Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „bi? $ w^it Nr. 15 Zur Ostafrikafrage, Von Dr. E. Simonson. N (Fortsetzimg.) Aber nicht nur eine volkswirtschaftliche, sondern auch eine K u 11 u r v e r s u c h s s t a t i o n könnte eine auf dieser Grundlage aufgebaute Kolonie für uns werden. Vor allem als P f 1 a ji z s c h u 1 e f ü r j ü d i s c h e Juden. Es ist ja an Herzls Alt-Neuland nicht ohne Grund, getadelt worden, dass das Leben dort keine individuell jüdischen Züge tragt, dass seine Menschen keine Juden, sondern mitteleuropäische Klischees sind. Nun, in einer jüdischen Kolonie mit selbstgegebenen Gesetzen wird der Typus des heutigen Assimilationsjuden sehr bald aussterben. Es wird sich ein -Schlag von aufrechten Juden herausbilden, die ihre Lebensgesetze ihrem eigenen Wesen entnehmen, die sich das Schielen abgewöhnen, indem sie nicht mehr bei jeder Betätigung erst fragen: Wie denkt der Herr Christ darüber? Gerade diese Typen sind es ja, die uns Zionisten stets entgegenhalten: „Ich möchte nicht immer unter lauter Juden leben." Ich auch nicht, so lange sie von der Art sind, die sich so aussprechen. Wohl aber möchte ich in einer solchen Kolonie unter jüdischen Vollmenscheu leben, die den sich und andere zersetzenden, falsch verstandenen Kosmopolitismus abgelegt haben, die aber aller Menschen und Völker Freund sind, weil sie vorerst sich selbst, ihre eigene Persönlichkeit wiedergefunden haben. Dort wird Peter Scblemiehl seinen Schatten wiederfinden und dann als ganzer Mensch sich zum Heimwege rüsten. Dort wird ein Stamm von Pionieren für die einstige Besiedlung Palästinas wachsen, und ich spreche die zuversichtliche Ueberzeugung aus, dass in einer solchen Kolonie die Zahl der Schekelzahlor gleich der Zahl der Bewohner sein wird. Aber nicht nur eine Versuchsstation für spezielle j ü d is c h c Kultur, sodern auch für allgemeine 'Menschheitskultur würde die Kolonie uns werden können. D e n n eine E m p o r f ü h r u n g unserer h e u ti g! e n rl a 1 b - k u 1 t irr zu wahrer, ganzer Kultur k a n nw e d e r u ii t c r <1 e m Joch des Kapitalismus n och i n d e r Sklaverei des K o m m u n i s m u s z u s t a n, de k o mmeii, sondern nur bei der Vereinigung vo n individualistischer Wirtschaftsweise mit sozialistischer — nicht kommunistischer — Vergesellschaftung des Bodens kann dieses Ziel erreicht werden. Nur auf diesem Grunde kann eine Lösung des erhabensten und grössten Problems der Menschheit sich anbahnen, das identisch ist mit dem Problem wahrer Kultur, das das letzte Ziel aller Menschheitsentwicklung bedeutet: des Problems des individuellen Lebens, des Problems der freien- Persönlichkeit. In seinem Staatsroman „Freiland4 hat Theodor Hertzka, wie ich glaube, mit Glück, zu zeigen versucht, wie sich die Lösung dieses Problems in einer nach boclen-reforrnerischen Grundsätzen organisierten Gesellschaft von selbst gestalten würde, und unter diesem Gesichtswinkel ist das Buch der bedeutendste unter allen Staatsromanen. Selbstverständhch kann hier nur von einer Lösung des Problems für die Gesamtheit die Rede sein, wie sie den uralten, altruistischen, Instinkten der jüdischen Volksseele entspricht. Denn einzelne haben die Lösung für ihre Person zu allen Zeiten gefunden. Ich habe es nie verstehen könen, wie bewusste Juden eine Befriedigung im Anschluss an allerlei neue Gemeinschaften finden konnten, die sich mit dem Problem des individuellen Lebens abfinden zu können glauben, indem sie es mit vornehmer Exklusivität für ihre Person oder Gruppe lösen. Diese Lösung ist seit Epikurs Zeiten oft gefunden worden, es gehört dazu oft vor allem besondere Vorsicht in der Wahl der Eltern. Aber die jüdische Volksseele, die Piatos erhabene Gedanken mit Begeisterung aufnahm und vieles andere von Griechen und fremden Völkern ihrem Wesen bereitwillig assimiliert hat, sie hat mit untrüglichem Instinkt die neue Gemeinschaft Epikurs mit solchem Abscheu als ihrem ureigenen Wesen fremd von sich gewiesen, dass noch heute die