Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 16 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 „bie * w^it" Seite 5 sehe Einseitigkeit oder vielmehr Gradeaussichtigkeit könnte ja nur verhängnisvoll für einen Teil des Judenvolkes werden und ich fürchte, die Herren sägen, ohne es zu merken, den nationalen Ast durch, auf welchem wir auch so schon so unsicher sitzen. Seit acht Jahren verkünden wir orbi et urbi, Palästina gehöre von rechts wegen uns, wir müssen und werden es haben, und dennoch ist es uns bis nun nur gelungen, dieses Axiom bloss uns selbst, nicht aber dem Sultan zu su suggerieren, der vorläufig weder von einer Autonomie, noch von einem Charter etwas wissen will, trotzdem, dass wir mit unserem Herzl lange Zeit gehofft hatten, der Türke werde die Richtigkeit des „do ut des" begreifen, er werde einsehen, dass ein „Judenstaat* in Palästina nur zur Hebung der türkischen Kultur, Industrie, des türkischen Handels beitragen könne usw. War ja der Charter, den zu erlangen unser Führer so viel Aussicht hatte, derHauptclou, dessen Anziehungskraft selbst diejenigen mit sich fortriess, welche früher die allerernstesten Bedenken gegen die Möglichkeit einer Besitznahme Palästinas hegten. Wenn aber der Herr Türke bis nun sich dennoch nicht überzeugen lassen will, sollen wir deshalb das alte System des Sicheinschmuggeins, welches unseren seligen Führer so sehr anwiderte, weiter üben? Soll der Zionismus, diese gross angelegte Bewegung, die uns einst wirklich die Möglichkeit bieten könnte, in Palästina einen „Judenstaat" zu gründen, sich einzig und allein mit einer krebsartig fortschreitenden Kolonisation begnügen, welche bereits viele, recht viele Millionen Francs verschlungen und in 25 Jahren zirka 4—5000 Land- und Weinbauer hingelockt hat, die kaum versorgt, zur Hälfte noch Almosenempfänger sind und deren Eigentum an Boden obendrein durch nichts geschützt ist? Sollen wir uns noch immer der Selbsttäuschung hingeben, dass wir in Palästina Gott weiss was für Wunder üben, während wir faktisch bloss Wasser in ein Sieb schöpfen? Tatsache ist, dass mit dem Gebete „Fsehono habo" auf den Lippen, Juden, ohne uns erst zu fragen massenhaft nach Amerika, Südafrika etc. auswandern, nicht nur aus Kussland, sondern — aus Palästina selbst. Und das ist ja so natürlich. Bei aller Liebe, welche die Judenmassen für Palästina im Herzen tragen, wissen sie ganz genau, dass vorläufig daselbst wenig zu holen ist, dass die türkischen Agrargesetze die verwickeltesten auf der ganzen Erdkugel sind, dass die Hintertreppenpolitik, der Backschisch, die Umgehung des Gesetzes — diese lieben, vertrauten Bekannten der Heimat — dass all dies das kulturelle Niveau der Juden in Palästina nicht fördern, sondern eher herabdrücken müsse, dass, so lange die Türkei nicht in die Zahl der Kulturländer eingereiht sein wird, eine Emigration nach Palästina sich ebenso eigne, wie der Gang vom Regen in die Traufe. Handelt es sich ja nicht bloss darum, eine grosse Anzahl Juden in Palästina zusammenzupferchen. Käme es bloss auf die Quantität an, so brauchten wir nur einen Abstecher nach Berditschew zu machen, um zu sehen, welchen Anblick dieser jüdische Ameisenhaufen bietet, der noch obendrein viel kultureller ausschaut, als die 60.000 Ghalukajuden Palästinas. Wir wollen ja kulturelle, freie, selbstbewusste Juden grossziehen und das ist bei der türkischen Wirtschaft vorläufig vollkommen ausgeschlossen, es sei denn, dass die europäischen Mächte die Türkei bewegten, uns Palästina als rechtliches, historisches Erbe abzutreten. So weit sind wir