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Die Welt · 1905-04-14 · 15 (14.4.1905) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 lfbit # Weit" Nr. 15 stimmter Richtung zu gruppieren und zu klaren, unsere Gedanken schärier zu umgrenzen. Wenden wir uns nun zu den Kräften im Voikerleben, so will ich, um nicht zu ausführlich zu werden, nur im Vorbeigehen erinnern, welche gewaltigen Kräfte, materielle und geistige, die durch die Kreuzzüge eingeführte Spannung sowohl im Orient, als auch im Okzident lebendig gemacht hat, welche Kräfte durch das Potential der Columbusfahrt lawinenartig bis in die heutige Zeit auf die -alte un-d die neue Welt wirken. Aber auf ein sehr instruktives Beispiel aus der neueren Zeit will ich doch eingehen. Bekanntlich Hessen die Japaner mehrere Jahrhunderte kuig keine Fremden ins Land, und ihnen selbst war ein Verlassen des Landes bei Todesstrafe verboten.. Da erzwangen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts einige amerikanische Kanonenboote den Zutritt, indem sie durch eine viertelstündige Kanonade einige hundert Japaner töteten. Aber die Japaner sagten sich: Wenn unsere ganze, durch Jahrhunderte gefestigte kriegerische Tüchtigkeit durch einige fremde Männer zu nickte gemacht werden kann, ohne dass diese selbst dabei auch nur ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen brauchen, dann müssen wir uns diese Kunst ebenfalls zu eigen machen. Diese Kanonenschüsse und der dadurch -erzeugte Wunsch, im Verhältnis nicht bedeutender, als der Flügelschlag der Krähe bei Bildungder Lawine, hat Spannkräfte aktiv gemacht und ausgelöst, deren, Wirkung aus Ost und West, so gewaltig sie auch bereits sind, doch heute erst in ihrem Beginn stehen. Und je länger und gewaltsamer die Spannkräfte gebunden waren, um so explosionsartiger traten sie in Aktivität, nachdem ein Lnergiegefälie einmal geschaffen, eine Bewegungsrichtung gegeben war. Auch an Bismarck unid Herzl sehen wir, dass sie keineswegs neue Kräfte geschaffen, sondern nur aufgespeicherte Spannkräfte durch Einführung von Spannungen in aktive Kraft umgewandelt, sie in bestimmte Richtung dirigiert haben. Bismarck hätte nie das Deutsche Reich geschaffen, wenn der Wille nicht schon vorher im Deutschen Volke gelebt hätte, allerdings ohne ausreichendes Lnergiegefälle. Und so stand es auch um den vorherzischen Zionismus. Der Wille, die Spannkraft, waren vorhanden, aber Herzl hat erst durch Schaffung der Bewegungsriclitung ein Lnergiegeiälle hergestellt. Wie die Menschen- und Material-verluste der Kreuzzüge, wie die Tötung einiger hundert Japaner durch die amerikanischen Kanonen, so liatte auch die Ausscheidung der Chowewe-Zionisten auf den ersten Kongressen keine Verringerung, sondern eine Verstärkung der aktiven Kraft zur Folge. Wir lernen also daraus, dass es nicht gerechtfertigt ist, im Interesse einer Sache etwa gebotene Spaltungen selbst unter vitalen Opfern unter allen Umständen vermeiden zu wollen in der irrigen Voraussetzung, dass durch Spaltungen stets eine Verminderung der lebendigen Kraft stattfinde. Wenden wir nun diese Ueberlegungen auf meine Behauptung an, dass durch die Annahme des britischen Angebotes für den Zionismus neue lebende Kräfte frei werden würden, die der schnelleren Erreichung des zionistischen Endzieles zu gute kämen. (Fortsetzung folgt.) Aus Russland. Die von uns erwähnte Denkschrift, welche die bedeutendsten jüdischen Gemeinden Russlands dem Ministerkomitee unterbreitet haben, liegt nun in den russischen Blättern im Wortlaute vor. Ueber die Lage unserer Volksgenossen im Zarenreiche enthält die Denkschrift interessante Details, welche verdienen, reproduziert zu werden. Esheisst darin unter anderem: „Ungeachtet der Massenauswanderung über den Ozean gibt es in Russland derzeit dennoch 4,200.000 Juden, die in Städten und Flecken zwangsweise angesiedelt sind, und nur 700.000 Juden sind in den Landgerneinden des Niederiassungsgebietes verteilt. Obgleich die Juden in den Städten fast 60 Prozent der Gesamtbevölkerung und fast 90 Prozent aller städtischen Steuerzahler bilden, so sind sie dennoch von der Verwaltung der Städte ausgeschlossen und sind gezwungen, ihre Wohlfahrt einer städtischen Verwaltung anzuvertrauen, der die Bedürfnisse der jüdischem Bevölkerung vollkommen fernstehen und fremd sind. Es ist schwer, alle gesetzlichen und administrativen Beschränkungen aufzuzählen, welche den Juden schon von der Geburt an umgeben. Nur