Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „bi* * Welt Nr. 15 die Aristokratie — denn nur sie konnte es zustande bringen — wartete, ist mir nicht bekannt. Die Wahlen gingen vorüber, der Stadthauptmann bekam keine neuen Vorschläge und bestätigte die alten fünf Abgeordneten mit noch drei desselben Kalibers. A. Benjamin. (Schluss folgt.) Die Situation der Juden in Frankreich. Mit dem Aufkommen des neuen Ministeriums Rouvier ist die Frage der Trennung von Staat und Kirche in eine neue Phase gerückt. Diese Frage interessiert auch das hiesige Judentum in hohem Grade. Bekanntlich ist der jüdische Kultus in Frankreich seit - Napoleon als Staatsfunktion organisiert. Das neue Projekt Rouvier bezüglich dieser Trennung hat dem von seinen Vorgängern entworfenem manche mildernde Umgestaltungen widerfahren lassen. So beantragte Comb es die Föderierung der Kultusvereinigungen bloss auf das Territorium eines Departements zu beschränken, was lebhafte Angst unier den Juden hervorrief, da diese Bestimmung hauptsächlich dem jüdischen Kultus Abbruch zu tun geeignet wäre, weil die Juden in Frankreich sehr ungleichmässig verteilt sind. Das neue Projekt hingegen erkennt den Kultusvereinigurgpn das Recht zu, sich in den Grenzen von zehn Departements föderieren zu dürfen. Die Eröffnung von Tempeln soll nicht mehr einer besonderen Erlaubnis unterworfen sein. Auch sollen Ausländer als Kultusbeamte angestellt werden dürfen. Dies sind in allgemeinen Zügen die Hauptpunkte, welche auch für den jüdischen Kultus in Anwendung kommen. Das offizielle Judentum hitr verfolgt mit gespannter und ängstlicher Aufmerksamkeit die Verhandlungen über diesen Gesetzentwurf. Dieses neue Gesetz wird für das hiesige Judentum einen Wendepunkt bilden. Wenn manche Katholiken sich dahin äussern, dass durch die Trennung die Religiosität nur gewinnen wird, da alsdann die Privatinitiative, der offiziellen Vormundschaft enthoben, sich gedeihlicher wird entfalten können, so dürfte man es getrost auch für die jüdischen Religionsinteressen mutmassen. Bisher waren die Rabbiner Bureaukraten mit allen diesem Stande anhaftenden Unzulänglichkeiten. Wenn man auch der offiziellen konsistorialen Botmässigkeit des Judentums manches Gute nachsagen muss, insofern, dass diese allzuarge Reformäfferei nicht einreissen Hess, so tat sie andrerseits herzlich wenig für die Belebung und Vertiefung des jüdisch religiös-nationalen Gefühls unter der heranwachsenden Jugend. Unter dem neuen Regime werden die Rabbiner mehr als Seelsorger und geistliche Hirten angesehnen werden, denn als Regierungsbeamte, und folglich Gelehrsamkeit und persönliche Tugenden eher zu solchen Würden verhelfen. Auch den eingewanderten Juden wird dadurch die Möglichkeit geboten, auf die Gemeindeangelegenheiten einwirken zu können. Auf die Wählerstimmen angewiesen, unter denen nach und nach die Einwanderer das Gros auemachen, werden auch die französischen Juden den moralischen Anforderungen derselben Rechnung tragen müssen. Dadurch wird auch ein näheres Zusammenwirken, ein engeres Anschliessen der französischen und eingewanderten Juden bewirkt werden. Dieser wichtige Gesetzentwurf hat die hiesigen Juden aufgerüttelt, eo dass es hie und da rege zu werden anfängt. Sie wittern die Gefahr und suchen derselben vorzubeugen. Diese Gefahr erscheint um so grösser, als Protestanten sowohl als Katholiken eine eifrige Proselytensucht an den Tag legen. Juden von zartfühlender, für religiöse Spekulation eingenommener Natur, welche vom Elternhause aus keinen religiösen Halt mit ins Leben genommen haben, fallen leicht dieser Proselytensucht anheim, namentlich wenn der Betreffende von irgend einem Unglücke heimgesucht wurde. So