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Die Welt · 1905-04-14 · 15 (14.4.1905) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 15 „m* * Weit11 Seite 7 sammen. Zweimal schon wurde ich hier verwundet, vielleicht; werde ich noch sogar getötet werden, meine Gattin und meine Kinder aber werden aus Kiew davongejagt. Kiew bildet doch einen Teil des Vaterlandes, für welches ich kämpfe und blote .. .* Aber selbst Juden in staatlicher Stellung gegenüber erlauben sich Vertreter der Behörden in einer Weise zu benehmen, welche deutlich dafür spricht, dass unter den Regierungsbeamten die Ansicht herrscht, dass diese straflos drangsaliert werden können. Der Polizeileiter des zweiten Bezirkes im Gouvernement Poltawa, Lugowoi, teilte dem Gouverneur Fürsten Urussow amtlich mit, dass im Bezirke Matechecha der .Scharlach herrscht und der sländische Arzt Na tan söhn der Bevölkerung keine ärztliche Hilfe erweisen will. Die auf Befehl des Gouverneurs vorgenommene Untersuchung stellte aber fest, dass die amtliche Anklage Lugowois gegen den jüdischen Arzt Natansohn völlig aus der Luft gegriffen war. Der Scharlach war im Bezirke gar nicht aufgetreten . . . Derartige Fälle stehen jedoch nicht vereinzelt da. Fast täglich liest man in den Blättern von Klagen, welche von den Behörden mutwillig gegen unschuldige Juden erhoben werden. D«e jüdische Gemeinde von Petersburg hat nach langen Bemühungen erst dieser Tage vom Ministerium des Innern die Erlaubnis zum Bau einer neuen Synagoge erhalten. Sie wird im Stadtteile Peski errichtet werden. Die Petersburger Juden, deren Zahl sich auf 60.000 beläuft, hatten bis jetzt nur eine Synagoge, so dass sie ihre religiösen Bedürfnisse so gut wie gar nicht befriedigen konnten. Gt. Brief aus Odessa. „Golus* — das ist die einzige Bezeichnung dafür, was hier vorgeht: 15 Jahre hatte Odessa keinen gewählten Rabbiner und die offiziellen Vertreter der grossen und intelligenten Judengemeinde fanden es scheinbar ganz in der Ordnung, denn sie unternahmen nicht«?, um eine Wahl herbeizuführen, selbst dann noch nicht, als der sattsam bekannte Kr eps der Gemeinde aufoktroyiert wurde. K r e p s tat alles das, was in der jüdischen und sogar russischen Presse oft genug angenagelt wurde und die hiesige Aristokratie ballte die Faust in der Tasche, veranlasste hie und da einen Artikel gegen Kr eps, aus welchem sich derselbe nichts machte, und von Rabbinerwahlen war dennoch keine Rede. Aber der Odessaer Bürgermeister Herr Seleny kümmerte sich endlich darum, setzte eine Wahl durch und Gg. T j o m k i n wurde gewählt. Eine Denuntiation flog nach Petersburg mit Unterschriften, von denen die Unterschriebenen öffentlich erklärten, dieselben nie gegeben zu haben. Da seitens der Aristokratie nichts unternommen wurde, dauerte natürlich die Erledigung der Denuntiation mit den gefälschten Unterschriften ziemlich lange und Herr Kr eps blieb ruhig Rabbiner. Nach Jahr und Tag kam nun jüngst die Entscheidung des Senats, dass der Bestätigung Tjomkins nichts im Wege stehe. Die Aristokratie versammelte sich endlich, um darüber zu beraten, auf, welche Weise man vom Stadthauptmanne, von dem nun einzig und allein die Bestätigung Tjomkins abhängt, dieselbe erlangen sollte. Die Versammlung nahm — man höre und staune — folgende Resolution an: „In Anbetracht dessen, dass sich die allgemeine Lage in Russland bald ändern wird und die Juden vollständig frei in der Anstellung von Rabbinern sein werden, beschliesst die Versammlung, abzuwarten bis man auf diese Weise K r e p s loswerden wird (26 für, 4 gegen).u Herr K r e p s kann also bis auf weiteres für seine einträgliche Stellung unbesiegt seia. Wieviel Initiative und Selbstbewusstsein unsere Aristokratie sonst besitzt, sieht man aus folgendem : Als man hier um die vorigen Ostern mit Bestimmtheit einen „Pogrom* erwartete, waren es . icht Juden, sondern Seleny, der durch energische Vorstellungen