ein verschwindend kleiner Teil vermag sich Mittelschulbildung anzueignen, ein Bruchteil wird zur Universitätsbildung zugelassen und dieser Bruchteil ist durch Beschränkungen der Rechte diplomierter Juden gänzlich verhipdert, höhere Berufsarten auszuüben. Es kann daher bei allseitiger Beschränkung der Freizügigkeit und der Wahl der Berufsarten nteläjfewunderaehmen, wenn die Juden im Ansiedlungsrayon eigentlich nur eine halbverhungerteMasse darstellen, zum grössten Teil aus Bettlern zusammengesetzt, die der öffentlichen Armenpflege bedürfen. Solche Proletarier bilden in kleineren Städten und Flecken ein Fünftel der dort ansässigen jüdischen Familien, in grösseren Städten, wie Wilna und Berditscruw, biJden sie ein Viertel bis ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Ein so grosser Pauperismus ist unerhört und in ganz Westeui opa gibt es keine solchen Zahlen für den Pauperismus. N eben diesen Bettlern hat sich im jüdischen Niederlassungsgebiet ein Handwerker¬ und Arbeiterproletariat gebildet, weil die jüdischen Arbeiter ur d Handwerker, der Freizügigkeit vollkommen beraubt, für Hungerlöhne arbeiten müssen, wenn sie nicht betteln gehen wollen. Aus dieser verzweifelten Lage der Juden im Niederlassungsgebiete kann sie nur die Gewährung der Freizügigkeit, der freien Wahl des Berufes, des Rechtes auf Bildung und des Rechtes, überall Eigentum erwerben zu dürfen, Rechte, welche überall jedem Staatsangehörigen von selbst gewährleistet sind, endgültig befreien." Die tristen Schilderungen und die bescheidenen Forderungen, welche diese Denkschrift enthält, haben auf den besonnenen Teil der russischen Gesellschaft grossen Eindruck gemacht. Aber schon beeilen sich die führenden Pressorgane der russischen Judenfeinde, diesen Eindruck abzuschwächen. Die „Nowoje Wremja" zum Beispiel ermahnt sogar das Ministerkomitee, welches demnächst die Frage der Aufhebung der Beschränkungen der Juden in Beratung ziehen soll, in erster Reihe nur die Interessen der Russen, aber keineswegs die der Juden wahrzunehmen. Und ein Militär aus dem Lager der „Nowoje Wremja" scheut sich nicht, gegen die Juden die Verleumdung zu erheben, dass sie im Kriege von 1877 aus allen Regimentern desertierten, die zum Abmarsch auf den Kriegschauplatze bestimmt waren. Das wagt der Militär zu behaupten, während sogar Gurko, Skobelew und Generai Nepokoitschitzki die Bravour der Juden im Kriege von 1877 rückhaltlos anerkannt hatten. Die Ansichten der „Nowoje Wremja* über den Juden als Soldaten werden leider von vielen massgebenden Faktoren geteilt. Eine Illustration dafür bietet der Brief, welchen ein im fernen Osten in den Reihen der russischen Armee kämpfender jüdischer Soldat an seine im Niederlassungsgebiete lebende Gattin gerichtet hat. Dieser, von den „Odesskija Nowosti* reproduzierte Brief lautet wörtlich : „Geliebte Frau! Deinen Brief habe ich gelesen und daloei geweint. Du schreibst, dass du mit den Kindern hungern und daher zu deinen Eltern nach Kiew reisen willst. Das scheint mir aber noch viel schrecklicher als das Hungern. Kürzlich las ich einen Brief der Gattin meines Regimentskameraden Simcha. Sie teilt ihm mit, dass sie mit ihrer Tochter sich zu ihrem in Kiew lebenden Bruder begeben hat, aber nach wenigen Tagen die Stadt verlassen musste, und zwar aus folgenden Gründen. In der Wrohnung ihres Bruders wurde in der Nacht eine polizeiliche Streifung vorgenommen, um nach Judevzu fahnden, welche sich in Kiew ungesetzlich aufhalten. Sie und ihre Tochter versteckten sich hinter einem Kleiderschrank, wurden aber von der Polizei entdeckt. Der Polizeiaufaeher nahm die Mutter bei der Hand und befahl ihr, ihm zu folgen. Das war gegen zwei Uhr nachts. Die Unglückliche weinte und bat den Polizisten flehentlich, er möge sie freilassen, da ihr Gatte sich auf dem Schlachtfelde befinde und sie ausser ihrem Bruder niemanden habe, bei dem sie Uuterkunft finden könnte. Der Polizeimann schrie sie aber barsch an : „Gehe, gehe nur, du Jüdin, und halt das Maul lu Man brachte sie zum Polizeiamt, wo sie den Befehl erhielt, mit ihrer Tochter Kiew sofort zu verlassen. Und deshalb hatte ich geweint. Es kam mir vor, dass derselbe Polizeimann dich und die lieben Kinder in der Nacht aus dem Schlafe weckt und euch nach dem Polizeiamte schleppt, dich mit Schimpfworten traktiert und du bitterlich weinst. Und das Herz schrumpfte mir bei diesem Gedanken zu-

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