Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 16 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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SeHte 2 „bic <* weit11 Nr. 16 eine bange Erwartung bemächtigt sieb des kindlichen Gemütes .... jetzt ist der Sederabend da. Der weissgedeekte Tisch, die sehneewelssen Mazoth, der Wein, die traditionelle Schüssel mit den sinnigen Symbolen, welche bildlieh auf Ijestimmtc Momieinte de« Lendens und dler Fnterdrückunig hinweisen . . . TTnd noch einmal wird die ganze Historie der schweren, hangen Zeiten in der Hagada vorgeführt und aus der Erzählung von der Betfreiimg ström! in das jugendliche Herz das Gefühl der Erlösung, ein unendliches Glückesahnen, ein namenloses Frühlingshof fen! * * * Das schöne Pessachfest. welches in der biblischen Geschichte sieh als letzter Aufzug eines T^eidensdramas mit lustigem Ausgange immer wieder neu aufführt und beglückt, verliert seinen Zauber, wenn man. in die Geschichte Judas in der längsten Diaspora geblickt, und so ist a.uch mir die Freude an -demselben durch die weiteren Geschehnis^' vollständig getrübt worden. Was hatten wir nicht alles am Pessar!) und wegen desselben auszustehen? Die Christen langtefn sich unspre Ostern herüber und zur Zeit des nieeanischen Konzils unter Konstantin wollten sie uns derselben ganz berauhen. So wie sie sich unserer Psalmen bemächtigten und uns dann verboten, einzelne derselben bei Totenfeiern zu rezitieren, so und mit demselben "Rechte bedrohten sie den Patriarehen in Palästina, wenn er es wagen sollte, ein Schaltjahr einzusetzen und den Pessaeh zur festgesetzten, hergebrachten Jahreszeit begehen zu lassen. „Damit es nicht den Anschein habe, als wenn sie uns nachtäten!" Was für grausame Marter hatten die Marranen auszustehen, wenn sie beim Genuss von ungesäuertem Brot und bei den. Pessaehfeiern erwischt wurden? Fnd wenn alle jene Ereignisse von einst und jetzt, die mit diesem unschuldigen Erlüsungsfeste durch Bosheit und Brutalität verknüpft wurden, meine Gedanken- und Gefühlswelt durch schauern, dann begreife ich schmerzlieh den Passus der Hagada: ..Tn jeder Generation stellt man sich gegen uns, um uns zn vernichten". Dann werde ich aber auch wieder inne der alten Thoraerklärung: „Denn Fremdlinge bliebet ihr im Lande Aegypten". Die Thora knüpft daran das Verbot, den Fremdling zu unterdrücken, ihn aus dem Grunde zu verfolgen, weil er von anderem Lande, anderem Stamme, anderer Art und Sitte ist und in der Volksmehrheit eine Minorität bildet. * * * Der Mi drasch erläutert, vielleicht unbewusst, diese Begründung der Thora in seiner Art. Zur Zeit neuer Bedrückungen und neuer Gefahren für den Bestand des Judentums und der jüdischen Xation suchte die Legende in dem alten Schatze volkstümlicher TTeberlieferungmi Thesen hervor, die sie bald zum Tröste und zur Aufrichtung der Gemüter, bald zur Kräftigung des Volksbewusstseinsaufstellt e. So heisst-es an einer Stelle, dass es dem Verdienste der tugendhaften Frauen zn danken ist. dass Tsrael aus Aegypten erlöst wurde. Tn einer anderen heisst es wieder: Ol) dreifachen Verdienstes wurden sie befreit. Weil sie nicht änderten ihre Xatnen. ihre 'Pracht und ihre Sprache. Die1 Juden im A.egyptorlande mochten wohl die Erfahrungen und die Wissenschaft des sie umgebenden - Volke« in sieh aufnehmen, ihre Kultur kennen und im eigenen nationalen Geiste verarbeiien. Innerlich und äusserlich blieben sie doch Tsrael. dabei- Fremdlinge. Fremdling ist, wer die eigene Art und das eigene W^sen