Benennung „Apikaurcs" als die ärgste Beschimpfung und als Bezeichnung für einen Abtrünnigen, gilt. Also auch eine Kultur Versuchsstation kann die neue Kolonie uns werden. Aber warum soll diese volkswirtschaftliche und kulturelle Versuchsstation nicht wie die landwirtschaftliche in Palästina möglich sein? — In der letzten Nummer der „Jüdischen Rundschau" hatten wir wieder einmal Gelegenheit zu dem Versuche, die Gedankengänge Herrn Feiwels und seiner engeren Freunde über die Möglichkeit zionistischer Arbeit in Palästina ohne vorherige öffentlich-rechtliche Sicherung verstehen zu lernen. Der Versuch ist mir, und wohl auch anderen, wiederum nicht gelungen. Das Denken der Herren bewegt sich in Bahnen, die an das schöne Kinderlied erinnern: „Wenn der Topf aber ein Loch hat, liebe Liese, liebe Liese? Stopf zu! stopf zu! lieber Heinrich, stopf zu! — Wenn der Sultan aber keine öffentlich-rechtliche Sicherung gibt? Dann stopfen wir das Loch mit Kleinarbeit zu. Wenn der Sultan oder auch jeder Pascha diese aber jederzeit stören kann, sobald sie einen nennenswerten Umfang erreicht? Dann bauen wir im Laude eine Plattform, von der aus wir mit ihm unterhandeln. Wenn er aber die Plattform nicht bauen lassen will, von der aus wir ihm als Macht entgegentreten könnten? Hier sind wir glücklich wieder bei der Frage angelangt: „Wenn der Topf aber ein Loch hat?" Der klaren Antwort in unserem Falile: Wir brauchen also eine vorherige öffentlich-rechtliche Sicherung, che wir erhebliche Kräfte aufs Spiel setzen, gehen allcrdingsllerr Feiwel ebenso wie dieWilnaer Konferenz und dieChowewe-Zion aus dem Wege. Eine Plattform, wie sie Herr Feiwel wünscht, habou wir ja in Russland. Unterhandeln wir also mit der russischen Regierung von Macht zu Macht! Eine solche Arbeit ohne Rechtsboden nennt Herr Feiwel Do ut des-Politik! Aber ein derartiges Traveiller pour le roi de la Turquie ist in Wirklichkeit nur eine Do-Politik ohne des! Wir sehen also, dass das, was seit Herzl als die Grundlage des Zionismus erkannt worden ist, was gerade als das entscheidende Moment die reinliche Scheidung zwischen Zionismus und Chowewe-Zionismus herbeigeführt hat, nämlich die Forderung vorheriger öffentlich-rechtlicher Sicherung durch -politischdiplomatische Tätigkeit, dass das auch heute noch unweigerlich die erste Grundbedingung bleiben muss. Ich brauche hier auf die Frage der Politik nicht näher einzugehen, denn das Notwendige darüber ist ja von Zlocisti in der „Rundschau" mit herzerquickender Deutlichkeit bereits gesagt worden. Es gehört nun einmal zum Wesen politischdiplomatischer Tätigkeit, dass sie nicht auf dem Markt liegt, sondern in den Händen weniger Leiter, denen ein' Vertrauen entgegengebracht werden muss, das sich nicht nach den Erfolgen abstuft und regelt, welche die Bilanzen einiger Monate oder Jahre erkennen oder nicht erkennen lassen; und die zionistische Partei zeigt einen bedauerlichen Mangel an Disziplin und politischer Reife, wenn sich Emanationen wie das Protokoll der Wilnaer Konferenz oder der Aufsatz des Herrn Dr. Felix Pinkus in einer der letzten Nummern der Brünner Volksstimme an die Öffentlichkeit wagen dürfen. Wenn irgend etwas, so zeigen diese Aeusserangen mit voller1 Schärfe, wie notwendig und nützlich die so oft zu Angriffen auf unseren verewigten Führer führende starke Hand Herzls gewesen ist — und noch wäre. „Chamberlain hat uns deswegen Ostafrika angeboten, um uns von einer Koalition mit der Türkei abzudrängen." Das ist die tiefgründige Politik, die Herr Dr. Pinkus auf gutem weissem Papier drucken zu lassen für erforderlich hält! In diesem Zusammenhange muss ich auch aus dem Protokoll der Wilnaer Konferenz, auf das ich später noch zurückkomme, schon hier einen Punkt herausgreife)!. Hier sind die Männer, die stets ein so überlegen-geringschätziges Lächeln für die politische Tätigkeit Herzls hatten, zum ersten Male selbst mit einer politischen Tat au die Oeffentliehkeit getreten, indem sie folgenden Beschluss fassten: „Der Kongress