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Die Welt · 1905-04-19 · 16 (19.4.1905) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
16 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Redaktion und Administration: WIEN IX., Tllrktnstrass* Nr. 9. Telephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaktion täglich von 10—1/1(2 Uhr. Proiso dor Aozoigon : laut «.ufliogrendon* Tarif. Der lrserateateil wird Dienstag abends gea«hio»seti Einzelne Hummer« 30 Heller. KQ7lincnrQICQa Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: UO^UyO|Jl ÖIOÖ- Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R, 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. — ,85k Nr. 16. Wien. 19. April 1905. — 14. Nissan 5665. 9. Jahrgang. Pessachstimmung. /froi bmv "os i^km onm rratfw ...hm npspiat rnaia Als Knabe kannte ich. nur zwei Jahreszeiten, Sommer und Winter. Sie waren durch zwei Marksteine des nationalen und religiösen Lebens deutlich voneinander geschieden. Der Sonnner begann nach dem letzten Osterfeiertage. Der Winter wurde mit dem Monate Ehü eingeleitet, in welchem zu den herbstlichen Nebeln und Winden, zum weinerlichen Himmel die bussfertige Stimmung des jüdischen Gemütes, die Selichothgebete, die folgenden Neujahrstage mit den hergebrachten Pijutim und den Schofartönen zusammenpassten; alles Vorbereitung für den Versöhnungstag, den Tag der Entscheidung über Leben und Tod im angefangenen Jahre . . . Dann kam als ein letztes Aufflackern von Frohsinn und Freude das Laubhüttenfest mit seinen vielsagenden gung und Verbitterung des Lebens durch harten Frolmdienst. Im jungen Herzen des Knaben steigt zum ersten Male Erbitterung und Entrüstung über die Undankbarkeit jenes Gastvoikes, dessen Gemütsroheit und Ungerechtigkeit gegen Israel auf. Die Thora gibt dafür eine natürliche, man könnte sagen naive, aber tief begründete Erklärung; denn ihr wäret Fremdlinge im Lande Aegypten . . . Und die Geschichte geht weiter. Der Gottesmann Moses tritt auf den Plan. Jede Prüfung, jede Plage, die über Aegypten hereinbricht, erfüllt den die Bibel lernenden Knaben mit Genugtuung, mit dem Glauben an Gerechtigkeit und Vergeltung. Und er errät schon in den ersten Stadien dieses Kampfes voller Zeichen und Wunder, dass das Ende doch die Erlösung sein wird . . . Mittlerweile ist der harte Winter mit den kurzen Tagen und langen .Nächten, mit dem meist düsteren Himmel, mit seinen Frösten und Schneeschauern, mit welchen die eben gelehrte Leidens- Gebräuehen, den tausendjährigen ehrwürdigen geschiente der Juden und die Berichte von dem Gottesmnigen Symbolen, dem Ethrog und Lulaw, an welchem Feste die Winde schon schärfer bliesen, die Blätter der sich entlaubenden Bäume in krummen Windungen sieh zu Boden schlängelten, der Regen dichter tröpfelte und sieh in die Feiertagsfreude ein Unterton der Trauer, in das festliche Gemüt wie durch ein Hinterpförtchen des Bewusstseins das Gefühl der Vergänglichkeit, die nagende Empfindung von Hoffnungslosigkeit und Vorahnungen von Kälte und Schauern einschlichen , . . — ... Mit dem Zerlegen der Suka war auch schon der Winter da, und man begann die Thora vom Anfang an zu lesen, vom Beginne der Weltschöpfung. An diese reihte sich die Geschichte der Patriarchen an. Der Knabe machte da die Streifzüge Abrahams, Isaaks und Jakobs mit, er litt mit Josef in der Grube, im Gefängnisse, und freute sich dann, als dieser zur höchsten Ehre und Macht im Lande Aegypten aufstieg. Darauf kamen die ersten Folgen des Fremidseins in dem einem anderen Volke gehörigen Lande, die Folgen der Heimatlosigkeit. Denn es ist ein neuer König aufgestanden, der den Josef nicht kannte, der ebenso wie sein Volk all der Guttaten vergass, die der Fremdling aus dem Lande Kanaan ilim erwiesen hatte. Vielleicht gerade wegen des lästigen Gefühles der Dankbarkeit wollten sie daran vergessen, und lohnten es seinen Nachkommen und Stammesgenossen mit Entrechtung* Verfolgung, Bedrängerichte über die Aegypter und den hartherzigen, verstoek ten Pharao zusammenstimmen, nach und nach fortgeschritten, und nähern sich beide ihrem Ende. Von den Dächern tröpfelt der aufgehende Schnee, das Eis schmilzt, und auch das Herz Pharaos wird weicher, nachgiebiger. Die Sonne weilt länger da, um die viele Arbeit zu leisten, die Strassen zu trocknen, die Bäume zu neuem Leben zu wecken und die Erde mit Grün zu bedecken. Die Befreiung aus Aegypten ist vor sich gegangen und Moses bringt dem neuerstandenen, verjüngten Volke die ersten Lehren über Gesellschafts- und Staatsbildung und -Erhaltung, über private und öffentliche M'oral bei. Vom Sinai her hat es mit Feuerzungen gesprochen : „Ich bin dein Gott, der dich aus dem Lande Aegypten, aus dem Hause der Knechtschaft herausgeführt". Das Geschichtsstudimn eilt - vor, aber auch die Jahreszeit ist in raschem Laufe begriffen. Aus der Ueberfülle des Nasses in den Strassen, den Gärten und Feldern gebildete kleine Wässerchen sind abgerinselt; einzelne Blümchen und Sträucher haben sich hervorgewagt und es spriesst überall, und es zwitschern die Vöglein, und es lebt alles auf und verjüngt sich. Die frisch geackerte Erde verbreitet Wohlgerüche. Der Pessach wird vorbereitet, alles geweissigt, getüncht, gescheuert; kaum reicht der halbe Nissan dazu aus. Die Jungen und Mädchen bekommen neues Gewand, neue Beschuhung und

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