Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 16 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 „bie & weit" Seite 7 nehmen und Konsortien aufsuchen, welche dasselbe verwirklichen könnten. Tun wir das nicht, lehnen wir es von vornherein ab, so begehen wir nicht bloss eine kolossale Dummheit, die uns für immer vor der Welt als politisch unreife Kannegiesser blossstellen würde, sondern wir begehen auch ein Verbrechen gegen das Gros der verfolgten und geknechteten Judenmassen. Denn das Anerbieten Englands galt ja letzteren und an uns hat es sich bloss deshalb gewendet, weil wir die einzige organisierte, zielbewusste Partei innerhalb des Judentums sind. Es wäre Selbstüberhebung, zu glauben, dass wir Zionisten das jüdische Volk in toto verkörpern; wir haben also nicht das geringste Recht, das abzulehnen, was dem Volke zum Segen gereichen könnte .... Als geringer Teil dieses Volkes müssen wir uns aber an der Ausführung des Projektes lebhaft und nach Kräften beteiligen. Wir sind Juden und nichts Jüdisches darf uns fernbleiben. Dr. MaxMa n d e 1 stamm. Kiew, 28. März—9. April 1905. Der Zionismus und das Angebot Englands. Von Israel Zangwill. I. Wir nähern uns dem Tage, an dem der fromme Jude beim Passahmahl sitzt und sich seiner Erlösung von der Knechtschaft, seines Ueberganges von der Sklaverei zur Freiheit freut. Welch ein erhaben lächerliches Bild! Vor wenigen Monaten konnte man unsere Ghettogefangenen ihr Ghanukafest feiern sehen, das Fest des Dankes, den Tag der Unabhängigkeit. Welche Ironie liegt darin! Diese getretenen, kriechenden Opfer des Ghettos feiern die Siege Juda Makkabäus! Diese armen, friedseligen Bewohner von Schmutzlöchern, die nie ein Vaterland gekannt haben, singen Hymnen des Triumphes zu Ehren der Rückeroberung ihres heiligen Landes und ihres Tempels aus den Händen der alten Graeko- Syrer vor zweitausend Jahren. Die Judenwelt ist eine Schattenwelt. Ist es nicht an der Zeit, dass Rip Van Winkle erwache und von Dingen ringsumher und von sich selbst Kenntnis nehme? Wir haben es seit ungefähr zweihundert Jahren nicht getan. Vor achtzehnhundertvierunddreissig Jahren haben wir unser Vaterland verloren, und die Trauerzeit dürfte schon vorbei sein. Wir müssen uns entweder mit unserem Verlust abfinden oder uns daran machen, um das Verlorene wiederzugewinnen. Aber eben diese Fähigkeit, zwischen der einen oder der anderen Alternative zu wählen, hat der Jude verloren. Er hat sie im Mittelalter verloren, als er in vielen Ländern, ausserstande, zwischen dem Christentum und dem Tod, zwischen dem Islam und dem Martyrium, die Wahl zu treffen, das geworden ist, was man einen Marranen nennt, indem er vorgab, das zu sein, was die Umgebung war, und im geheimen seinem jüdischen Ritus anhänglich blieb. Der Plan des Marranen sah ganz nett aus, war aber nicht immer befriedigend. Denn das Doppelleben bedeutete ein Leben voll Schrecken, voll endloser Bestechungen und Schliche und ertappt werden — was häufig der Fall war — hiess dem Scheiterhaufen und dem Schwerte verfallen. Als im achtzehnten Jahrhunderte das Sonnenlicht der Emanzipation in Westeuropa aufzugehen begann und der Jude im allgemeinen Leben der Welt auftauchte, konnte die gehetzte Kreatur ihre alte Empfindung, dass ihr eigenes Leben etwas sei, was verborgen werden müsse, nicht los werden. Das öffentliche Leben des Juden wurde ostentativ identisch mit dem seiner Nachbarn. Dieses moderne Marranentum wurde oft durch die Namens- und sogar durch die