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Die Welt · 1905-04-14 · 15 (14.4.1905) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 „&ie # weit" Seite 5 ergreift die Initiative zur Errichtung eines lokal-jüdischen, zentral-kollegialen Organes in Palästina, das die palästinensische Judeuheit zusammenschliessen und vereinigen und als rep rase nt a t i■ ve Körperschaft und Besch üt z e r d e r jüdischen Interesse n in Palästina gelten soll." Aber mit dieser ersten politischen Tat haben sie gleich ihre gefährliche Unfähigkeit zu dieser Arbeit bewiesen. Ich will hier garnicht die materielle Seite der Frage erörtern, ob die Durchführung dieses 'Beschlusses möglich und nützlich ist. Aber seine ■Veröffentlichung ist ja der sicherste Weg, um die türkische Regierung mit MjfBffau-en zu erfüllen, die Ausführung zu vereiteln und den palästinensischen Juden das Leben zu erschweren. Ist es Herrn Ussischkin denn nicht mehr erinnerlich, wie die türkischen Behördein sich zu der ähnliche Zwecke verfolgenden, unter seiner Leitung während des VI. Kongresses tagenden Konferenz gestellt haben? Die Herren handeln ja wie die Verschwörer in der Oper, die, bevor sie zur Tat schreiten, den Plan erst in einer lauten Arie in die Welt hinaussingen! Sie haben gehandelt wie der Zauberlehrling, aber leider ist der Meister nicht mehr da, der mit seinem „In die Ecke, Besen" den Spuck bannen könnte. Wenn Sie nach den bisherigem Ausführungen bereit sein sollten, mir zuzugeben, dass es nicht nur nicht die Grundprinzipien des Zionismus verletzt, sondern ihm sogar förderlich sein könnte, dass wir den Charter von der britischen Regierung annehmen und uns auch dann noch seitweit mit ihm beschäftigen, um eine zweckdienliche und, der Bedeutung der Sache entsprechende Verwertung zu sichern, so wird mir doch sehr bald der zweite der ins Auge gefassten Einwände entgegentreten: „Wenn Ihr wirklich nur so unpolitische Ziele verfolgt, wozu braucht Ihr dann die Autonomie?" Auf diese Frage muss zuvörderst daran erinnert werden, dass in dem Schreiben von Sir Clement Hill nur die Rede ist von der Gewährleistung voller Bewegungsfreiheit an die Kolonie für Munizipalgesetzgebung undfür die Ordnung d€r. religiösen u n d ausschliesslich innerem Verwaltungsangelegenheit e n. Munizipale Autonomie ist das, was wir in, Deutschland mit kommunaler Autonomie bezeichnen würden, nur über das ganze Gebiet ausgedehnt, und diese allein interessiert uns als die wichtigste und unerlässliche Vorbedingung für die Errichtung eines Gemeinwesens auf sozialliberaler, d. h. boden reformerisch er Grundlage. Auf .die öffentlich-rechtEclie Sicherung, und somit auf irgendwelche politische Aspirationen können wir hier, wie ich bereits vor einigen Wochen in der Rundschau bemerkt habe, ruhig verzichten, denn die englische Freiheit ist genug öffentlichrechtliche" Sicherung. Mr. Greenberg weist auch auf Herzls wohlerwogene Absicht bei der Abgrenzung dieser Autonomie hin. Es ist -dies nämlich, der einzige Weg, um das überlasseue Gebiet de facto auch für die Juden zu reservieren; denn es wäre eine staatsrechtliche Ungeheuerlichkeit und Rann natürlich der englischem Regierung nicht zugemutet werden, dass sie aus einem englischen Territorium englische Bürger ausdrückten und formell aussen Ii es st Die munizipale Autonomie soll also ermöglichen, dass die. selbst gegebenen Gesetze und Einrichtungen speziell den jüdischen Bedürfnissen angepasst sind; ich erinnere nur am die. Möglichkeit, den Sabbath als gesetzlichen Ruhetag eir^uführen. Diesem Zwecke dient auch der jüdische, im übrigen von der Regierung zu ernennende "oder zu bestätigende .Oberbeamte. Also auch die munizipale Autonomie kann uns von unserem zionistischen Standpunkte aus nicht mit Misstrauen gegen das Angebot erfüllen. Kommen wir.also zum letzten der drei Einwände: „Dem Zionismus; und der Palästinaarbeit werden Kräfte entzogen werden," dem ich d/ie Behauptung entgegenstelle: „Dem Zionismus werden im Gegenteile neue Kräfte zuflliessen. Schon vor einigen Wochen habe ich