kenne ich einen Fall, wo ein gebildeter Jude, nachdem er ein heissgeliebtes Ktnd verloren hatte, im protestantischen Religionsbekenntnisse Trost suchte. Spicher Fälle gibt es mehr als man sich denkt. Die „Archiv es Israelit es** veröffentlichten neulich einen Mahnruf an die französischen Juden, indem sie auf den immer zunehmenden Indifferentismus hinweisen, und verlangten, dass Wandel geschaffen werde. Diese Anregung hat auch Anklang gefunden. Mehrere Zusammenkünfte von hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten folgten aufeinander, bei denen mehrere Anregungen in Erwägung gezogen wurden, worüber ich in meinem nächsten Briefe Näheres mitteilen werde. Vom zionistischen Standpunkte aus betrachtet, kann uns diese Trennung von Staat und Synagogenichtverdriessen. Der Wellenschlag des Zionismus hat das franzöische Judentum bisher nur wenig gestreift. Nicht dass die Juden hier keinen Sinn und kein Verständnis für allgemein jüdische Interessen hätten. Soviel steht fest, dass auch im Schosse der „I. C A.* es eben die französischen Mitglieder sind, die der Kolonisation Palästinas ein gewisses Interesse entgegenbringen, und auf deren Antrieb die „I. CA." überhaupt ihre Aufmerksamkeit der Palästinakolonisation zugewendet hat, entgegen den englischen wie auch den anderen Mitgliedern, die sich heftig dagegen sträubten. Ich kenne auch in keinem anderen Lande einen mit gleicher Würde bekleideten Rabbiner, wie Herrn Zadoc-Kahn, der offen heraus seine Sympathien für den Zionismus bekundete. Aber die offizielle Organisation des Judentums verschuldet es, dass die Rabbiner als öffentliche, vom Staate besoldete Beamte, keine zionistische Initiative einschlagen konnten, während die französischen Juden eben durch diese Organisation daran gewöhnt wurden, für jedes jüdische Unternehmen die Weihe des offiziellen Vorstandes zu verlangen. Anerkanntermassen bilden die östlichen Juden das Reservoir, aus dem dem verkümmernden, dahinsiechenden Judentume des Westens neues Leben zugeführt wird. Dieser Verjüngungsprozess wurde bisher durch die offizielle Organisation des Judentums hintangehalten. Jetzt aber, von den Fesseln der offiziellen Obhut befreit, wird der Zionismus, durch die östlichen Juden fortgepflanzt, auch unter den französischen Juden hoffentlich einen günstigen Boden finden. Paris. J. Carny. Die Eröffnung der wissenschaftlichen Kurse Uber Zionismus in Kothen. Sonntag den 26. März wurden die Ferienkurse für koloniale Technik durch einen Begrüssungsabend eröffnet. Der Oberbürgermeister von Kothen, Herr Schulz, erklärte zuerst die Entstehung und die Zwecke der Ferienkurse, dankte sodann der zionistischen Palästinakommission, ohne deren Mithilfe das Werk nicht zustande gekommen wäre und brachte schliesslich ein Hoch auf den Landesherrn, den Herzog von Anhalt, aus. Als zweiter sprach Dr. Foehr, Direktor der Köthener Akademie und dankte allen denen, die aktiv oder passiv an den Ferienkursen teilzunehmen beabsichtigten. Dass es gerade das Köthener Institut sei, welches als erstes derartige Kurse abhalte, habe seine Ursache darin, dass es ein modernes Institut sei und alle modernen Bestrebungen nach Möglichkeit fördern wolle. Sein Trinkspruch galt der Köthener Akademie. Namens der zionistischen Palästinakommission sprach Professor Dr. Warburg, Er schilderte die Notwendigkeit einer Kolonisationspolitik und verglich die beiden modernen kolonialen Bestrebungen der Jetztzeit, die deutschnationale und die jüdischnationale — die zionistische. — Er erhob sein Glas auf ein gutes Gelingen der Kurse. Dr. K 1 e e, der nach Professor W a r b u r g das Wort nahm, erklärte kurz die zionistischen Bestrebungen. Ferner verwies er darauf,