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Die Welt · 1905-04-19 · 16 (19.4.1905) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
16 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 „Ne # w^it" Seite 3 Bang wartet im Grab Judas herrlichster Sohn Der Befreiung gewaltiger Stunde. Blas, Wetterstnrm: Möge ihm melden der Ton Deines Schofars die freudige Kunde: Gelöset ist zweier Jahrtausende Schmach; Das Volk ist zum Aufbruch bereitet. Erwache, du Fürst des Exil es, erwach! Das Volk harrt fies Führers, der's unters Dach Der schützenden Heimat geleitet. Pozsony. Köthener Palästinakurse. Von Leopold B a s s, Prag» Die Köthener Festtage sind vorüber. Ja, Festtage waren diese Kurse für uns Zionisten, da uns jüdische Dozenten jüdisches Wissen mitteilten, nicht alte, tote Vergangenheit, womit sich die bisherigen jüdischen Hochschulen fast ausschliesslich beschäftigen, sondern lebendige Gegenwart, die Kenntnis unseres Landes, seine jetzige Beschaffenheit und die Aussicht für seine Zukunft. In den Köthener Kursen sind die Anfänge einer jüdischen Hochschule zu suchen und waren es diesmal nur Ferialkurse, so wollen wir hoffen, dasswir bald eine ständige modern-jüdische Hochschule haben werden, Die Köthener Kurse führten — wie schon bekannt — den Titel „Ferienkurse für koloniale Technik" und waren gemeinschaftlich veranstaltet von der zionistischen Palätinakommission und der Köthener technischen Anstalt, von letzterer in der Absicht, Studenten für den praktischen Dienst in den deutschen Kolonien vorzubereiten. Die Vorträge waren daher solche, welche allgemein kolonialtechnische Fragen behandelten, dann solche rein zionistischen und deutsch-kolonialen Inhaltes. Das Verdienst, diese Kurse angeregt zu haben, gebührt unstreitig dem rührigen akademischen Verein „Tehioh" in Kothen, dessen Mitglieder sich den nötigen Vorarbei:en mit grösstem Eifer widmeten. Ermöglicht wurde der zionistische Charakter dieser Kurse durch das Entgegenkommen des Leiters der Köthener Anstalt Ing. Dr. Föhr und die Unterstützung des Dozenten Ing. Kaiser, eines warmen Freundes unserer Bewegung. Am Sonntag den 26. März fand im Hotel „Prinz von Preussen* die offizielle Eröffnungsfeier statt, Oberbürgermeister Schultze begrüsste die Versammlung und konstatierte mit Genugtuung, dass sich 120 Hörer als Teilnehmer gemeldet hätten (später Hessen sich noch zirka 60 einschreiben). Es waren etwa 30 auswärtige zionistische Stu ienten gekommen, darunter zwei von Brüssel, zwei aua Prag, die übrigen aus Deutschland. Es sprachen einige Dozenten, von unserer Seite Dr. Warburg und Dr. Klee. Letzterer entwickelte in kurzen, klaren Worten die Ziele des Zionismus. Der Sprecher der Köthener Studentenschaft hiess die Gäste mit warmen Worten willkommen. Die auswärtigen Studenten fühlten sich überaus angenehm berührt durch den freundlichen Empfang und mit froher Erwartung ging man Montag früh an die Arbeit. Ueber die zahlreichen Vorträge — es waren im ganzen 22 — sei im folgenden eine gedrängte Uebersicht gegeben. Als Einleitungsvortrag kann man betrachten den von Dr. Heine, der darlegte, dass es zwei Arten von Einwanderung in ein fremdes Land gibt, nämlich Ansiedlung und Kolonisation (Besiedlung)- Der Ansiedler fügt sich den fremden Sitten und geht oft in fremde Völker auf, der Kolonist behält seine Selbständigkeit Eine Fülle von eigenartigen Rechtsverhältnissen ergibt sich aus beiden Fällen, man denke nur wie sich der Ansiedler zum Familienrechte, der Kolonist zur Sklaverei verhalten soll. (Doktor Heine, Dr. Blom.) Deshalb ist es so wichtig für uns Zionisten, das Recht des türkischen Reiches zu kennen. Wegen der Knappheit der Zeit konnte Dr. Klee leider