten. In England gibt es eine Sekte der sogenannten „Eigentümlichen Leute'1, die von der Polizei sehr verfolgt ist, weil ihre Anhänger ihren kranken Kindern keine Heilmittel verabreichen. Ihre einzige Heilmethode besteht im Gebete. Wir waren zu lange ein eigentümliches Volk in diesem Sinne. Die beste Art des Gebetes ist Arbeit. Wenn Palästina nicht unser werden kann, bevor wir nicht gut genug dafür sein werden, welch besseren Weg gibt es, um es zu werden, als die Arbeit für Palästina? Aber ich ziehe den alten Juden, der an jedem Tischa-b' Ab um sein Land weinte, anstatt dafür zu arbeiten, dem neuen Juden vor, der da sagt, unsere Mission sei die, zerstreut zu sein. Wir sind es erst nach Jahren verzweifelter Kämpfe gegen die Römer durch Gewalt geworden und wenn es Gottes Wille war, uns zu zerstreuen, dann war es eine Gotteslästerung seitens unserer Urahnen, dass sie überhaupt den Römern Widerstand leisteten und in Jerusalem ihren Tod fanden. Es ist nicht einmal wahr, dass die Juden zerstreut sind. Die Mehrzahl ist im russischen Ansiedlungsrayon und in Galizien zusammengepfercht, und gibt es denn sogar einen Antizionisten, der es leugnen würde, dass, wenn durch einen Streich der Politik der Ansiedlungsrayon ein unabhängiger neutraler Staat werden könnte, diese Veränderung eine ungeheure Erleichterung für unsere Brüder sein würde? Ich bewundere den Juden, der glaubt, eine Mission zu haben, aber er möge sich selbst retten, bevor er von der Rettung der Welt stammelt. Man erzählt, dass, als vor etwa drei Jahrzehnten Japan auf eine so wunderbare Art sich in einen modernen Staat verwandelt hat, es eine Kommission nach Europa sandte, um festzusetzen, ob man nicht durch die Annahme des Christentums den moralischen Stand des Landes erhöhen könnte. Die Abgesandten erforschten den Zustand des Christentums, kehrten heim und berichteten dann, dass es in Japan mehr Moral gebe und dass es besser sei für das Land, unchristlich zu bleiben. Hat je die Geschichte es deutlicher bewiesen, dass es mehr Wert habe, selbst etwas zu sein, als Missionäre auszusenden, um anderen Leuten darüber vorzuschwatzen? Hätten die Christen nur ruhig christliche Staaten daheim gebildet, dann hätten sie Japan mit einem Schlage ohne die kleinste Mühe bekehren können. Mögen die Juden mit ihrem Gerechtigkeitsgenie einen jüdischen Staat gründen, in welchem das Recht besser gewahrt würde als in irgend einem anderen Staate, in welchem die Sittlichheit höher und die Kriminalität geringer würde, in dem die sozialen Probleme besser gelöst wären, die Frauenrechte denen der Männer gleichgemacht wären, in dem zwischen Armut und Reichtum keine so furchtbare Kluft bestünde und das einfache Leben das allgemeine Ideal wäre; mögen sie diese Fackel leuchten lassen auf Zions Hügeln oder auf dem ostafrikanischen Hochgebirge und sie werden mehr leisten für die jüdische Mission als durch zwanzig Jahrhunderte von Kanzelreden. Und vielleicht braucht die Welt die Schaffung eines solchen Staates nicht weniger als wir selbst. Nun kommt der Jude, der sagt, dass, wenn auch der Staat erwünscht wäre, er dennoch unerreichbar sei. Ihm sei die Antwort, dass er eben dazu verhilft, dass er unerreichbar werde, indem er abseits steht. Der Zionismus ist keine athletische Vorstellung, die von den zionistischen Führern zugunsten ihrer Brüder gegeben wird, es ist eine Forderung an alle Juden, die Hand zu reichen, um den grossen Stein vom Grabe zu heben, in dem wir lebendig begraben sind. Eine einzige Hand, die untätig bleibt, könnte vielleicht dieses Quentchen Differenz zwischen der Bewegung und dein toten Gewicht ausmachen. Wer immer denkt, ein Vaterland sei erwünscht, au h wenn es unerreichbar sei, muss in unsere R.eihen eintreten. Keiner, der draussen steht, hat das Recht, zu sagen, dass das Erwünschte das Unmögliche sei. Möge er es an unseren Beratungstischen sagen oder auf unseren Tribünen, damit die Schwierigkeit, die er sieht, unsere Pläne beeinflussen solle, und der Kopf, der sie sieht, auch dafür sorge, sie zu ebnen. Mag sein, dass der Zionismus scheitern wird, aber wir haben immer das Recht, einen Misserfolg zu haben, wir haben dagegen nie das Recht, den Versuch abzulehnen. Ich bin dessen nicht sicher, dass der Jude, dem die Schwierigkeiten so über den Kopf wachsen, nicht unter die kranken Juden eingereiht werden müsste. Wenn er sagt, dass, wenn wir sogar einen Staat gegründet hätten, wir denselben nicht leiten könnten, so trägt sein Reden alle Zeichen der jüdischen Krankheit. Er sagt uns, wir würden untereinander raufen und streiten, wir würden alle herrschen wollen, ferner dass die Juden der verschiedenen Länder wenig Gemeinsames haben, nicht einmal der Sprache nach, und er zitiert mit Schrecken und Befriedigung die scheusslichen und schrecklichen Episoden, die unsere Geschichte entstellten, als wir Paläslina tatsächlich besassen. Aber wenn alle diese Unislände die Unmöglichkeit unseres Staates beweisen würden, so würden sie auch die Unmöglichkeit der Existenz Englands beweisen. England ist aus verschiedenen Nationalitäten zusammengesetzt. Es hatte seine Bürgerkriege, seine politischen Parteien, Fiskalfragen, seine religiösen Kriege des passiven Widerstandes usw. In der Tat bildeten Zänkereien und Streitigkeiten und Zwischenfälle seit jeher einen Teil des Staatslebens, wie sie zum Familienleben gehören. Und wenn sie darum beweisen wollten, ein jüdischer Staat sei unmöglich, so müssten sie vielmehr beweisen, dass er von einer steifen gefrorenen Leblosigkeit sein würde, anstatt zu beweisen, dass er gerade dieselben Eigenschaften besitzen werde, die jedem Staat eigen waren und es sein werden. Piaben Sie schon je einen Einwand gegen das Familienleben gehört, weil es seine Unannehmlichkeiten und Verdriesslichkeiten hat und dass es deshalb besser sei, bei Fremden zu wohnen als ein eigenes Heim zu haben? Das Problem, aus den Zerstreuungsdie Sammelpunkte der Welt zu machen—jeder Jude ist