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Die Welt · 1905-04-19 · 16 (19.4.1905) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
16 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „bie # weit11 Nr. 16 sehen, dass die Gründung eines Judenstaates in Palästina vorläufig ein Pium desiderium ist und bleibt. Mit den Neinsagern zugleich werden auch wir alle Kräfte einsetzen, um nach Möglichkeit die Missstände abzuschaffen, die eine rationelle Ausbeutung des Landes hintanhalten. Mit einem jeden Erfolge nach dieser Richtung hin werden wir uns nicht minder freuen als die eifrigsten Chowewe-Zionisten. Möge unsere Kolonialbank, möge die Esra, die Palästinagesellschaft in Odessa, mögen alle diese Vereine zusammenwirken, um Handel und Industrie im Lande zu pflegen, die Agrargesetze auf rechtliche Grundlage zu stellen; mögen diplomatische Schritte, welcher Art auch, getan werden, um uns Palästina als rechtlich gesicherte Heimstätte zuzuführen, ja, mögen sogar gewisse Summen ebenso fruchtlos, ä fond perdu, vergeudet werden wie bisnun, damit ja nur die Fäden, die uns an unser altes Heimatland krüpfen, weiter gesponnen werden . . ♦ Glück auf! Diese Arbeit allein genügt uns aber nicht, denn diese trägt vorläufig nicht das geringste dazu bei, weder um der materiellen Judennot zu steuern noch um unser kulturell-nationales und moralisches Niveau zu heben noch auch um unser Selbstbewusstsein als frei lebende Juden zu stählen. Wir müssen uns daher nach anderen Territorien umsehen, auf welchen wir frei schaffen und frei leben, auf welchen wir den Sklavensinn austreiben könnten, der uns Ghettojuden, allen, ohne Ausnahme, anhaftet. Wollen wir das Judenland und den Judenstaat wieder erlangen, so müssen wir vor allen Dingen Juden haben, die es durchführen könnten, zielbewusste Nationaljuden, auf freiem, autonomem Boden grossgezogen. Mit den Ghettojuden in jetziger Gestalt und mit den Insassen Palästinas bringen wir es nie zustande« Und während ich dieses niederschreibe, tritt vor mein geistiges Auge das Bild der die Städte und Städtchen des Ghetto überflutenden Wanderprediger, welche im Brusttone der tiefsten Ueberzeugung der horchenden, gläubigen Menge zurufen: „Brüder, uns ängstigt es nicht, wenn der Expeditionsbericht über Ostafrika sehr ungünstig ausfallen sollte; das wäre ja erwünscht und gut. Was aber, Gott bewahre (Ghalilow'chas), wenn er gut, sehr gut wäre? Das wäre ja schlimm, recht schlimm; denn sollte es den Leuten in Ostafrika gut ergehen, so würden sie ja Jerusalem vergessen!" 0 sancta simplicitas! Das soll jüdischer Patriotismus heissen, der befürchtet, dass es dem Juden irgendwo, ausserhalb Palästinas gut ergehen könnte! — Hier gilt ja das Entweder — oder. Ist bei euch „die Liebe für Zion" so heiss, wie ihr es schwört zu jeder Stund, dann kann sie ja am Aequator erst recht nicht erkalten; Sind denn in Amerika, England, Deutschland, in den Staaten, wo es den Juden verhältnismässig gut und glänzend geht, keine treuen Zionisten vorbanden, war etwa Herzl ein Ghettojude? — Ist aber diese Zionsliebe eine scheinbare, eine bloss künstlich gezüchtete, ei, dann wird sie längst geschwunden sein, lange, bevor wir Palästina haben können . . . Ein scheinbar sehr ernster Einwand seitens der Neinsager, der auch von vielen Jasagern geteilt wird, ist der, dass, wenn wir auf zwei Fronten arbeiten, nach zwei Hasen auf einmal jagen sollten, wir uns blos zerstückeln und nichts erlangen würden. Dieser Einwand erinnert mich an die Befürchtungen, die auftauchten, als der Zonentarif mit ermässigten Fahrpreisen eingeführt werden sollte. Viele Staatsbeamte glaubten, der Fiskus werde unter dieser starken