nur in lapidarer Kürze einen Abriss des türkischen Rechtes geben: Parallel mit dem Aufschwünge des türkischen Reiches geht die Entwicklung des heimischen (religiösen) Rechtes, des Sherirechtes. Seit dem Bündnisse mit den Franzosen (1552) und der Niederlage durch die Russen (1579) beginnt der Niedergang des türkischen Reiches und damit der Einfluss der Franzosen und Russen. Dieser Einfluss macht sich auch auf dem Rechtsgebiete fühlbar, es entwickelt sich das bisher unbedeutende weltliche Recht das sogenannte Kanonrecht. Es gilt der Grundsatz : Sherirecht bricht Kanonrecht, das heisst, das weltliche Recht darf dem religiösen nicht zuwiderlaufen. Ein Grundsatz, der freilich oft durchbrochen werden musste. Im verflossenen Jahrhundert wurden Gesetze erlassen, die demNichtmohammedaner eine gewisse Gleichberechtigung mit dem Türken gewähren, auch das Recht des Erwerbes von Grund und Boden. Interessant ist es, dass die „barbarische Türkei" darin Russland voraus ist! Zum Schlüsse schilderte Dr. Klee noch die türkische Staats- und Finanzverwaltung und die Beamten Wirtschaft. Wichtig für die Verhältnisse Palästinas ist es, seine Vorländer genau zu kennen. Dr. War bürg gab eine Uebersicht über die asiatische Türkei, doch würde die Darlegung seines umfassenden Vortrages zu weit führen. Hervorgehoben sei hier nur folgendes: Kleinasien besitzt sechs Bahnlinien, die zusammen 2400 km lang sind. Am wichtigsten ist für uns die anatolische Bahn von Konstantinopel über Angora nach Konia. Eine Fortsetzung dieser Linie ist die berühmte Bagdadbahn, von der aber erst 200 km bis Eregli gebaut sind. 1900 km fehlen noch. Interessant ist auch, dass in Anatolien 30 jüdische Dörfer mit zirka 3500 Einwohnern sind (darunter Warborgskien mit 1000 Einwohnern). Ueber die physische Landeskunde trug Privatdozent Dr. Blankenborn vor. Seinen Vortrag im Auszuge wiederzugeben, wäre unmöglich, da jedes Wort für uns Zionisten wichtig ist. Dr. Blankenborn legte uns das Ergebnis einer 15jährigen mühevollen Forschung an der Hand einer grossen, gediegenen Sammlung dar, die einzig in ihrer Art dasteht. Dr. S o s k i n sprach über die wirtschaftlichen Verhältnisse Palästinas und Syriens. Wichtig ist die Einfuhrstatistik Jaffas, des grössten Hafens Palästinas (zirka 10 Millionen Kronen). Aus Dr. S o s k i n s Vortrag ersieht man, dass Palästina durchaus keine Wüste ist, wie unsere Gegner meinen, sondern dass das Land bei verhältnismässig geringer Arbeit zu grossem Wohlstande gelangen könnte, da die natürlichen Bedingungen hierzu überall vorhanden sind. Für die Besiedlung eines Landes ist die Kenntnis der Nosologie desselben sehr notwendig. Dr. Sand ler legte die Mittel dar, wie die Verschleppung der epidemischen Krankheiten verhütet werden könnte und stellte den Satz auf, dass man die endemischen Krankheiten, nämlich Ruhr, Malaria und Trachom gerne in Kauf nehmen könne gegenüber der Geissei Deutschlands, der Tuberkulose, die in Palästina ganz unbekannt, in Deutschland 14°|0 der Bevölkerung dahinraffe. So interessant die Vorträge der Bodenreformer (Doktor Föhr, Damaschke) waren, so kann auf eine nähere Darlegung derselben hier leider nicht eingegangen werden. Die allgemeinen Vorträge über koloniale Technik, so die des Ingenieurs Kaiser über landwirtschaftliche Maschinen, Ingenieur Michl über Wärmekraftmaschinen u. a. zeichneten sich dadurch aus, dass sie für Fachmänner und Laien gleich verständlich waren. Wir sehen also, dass die Köthener Vorträge eine Fülle reicher Anregung boten und der Versuch, jüdische Ho'jhschulkurse abzuhalten, gelungen ist. Hoffentlich werde» diesem Versuche bald andere folgen!

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