Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 16 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „bi* # weit" Nr. 16 altjüdischen Leben und gegenseitigem Verkehre lechzen. Als im Jahre 1881 das erste Schiff voll von russischjüdischen Emigranten nach Amerika kam und in Philadelphia landete, da gingen die reichen, mildtätigen Jüdinnen von Philadelphia den Flüchtlingen entgegen mit liebevollem Herzen und gabenreichen Händen. Sie wuschen die schmutzigen kleinen Kinder, Alles war entzückend idyllisch. Sie wussten aber noch nicht, wie viele Zehntausende von kleinen schmutzigen Kindlein kommen werden. Sie haben bald das Kinderwaschen aufgegeben. Im Jahre 1886, als die erste Periode der jüdischen Einwanderung vorüber war, da schrumpften die New Yorker Wohltätigkeitsanstalten beinahe gänzlich zusammen. Hätte man den Strom, der im Jahre 18S1 seinen Lauf nahm nach einem Judenstaate gelenkt, so wären die amerikanischen Juden allmählich von fünf Sechsteln ihrer gegenwärtigen Lasten befreit worden. Unermessliche Ausgaben sind zu diesem Herumstreifen der Juden erforderlich. üerVersuch, politische Probleme durchPhilanthropie zu lösen, ist charakteristisch jüdisch in seiner Furchtsamkeit und andrerseits ein finanzieller Wahnsinn. Es ist, als ob man Menschen über einen Fluss einzelweise hinüberbringen wollte, anstatt einfür allemal eine Brücke zu bauen, Tiotzdem wir keine Marine haben, halten wir uns doch eine jüdische Flotte, die das ganze liebe Jahr herumsegelt, mit unseren Verbannten beladen. Ja, Verbannte, denn sogar Russland ist denen lieb, die ihre Kindheit dort zugebracht haben, und Dr. Maurice Fischberg wird Ihnen sagen, wie viel russische Juden vor Heimweh vergehen. Menschen können nicht straflos von ihrem vaterländischen Boden losgerissen und auf einen anderen verpflanzt werden, wo sie sich demoralisiert und entwurzelt fühlen, wo ihre Kinder ihnen entwachsen, sich ihnen entfremden. Während jede Generation von der vorhergehenden sich unterscheiden muss, reisst hier die vielgepriesene Politik der Amerikanisierung die Kinder auf eine Distanz von vier Generationen von ihren Eltern los. Schicken Sie unsere russischen Auswanderer nach einem jüdischen Territorium und Sie werden den Uebergang mildern und der Demoralisierung vorbeugen. Und es ist ja evident, class die russischen Juden nicht aufhören werden, auch fernerhin auszuwandern. Ungeachtet der Proteste gegen Kischenew haben verzweifelte llesei vistenunruhen im Laufe eines Monats die jüdische Bevölkerung von 35 Städten ruiniert. Unsere russischen Brüder haben eine Armee von 30.000 Juden im Feld, aber sie verteidigen nicht ihre eigenen Heimstätten, — sie sind gegen die Japaner ausgezogen. Soll ich Sie erinnern an die rumänischen Juden, die buchstäblich dem Tode "preisgegeben wurden durch eine Gesetzgebung, die ihnen einen Erwerbszweig nach dem andern verschliesst? Oder an die persischen Juden, an die von Marokko, die im Schatten der Barbarei leben? Soll ich Sie erinnern an das Blutmärchen, das wie ein Damoklesschwert über uns hängt, um an jedem Osterntest irgendwo loszuschlagen? Oder soll ich von den physischen Verfolgungen, die die Massen erniedrigen, absehen und an die gesellschaftliche Verfolgung erinnern, die die Klassen demütigen? Soll ich von der Juclenboykottierung in Oesterreich und Deutschland sprechen, oder die Somnierhotels und Universitätsklubs von Amerika erwähnen? Soli ich die Fremdenkommission in England in Erinnerung bringen? Soll ich das Wort „Dreyfus" aussprechen? Ein Mariane sagte mir in Spanien, dass er in seiner Kindheit einst seine Amme über die Juden befragte. „Es gibt schon keine", gab sie zur Antwort, „sie sind alle in der Hölle". Es ist ein ziemlich treffendes Gesamtbild unser allgemeinen Lage, wenn es auch in allzu flammenden Farben gemalt ist. In unserer Hölle gibt es kühle und bequeme Plätzchen, aber eine Hölle ist es. Ein Volk, das kein Territorium, keinen Gesandten, keinen Konsul hat, ist jedem anderen Volke preisgegeben. Spanien selbst dünkte den Juden vier Jahrhunderte lang ein Paradies, und erst als die Flammen der Inquisition zu wüten begannen, ist es eine Hölle geworden. Einem Volke, das Jahrhunderte hindurch so misshandelt war,musste derGedanke an eineHeimstäftegelegen kommen, wie die Hafenlichter einem sturmgepeitschtt n Reisenden. Doch nein! Derselbe spanische Jude, dein ich Zionismus predigte, rief aus: „Was? Unsere Stellung hier aufgeben?" Seine Stellung liier! Erst seit den letzten dreissig Jahren darf er überhaupt in Spanien wohnen. Kein Amt, keine Würde von irgendwelcher Art könnte er einnehmen, nicht einmal ein Bethaus konnte er sich bauen. Und doch „seine Stellung hier aufgeben?" Man sagt uns allseits, kein Jude werde nach einem jüdischen Territorium hingehen wollen. Wie? Dieser ewige Wanderer, dieser weltweise Ody.-seus, der alle Menschen und alle Städte gekannt hat, wird nach diesem einem Orte nicht wandern wollen und zwar nach Hause? Nach der Klag' an den Altären Fremder, nach der Muh' in fremdem Land, Nach dem Trauernan den Strömen Fremder, mit vergeblich flehnder Hand Nach den Stricken, Banden, Bürden Nach Jahrhunderten, glutverzehrt Sollten sie nicht Frieden finden Und das Land, so heiss begehrt? Der westliche Zionismus mag ja den wohlhabenden Juden wenig zubieten haben, ausser moralischer Würde, wie er den jüdischen Granden von Spanien vor den Tagen der Ausweisung und der Inquisition wenig zu bieten hatte. Aber für die überwältigende Mehrzahl unserer Stammesgenossen — und die Hälfte der Juden der Welt lebt in Russland — ist es eine Lehre nicht bloss der Selbstachtung, sondern auch des Heils. Fragen Sie einen russischen Juden, ob er lieber in einem jüdischen Lande, unter einer jüdischen Fahne oder in Kischenew geboren wäre. Und wenn er Kischenew nennen sollte, würden Sie ihn nicht für einen Verrückten oder einen Lügner halten? Diese Freiheit, diese Unabhängigkeit, welche die meisten Menschen höher als das Leben einschätzen, um derentwillen die Buren die Menschheit verblüfften, ebenso wie unsere eigenen Vorfahren den Griechen und Römern imponierten, sind es bloss Mondscheinvisionen? Hatte die ganze Menschheit Unrecht und sind bloss die Antizionisten bei Trost? Nein, der Antizionismus mag sich als Philosophie verkleiden, als Religion drapieren, aber im Grunde ist es die Marranengewohnheit in uns, die unsere zweite Natur geworden ist. Er ist der galbe Fleck, den wir Jahrhunderte lang trugen, der an unseren Seelen haftet, er ist die Furchtsamkeit und Misstrauen zu sich selbst, entstanden in Jahrhunderten von Verfolgung, es ist die Sehnsucht des Eingekerkerten nach seinen Ketten, Alle Organe, die nicht gebraucht werden, werden atrophisch und verkümmern. Wie die Menschen infolge ihres Nichtkletterns ihre Greifschvvänze verloren haben, ebenso haben wir durch das Nichtselbstregieren den politischen Instinkt, die Liebe zur Unabhängigkeit verloren. Wir sind blind geworden, gleich dem Fische, der in den finsteren Höhlen von