Glaubensänderung vervollständigt. Besonders in Deutschland Hessen sich Juden, die „fashionabel" sein wollten, massenweise taufen. Das Protzentum hat mit grösserem Erfolge die Resultate gezeitigt, die die Verfolgung nicht hervorbringen konnte. Unsere Berühmtheiten finden es für angepasst, sich vor ihrem eigenen Fleische zu verbergen. Der Verstorbene Jules Verne war ein polnischer Jude, ein Talmudschüler, der einst Schmachtlöckchen trug. Auf den Schulen und Hochschulen sind unsere jungen Juden nicht besonders bemüht, ihr Volkstum zu betonen. Wenn man einem Juden ein Kompliment machen will, so soll man ihm sagen, man hätte ihn für keinen gehalten. Wie tief ist die Entwürdigung, zu der unser Volk gesunken ist! Die mittelalterlichen Marranen haben wenigstens die Achtung vor sich selbst behalten, indem sie das Volk, dem sie nachahmten, verachtet haben. Wir bewundern unsere Nachbarn und verachten nur uns selbst. Die jüdische Politik vieler Jahrhunderte kann in folgendem Satze zusammengefasst werden : „Duck dich und halt den Mund." Aber wenn man sich duckt, entgeht man zwar der Aufmerksamkeit des Feindes, man wird aber auch gewöhnlich mit den Füssen getreten. Das Maulhalten einerseits hindert noch nicht die anderen, gar vieles zu sagen. Wenn mir meine jüdischen Kritiker sagen, ich möge dieses verschweigen, jenes nicht offenkundig machen, jenes andere vertuschen, da muss ich immer an den Juden denken, dem die freisinnige Gesinnung eines christlichen Höckerigen, mit dem er auf einem Dampfer zusammentraf, ein solches Vergnügen machte, dass er der Versuchung nicht widerstehen konnte, ihm zu gestehen, er sei ein Jude. „Vertrauen für Vertrauen," raunte ihm der Christ zu, „ich habe einen Höcker." Gegen diese Politik des Duckmäusertums und Maulhaltens tritt der Zionismus auf mit seinem schmetternden Trompetenschall: „Fliege hoch und sage alles!" Zionismus heisst das Ende der Periode der Marranen und Wiederbelebung der Makkabäerzeit. Zionismus heisst die politische Bewegung zur Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Und eine politische Bewegung braucht Staatsmänner. Wir sind bisher von guten Rabbinern und milden Millionären geleitet worden. Seht nun selbst, wohin wir gelangt sind! Nein, ein Volk traut seine Geschicke nicht einem Kardinal Newman oder einem Lord Shaftesbury an, sondern es sagt einem Gladstone oder Beaconsfiel'd: „Du bist der Mann!" Wir haben unsern Disraeli in Theodor H e r z 1 gefunden. Und seitdem wir einen Staatsmann besitzen, haben wir unser Problem mit staatsmännischem Blicke zu betrachten begonnen. Mit unserem toten Führer sehen wir, dass die jüdische Wohltätigkeit bankrott ist, dass sie das Problem unserer Massen, die aus den Ländern der Bedrückung emigrieren und buchstäblich zwischendem Teufel und der Tiefsee sich befinden, nicht lösen kann, da man ihnen ein Asyltor nach dem andern vor der Nase zuschlägt. Die jüdische Wohltätigkeit in Amerika ist die edelmütigste und am besten organisierte. Aber was können die „United Hebrew Gharities" (die vereinigten jüdischen Wohltätigkeitsanstalten) von New York mit einer jährlichen Ein Wanderung von 89.442Juden an fangen, von denen 64.662 in der Stadt New York bleiben? Wie können diese Massen in einem hygienischen Zustand erhalten werden, wenn 400.000 Juden auf einer Quadratmeile zusammengepfercht sind? Und dann bringt die Zerstreuung in den nichtjüdischen Provinzstädten eine andere Tragödie hervor, die geistige Tragödie darbender Seelen, die nach dem