in der Rundschau in Kürze behauptet, dass nach den Gesetzen der Energetik durch eine jüdische Besiedelung des ostafrilvanischcn Gebietes im Gegenteil gerade gewaltige, jetzt im Volke latent ruhende materielle und. geistige Spannkräfte durch Umwandlung in lebendige Kraft frei werden und dem Zionismus zu gute kommen würden. Das ist damals in der knappen Andeutung, wie mir gesagt wurde, nicht verstanden worden. Ich möchte dalier hier an einer aufsteigenden Reihe von Beispielen zeigen, dass die Gesetze der Energetik nicht bloss für die materiellen Naturkräfte, sondern auch in der organischen und geistigen Welt, im Leben des Einzelnen und im Volke rieben, Geltung haben. Ganz kurz muss ich an das Gesetz von der Erhaltung der Kraft erinnern, Sie wissen, dass Kraft weder neu hervorgebracht, nocli zerstört werden kann. Wo wir eine Kraftwirkung auftreten sehen, da handelt es sich in Wirklichkeit nur um die Umwandelt!ng aus Spannkraft in lebendige Kraft oder umgekehrt. Wärme kann jederzeit zu Kraft, Kraft zu Wärme d. h. zu Spannkraft werden. Wärme kann aber zur Arbeitsleistung nicht verwendet werden, sie muss erst in Kraft verwandelt werden. Das ist in manchen Fällen möglich, in anderen Fällen nicht. Die in der Kohle aufgespeicherte Wärme oder Spannkraft kann man durch Verbrennen leicht in Kraft umsetzen, die Maschinen treibt. Die im Jordanwasser aufgespeicherte Spannkraft würde, wie man berechnet hat, ausreichen, um Tag und Nacht beständig 30 Eisenbahnzüge mit 100 km Geschwindigkeit in der Stunde durch ganz Palästina zu fahren. Dagegen kann die ungeheure im Meerwasser aufgespeicherte Wärmemenge nicht einmal! zur Fortbewegung eines einziges Schiffes benutzt werden, sondern wir sind für ewige Zeiten dazu auf fremde Kräfte wie Wind und Kohle angewiesen. Warum vermögen also die verhältnismässig kleinen Wärmemengen der Kohle und des Jordans so grosse Arbeit zu leisten, während die unvergleichlich grössere Wärmemenge des Meerwassers nicht in lebendige Kraft umgewandelt werden kann? Die Autwort lautet: Beim Jordan besteht eine Spannung, und bei der Kohle ist sie durch Anzünden leicht einzuführen, die man als Getällie der Energie bezeichnet; dagegen ist beim Meerwasser kein Spannungsgefälle vorhanden, und wir haben auch keine Möglichkeit, ein solches einzuführen. Die Spannkräfte des Meeres sind also als Arbeitssklaven nicht brauchbar, weil man kein Mittel hat, sie in lebendige Kraft umzusetzen, sie in eine bestimmte Beweigungsrichtung zu zwingen. Die auslösende Spannung oder das Potential, wie man sie nennt, braucht aber mit der erzielten Kraft durchaus in keinem Verhältnisse zu stehen. Der 'Fingerdruck eines Kindes auf den Knopf einer elektrischen Leitung genügte, die Spannkraft grosser Dyiianiitmengeii in lebendige Kraft umzuwandeln und damit gewaltige Klippen und Felsmassen vor dem New Yorker Hafen zu sprengen. Der Flügelschlag einer Krähe rn Hochgebirge entfesselt aus vorhandener Spannkraft die lebendige Kraft der Lawine. Wenn ich nun daran gehe, Ihnen die Geltung dieses Gesetzes auch in der organischen Welt und auf geistigem Gebiete zu zeigen, so kann ich hier naturgenuiss keine mathematischen Beweise bringen, sondern nur die Anschauung sprechen lassen. Wir alle haben es off an uns erfahren, wie im Laufe einer Diskussion, eines Wortstreites, der Gegenstand uns selbst oft klarer wird, wie die eigene Vorstellung präzisere Formen gewinnt, wie wir die Sache schärfer und vielseitiger umfassen und darstellen können, obwohl der Gegner uns in keinem Punkte überzeugt, obwohl er uns kein e i n z ig es neues E 1 e m e n t d e Erkenntnis z u g e f ü h r t hat. Ia wir können trotzdem nach wie vor von der Unrichtigkeit aller von ihm angeführten Gründe überzeugt sein. Aber seine Einwürfe haben doch als Spannung oder Potential in unserem Vorstellungskreise ein Energiegefälle hervorgerufen bezw. das vorhandene Gefälle vergrössert, so dass es uns ermöglicht wurde, durch verstärkte aktive Denkarbeit das Material besser in be-

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