nicht aufgibt, um fremde Art und fremdes Wesen anzunehmen. Je mehr dies auch in iiusseidichen Dingen markiert wird, desto' mehr bezeugt mein, dass man sein Tchtum nicht der überwiegenden Mehrheit zuliebe vernichtet, desto mehr ist man sich selbst und seinem Stamme treu geblieben, desto mehr aber wird man auch von stolzem Selbstbewußtsein und Selbstachtung erfüllt. Obenan steht natürlich die Familien- und Stammesreinheit. In Aegypten haben die Töchter Israels nicht ausser der nationalen Zugehörigkeit hinaus und hinübergehtgt. Sie scheinen aber auch im Innern des Hauses jüdische Art und Sitte gepflegt und ihren Kindern Liel>e zum eigenen Volke eingeflösst zu haben. In der Familie wurde auch die Sprache der Väter hochgehalten, die Namen nicht modernisiert'-und verwandelt Wenn ich nun aus dem Halbdunkel der Geschichte in die gegenwärtige Lage meinen Blick ■ hillüberleite, wenn ich die Eichtungen ansehe, in welche die Zionsidee ihre Anhänger und deren Tun und Handeln "leitet, so finde ich, dass man nach dem alten Jxrwährten Rezepte des Midrasch zurückgreift. Wieder strebt unsere Jugend, sieh unser altes Hebrä'isdlv. anzueignen und mit demselben immer 'mehr vertraut zu machen. Wenn, in einem in den letzten Wochen über die Bretter gegangenen Drama, das den Bankbruch der Assimilation darstellt, sich ein Senior einer jüdischen Verbindung stolz mit dem Namen „Elieser" den andersstämmigen Studenten vorstellt, so wird diese Episode mit hellem Beifall von. allen Seiten begrüsst und bejiilxdt. Sie kommen wieder zu Ehren, die alten jüdischen Namen, deren sich andere mächtige Nationen, wie die Engländer und Amerikaner, nie schämten, sie komirneu wieder zu. Ehren auch bei den Juden. TTnd auch äusserlich suelit der Jude, der sieh zur Zeit des EmaiTzipatioasdusels zu verstecken strebte .... nicht mehr sein Judentum1, zu verbergen, nur das als gut und mustergültig anzusehen, was die anderen haben und das Eigene, Bessere zu verdecken. Tch ersehe und erfühle darin die Zeichen der Besserung, die Anfänge der Bückkehr zum eigenen Volkstum . . . und, wenn, sie sich zusammenschließen, auch zum eigenen Heime. TJnd wieder wird das alte ehrwürdige Pessachfest in alter hergebrachter Weise in" Frohsinn und Lebenslust begangen werden, ein Fest der Erlösung für Juda, eine Feier der Befreiung auch für alle aus den Niederungen des Unrechtes und der Erhebung in d'ie göttlichen Höhen von Gerechtigkeit und wahrem Menschtum! Dr. L e o p o 1 d Tv a h n.. Eliahus Wiederkehr. Tch schwinge mich auf mein Flamnienross, Es nahet das Ende der Zeiten. Sei, Wettersturm, du mein Weggenoss, Wir wollen die Erde umreiten. Es schüttern die Berge, der Fels erkracht, Es splittern die Frwaldbäiiime: Verglommene Ghiten sind neu entfacht: Die Flammengarben durchlohen die Xacht; Es werden zu Leben die Träume. Blas, Wettersturm, blase! Dass schmetternd durchs All Dein mächtiger Scholar ertöne! Ans fernsten Gestaden versammle dein Schall Mir Judas verlorene Söhne. Die das bleierne Golus zu Boden gedrückt, Sie sollen sich wieder erheben; Denen östliches Elend das Rückgrat zerknickt, Die im faulen Moraste des Westens erstickt. Erwecke sie wieder zum Leben. in felsigen Grüften, in Israels Erd\ Da schlafen viel jüdische Becken. Blas. Wettersturm! Lang hat ihr Schlaf schon gewährt. Es soll sie dein Schofar erwecken! Dass jeglicher Kämpe das Schwert wieder zieht, Wie einstmals in Israels Wehre! Das heilige Feuer, das einst sie durchglüht, Es soll mir entflammen "Volk Judas Gemüt Für Israels Freiheit und Ehre.