Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 16 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bie & weit" Nr. 16 Offener Brief an die russischen Zionisten* Seitdem unser grosser Führer tot ist, Hess ich nichts von mir verlauten, weder schriftlich noch mündlich. Das geschah zum Teile deshalb, weil der jähe Tod dieses genialen Mannes, dessen Freund zu sein ich das grosse Glück hatte, mir Feder und Zunge lähmte; teils aber auch deshalb, weil ich eine gewisse Zeit ruhig zuschauen wollte, auf welche Weise die russischen Erben die grosse Herzl'sche Hinterlassenschaft — den Zionismus — verwalten werden. Zu meinem tiefsten Leidwesen musste ich mich überzeugen, dass viele meiner Gesinnungsgenossen mit dem Vermächtnis unseres Unvergesslichen recht frivol umzuspringen begannen, dass manche und darunter auch der grösste Teil der russischen Mitglieder des grossen A.-G. in der Deutung desselben dermassen willkürlich verfuhren, dass sie sich erlaubten, den „Jasagern", das heisst denjenigen, die für eine Expedition nach Ostafrikr, eventuell für eine Annahme des Projektes stimmten, in gedruckten Lettern das moralische Recht abzusprechen, Z i o n i s t e n zu heissen und den Schekel zu zahlen. Da ich nun ebenfalls zu den „Jasagern" zähle, so sehe ich mich veranlasst, dieser Lynchjustiz mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten und zugleich offen und frei den Standpunkt zu bezeichnen, auf welchem ich in der jetzigen Phase der zionistischen Bewegung stehe. Vor allen Dingen erkläre ich, dass ich weder „Zione Zion", noch „Ugandist", noch „Territorialist4' bin. Diese inhaltsleeren Schlagworte, wie falsche Schillinge auf den Markt gebracht, wirken bloss verwirrend auf die kritiklosen Köpfe der Volksmassen, erregen nur Streit und Hader, weiter nichts. Ich perhorresziere also diese unglückselige Parteizersplitterung, welche nicht schaffend, sondern blos zerstörend wirkt und bin nach wie vor Z i o n i s t oder National jude (für mich zwei identische Begriffe!) von reinstem Schlage. Ich bin es nicht nur seit dem ersten Baseler Kongresse, sondern seitdem ich bewusst zu fühlen und zu denken begonnen. Für mich ist und war der von Herzl ins Rollen gebrachte Zionismus eine national - jüdische Volksbewegung, die sich zum Ziele steckte, die jüdische Nation als solche zu erhalten, einer Assimilation derselben nach Möglichkeit zu steuern und das Gros der Juden, die G h e 11 o j u d e n, vor einer totalen physischen und moralischen Entartung zu schützen, einer Entartung, der sie unter den gegebenen politischen und ökonomischen Konstellationen mit fataler Notwendigkeit entgegengehen müssen, falls nicht Wandel geschaffen werden sollte. Und um diesen doppelten Zweck zu erreichen, waren und sind alle Zionisten darüber einig, dass für die Juden ein freies, autonomes Territorium erworben werden müsste, welches zweien Bedingungen genügen solle: der ersten, dass dieses Territorium von anderen Kulturvölkern nicht, oder minimal bevölkert sei, damit eben diese Nachbarschaft nicht assimilatorisch, oder gar auflösend wirke; der zweiten Bedingung, dass dieses Territorium ein politisch freies sei, damit die Juden, ohne äusseren Druck und Zwang, die im Volke schlummernden, ethischen, ästhetischen und anderen Veranlagungen entfalten und dereinst als freies Kulturvolk sich ausleben könnten, Leider entsprach bisnun kein Territorium diesen beiden Bedingungen zugleich. Palästina, die Wiege unserer Kindheit, das Land unserer Sehnsucht, einer Sehnsucht, die