aber noch lange nicht. Und da kommen die treuen Zionswächter und sagen: „Was schadets denn, dass das heilige Land jetzt so öde, dass Willkür statt Freiheit drin herrscht, dass eine Emigration vorläufig verboten ist? Können wir denn nicht warten? Verdient es denn die Zionsbraut nicht, dass wir ihretwegen noch einige fünfzig Jahre im Ghetto schmachten, und Frohndienste verrichten, unterdes Palästina durch Landankauf, durch industrielle Unternehmungen jeglicher Art ökonomisch von uns erobert wird, wonach es wie ein reifer Apfel uns noch politisch in den Schoss fallen muss. Geduld! Bloss warten!" Das ist es aber, dass wir länger nicht warten können. Wer das behauptet, der treibt mit seiner Zionsliebe ein recht frivoles Spiel, der will oder versteht es nicht, in den tiefen Ghettojammer einzudringen. Wir können eben nicht warten. Abgesehen vom Massenelend, das tausende und abertausende ziel- und aussichtslos in die Ferne treibt, wo sie entweder zurückgewiesen werden oder sonst vielfach verkommen, abgesehen von der unbeschreiblichen Demoralisation, welche im Ghettosumpfe rapid um sich greift, zwingt uns zu einer, wenn fürs erste auch nur partiellen Hilfeleistung der Umstand, dass unsere russisch-jüdische Jugend, auf die wir ja unsere ganze Zukunft setzen, scharenweise von uns abfällt und sich Strömungen zuwendet, die mit dem Judentum und Judenvolk nichts Gemeinsames haben. Das religiöse Band, das bisnun die Ghettojuden aneinander knüpfte, wird immer lockerer und wenn nicht das einzige, das noch übrig bleibt — der nationale Gedan ke — wach erhalten werden sollte, so könnte es leicht geschehen, dass wir im Momente, wo Palästina zu erlangen wäre, keine Z ionist en mehr haben würden. Die jüdisch-russische Jugend, in welcher ungeahnte potentielle Kräfte schlummern, ringt nach politischer Freiheit und positiver Arbeit und geben wir ihr Steine statt Brot, vertrösten wir sie bloss auf ein einstiges Paradies in Palästina, so wenden sie sich von uns weg, verkommen in den Gefängnissen Sibiriens, anstatt ihre Kräfte für ihre Nation einzusetzen. Und eine solche Rückkehr zu ihrer Nation wäre nur dann möglich, wenn sie sehen würden, dass den Juden ein autonomes, kolonisationstaugliches Land eröffnet wird, wo sie ihre Energie betätigen, ihre potentielle Kraft in aktuelle umsetzen könnte. Deshalb bin ich ein eifriger Verfechter einer jeden gross angelegten Kolonisation, die dahin tendiert, ein national jüdisches Kraftzentrum zu schaffen, das das jüdische Selbstbewusstsein, jüdische Art, jüdische Ethik pflegen und erhalten könnte. Man wende mir ja nicht ein, dass die Zahl der Auswanderer nach dem neuen Kolonisationsgebiet eine minimale sein und in absehbarer Zeit dem Massenelende doch nicht steuern werde. Das stimmt nicht. Gelingt bloss der erste Ansatz, sind die ersten Pioniere jung, gesund und tatkräftig und die ökonomischen und politischen Möglichkeiten günstig, so wächst in kurzer Zeit die Zahl der Auswanderer schneeballartig, nach einem grösseren Zeiträume lawinenhaft Das lehrt die Geschichte aller Kolonisationen. Und hier gerade muss ich einer Beschuldigung entgegentreten, die uns Jasagern zur Last gelegt wird, als ob wir Palästina ganz aufgeben und uns nur Ostafrika zuwenden wollten. Von vielen wird diese Anklage bona fide erhoben. Viele dagegen benützen sie als Agitationsmittel. Und so will ich nun im Namen meiner Gesinnungsgenossen erklären, dass wir an dem Zionsgedanken mit Leib und Seele hängen, dass Zion als Endziel unseres Wollens gerade uns am intensivsten vorschwebt; wir sind aber Realisten genug, um einzu-