Preisermässigung leiden. De facto stiegen aber die Staatseinnahmen ganz bedeutend, wTeil die Zahl der Reisenden ganz bedeutend anstieg. So auch hier. Sobald diejenigen intelligenten und wohlhabenden Kreise, die uns bisnun nicht nur draussen, sondern auch im Ghetto so ferne stehen — es wäre grobe Selbsttäuschung, dies zu leugnen! — sobald das Gros des Judentums sehen wird, dass wir auf einem auch nach ihrer Ansicht reellen Boden stehen und gesunde, arbeitsfähige junge Leute nach einem Territorium befördern, auf welchem sie sich autonom einrichten und intensive produktive Arbeit zu leisten beginnen, so werden sie sich ganz bestimmt zu uns gesellen, Zionisten werden und unsere Bewegung zu einer echten Bewegung des ganzen Volkes machen. Dementsprechend werden auch die materiellen Mittel anwachsen, von den geistigen Kräften nicht zu reden, die in den Dienst des Zionismus treten werden. Ich halte es daher für eine unverzeihliche Unterlassungssünde, nicht überall dabei zu sein, wo Kolonisationsunternehmungen auf national-jüdischerGrund- 1 a g e entstehen, sei es in Ostafrika, sei es sogar in Argentinien. Dieser Tage erst kamen zwei brave, graubärtige Zionisten zu mir, die sieben Jahre lang für unsere Ideen ihr ganzes Können einsetzten und auch Erspriessliches leisteten. Sie erzählten mir, sie seien mit noch anderen 500 Mann (93 Familien) zusammengetreten, um bei der „Ica" in Argentinien Land zu erwerben, was ihnen auch unter den allergünstigsten Bedingungen gelungen sei. Das gemeinsame Vermögen dieser Auswanderer beträgt über 180.000 Rbl. Als ich nun, scheinbar entrüstet, sie fragte, warum sie nicht nach Palästina gehen, da antworteten sie mir, die Ansiedlung in Palästina müsse das Dreifache kosten und sie würden daselbst die türkischen Agrar- und anderen Gesetze als Qual und nicht als Glück empfinden. Dabei fügten sie mit tränenfeuchten Augen hinzu: „Wir schwören Ihnen, wir werden samt Kindern und Kindeskindern in Argentinien erst recht brave Zionisten bleiben." Ich glaube es ihnen, denn auf freiem Boden werden sie alle Data dazu erlangen: jüdisches Selbstbewusstsein, Freu, eitsgefühl, jüdische Art, jüdisches Denken und jüdische Opferwiliigkeit für das Palästina- Ideal. Das ist, meiner Ueberzeugung nach, praktischer, politischer Zionismus und die Exemplifizierung des Zangwiilschen: „Lieber Zionismus ohne Zion als umgekehrt". Aber ein anderer Gesichtspunkt noch sollte uns veranlassen, falls das Ostafrikaprojekt sich als annehmbar erweisen sollte, dasselbe nicht zurückzuweisen. Eine Kolonisation in Ostafrika wäre für uns Juden eine recht günstige Versuchsstation, eine Probe auf das Rechenexempel, ob wir Juden, uns selbst überlassen, überhaupt imstande sind, einen autonomen Staat zu gründen. Gibt es ja Skeptiker genug, die an der staatenbildenden Begabung der Juden überhaupt zweifeln und behaupten, die zweitausendjährige Diaspora habe eine Atrophie derselben hervorgerufen. Das neue Territorium nun wäre das geeignetste Objekt, um nach Jahr und Tag diese Zweifel glänzend zu widerlegen . . . Walte Gott, dass dies geschehe . ♦ . Ich resümiere nun meine Gedanken in kurzem folgendermassen : 1. Endziel unseres Strebens — Palästina; alle Keime an Ort und Stelle befruchten, aus denen mit der Zeit ein Judenstaat in Palästina erblühen könnte — aber auch keine Gelegenheit ausser acht lassen, um territoriale Kraftzentren zu gründen, wo Juden sich national entwickeln könnten. Diese Zentren wären eben die Säulen des zukünftigen Judenstaates in Palästina. 2. Sollte der Expeditionsbericht günstig ausfallen, so müssen wir entschieden das Ostafrikaprojekt an-

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