in den Volksmassen ganz entschieden, wenn auch bei vielen unterhalb der Schwelle des Bewusstseins schlummert, Palästina bietet uns zwar sicheren Schutz vor Assimilation und Auflösung, züchtet aber, Dank dem herrschenden Regime, seit jeher — nicht Männer, sondern Sklaven und Bettler. Amerika, das uns zwar politische Freiheit und auch unendlich viele Möglichkeiten gewährt, ökonomisch vorwärts zu kommen, bietet die drohende Gefahr einer Assimilation, respektive eines mit der Zahl der Einwanderer wachsenden Antisemitismus. Deshalb geschah es am letzten Kongress, dass, als unser Führer uns erklärt hatte, an eine Erlangung einer Autonomie oder selbst eines Charters in Palästina sei ad hoc, bis auf ein Menschenalter hinaus nicht zu denken, der Vorschlag Englands, das bekannte Ostafrika-Projekt von vielen mit grosser Freude aufgenommen worden ist, da doch das angebotene Territorium den obengenannten Anforderungen — freier, unbesetzter Boden, politisch freies Land — wenigstens für eine gewisse Quote Juden so ziemlich genügen dürfte. England schlug uns vor, eine Expedition nach Ost-Afrika zu entsenden, die das Land auf seine Kolonisationstauglichkeit prüfen und uns darüber genau Bericht erstatten sollte. Dieses grossmütige Anerbieten Englands wurde auch nach Verdienst gewürdigt und vom Kongresse mit Stimmenmehrheit dankend angenommen. Aber gleich darauf geschah etwas ganz sonderbares, das einen jeden denkenden Menschen zugleich verblüffen und betrüben musste. Dieselbe Mehrheit nämlich („Jasager"), welche für die Entsendung einer Expedition stimmte, verweigerte entschieden das Geld dazu, wobei sie allerdings grossmütig genug war, dem Führer die Ehre und zugleich die Sorge um das Auftreiben der Expeditionskosten voll und ganz zu überlassen. Aber das war ja noch das geringste. Schon bei Lebzeiten Herzls begann dasK e s se ltreib en gegen das 0 s t a f r i k a-P r o j e k t, welches, in echt kosakischer Weise von einem der Generalpächter jüdischer „Zionsliebe" inauguriert, per fas und nefas weiter betrieben, derartig hässliche und grässliche Dimensionen annahm, dass ein jeder ehrliche und denkende Zionist sich mit Schrecken und Ekel abwenden und Geduld genug besitzen müsste, um sich mit dem Ausruf zu begnügen: „Verzeihe ihnen, o Herr!" Das Mene Tekel, das uns in Flammenschrift vorgehalten wird, ist der § 1 des Baseler Programms, der da lautet: „Zur Erlangung einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina und Syrien." Schwärz auf gelb steht dieser Paragraph auf allen Umschlagblättern unseres Parteiorgans, der „Welt", gedruckt und da er gedruckt dasteht, so ist er ein monumentum aere perennius, das Gesetz Mosis, an dem weder gerüttelt, noch gemäkelt werden darf." „Wir bestehen auf unserem Rechte", zetern die Neinsager, „wir wollen Palästina, nur Palästina — fort mit Uganda! ä bas Uganda, selbst wenn es ein Paradies sein sollte, und dann erst recht" ... Die Kampagne gegen das Ostafrikaprojekt wird dabei mit solcher Leidenschaftlichkeit, Parteilichkeit und Selbstüberhebung geführt, dass der Gedanke nahe tritt, es sei in der Tat ein ernster Konflikt zwischen England und der Türkei betreffs der Frage ausgebrochen, wem von beiden die Ehre zuteil werden solle, arme rumänische und russische Juden aufzunehmen. Difficile est satyram non scribere. Ohne äusseren Zwang haben sich die Herren „Neinsager" Scheuklappen aufgesetzt, die ihren Gesichtskreis dermassen einengen, dass sie weder nach rechts, noch nach links schauen können. Diese fanati-