beim Stadthauptmanne denselben hintanhielt, und als man aufhören wollte, Judenkinder in die hiesigen Volksschulen aufzunehmen, so mukste kein Jude darüber, aher der Duma- Abgeordnete Drago (Christ) setzte sich dafür ein, dass Judenkinder dasselbe Recht in den hiesigen Volksschulen behielten, wie christliche und rettete auf diese Weise tausende Judenkinder von der drohenden Katastrophe. Charakteristisch — gelinde gesagt — ist auch folgendes : Odessa zählt zirka 175.000 Juden (V, der Gesamtbevölkerung). Diese grosse, intelligente Gemeinde besitzt weder passives, noch aktives Wahlrecht für die Duma (Rathaus). Die Interessen der jüdischen Bevölkerung werden dort von fünf Juden, welche vorgeschlagen und vom Stadthauptmann eingesetzt werden, vertreten, das heisst sie sollen von denselben vertreten werden. Wie diese Vertretuog geschieht, will ich nun zu schildern versuchen. Es wurde beschlossen, die Geschäftsstunden für Sonntag zu kürzen. Und da wurde in der Duma — von christ licher Seite natürlich — die Frage aufgeworfen, ob man nicht den Juden, welche am Samstag ihr Geschäft nicht betreiben, Sonntags mehrHandelsstunden einräumen solle,daja sonst ihre Interessen mit den christlichen Kaufleuten verglichen, erheblich leiden. Christen sprachen pro und kontra. Und die jüdischen Abgeordneten? Drei von ihnen besuchen die Duma überhaupt nicht und hielten sich auch an diesem Tage wohlweislich von der Sitzung fern. Die Herren Buchstab und Chajes haben aber so viel mit der Wasserleitung und der Tramway, auf welchem Gebiete sie auch was Tüchtiges geleistet haben, zu tun, dass sie für die Interessen der jüdischen Kaufleute keine Zeit, und was bei dem redseligen Herrn Buchstab das Merkwürdige ist, auch keine Worte finden konnten. Und als einige christliche Abgeordnete den Antrag einbrachten — die Duma möge beim Minister des Innern darüber vorstellig werden, dass 175 000 Juden unmöglich durch 5 nicht gewählte Abgeordnete vertreten sein können, dass die Interessen der jüdischen Bevölkerung erheblich darunter leiden und die Odessaer Duma daher den Herrn Minister ersuche, den Juden gleiches Wahlrecht mit der christlichen Bevölkerung zu gewähren — da war es der Christ Drago, der den Antrag begründete. Die redegewandten Herren ßuchstab und Chaj es aber fanden wiederum keine Worte. Für die speziellen, meist rituellen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung besteht in der Duma der sogenannte »jüdische Tisch", dessen Vorsteher der Antisemit Dox ist. Hier halte ich es für notwendig zu erklären, dass dasjenige, was nun folgt, die reinste Wahrheit ist, denn man könnte sonst annehmen — ich phantasiere. Herr Dox stellte gegen den Willen d e r G e m e i n d e drei orthodoxe Rabbiner an, die nun auf sein nirröc zwischen trefe und koscher entscheiden und die Vertreter der jüdischen Bevölkerung erheben dagegen in der Duma keinen Protest. Durch private Anfrage versprach zwar Herr Dox seine Rabbiner wieder abzusetzen, tut es aber dennoch nicht. Die Schweinereien — gelinde gesagt — des Herrn Dox veranlassten sogar das russische Blatt „Odessk'ja Nowostiu zu einer grösseren Artikelserie und in der Duma wurde sogar deswegen eine Interpellation angekündigt, aber die jüdischen Abgeordneten schweigen still. Und was sagt die jüdische Aristokratie dazu? Vor einigen Tagen fanden die Dumawahlen für diß nächsten vier Jahre statt. Der Minister des Innern gestattete diesmal, auf wiederholtes Ersuchen S e 1 e n y s, acht Juden einzusetzen. Da erschien in der „Jushnoe obosrenje" ein Artikel, worin die Juden aufgefordert werden (seitens eines russischen Blattes!) die Versammlungsfreiheit vor den Wahlen auszunützen, um a«ht Juden, wirkliche Vertreter der hiesigen Judenschaft _ der Artikel nannte sogar ach* sehr ernst zu nehmende Männer — zu wählen und dem Stadthauptmanne zur Bestätigung vorzuschlagen. Worauf

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