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Die Welt · 1905-04-14 · 15 (14.4.1905) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 „bie * Weit11 Seite 3 3. die Gegenwartsarbeit muss alle Bedürfnisse der Masse berücksichtigen — die materiellen und die geistigen. Die Richtigkeit dieser Prinzipien kann nicht deduktiv, sondern muss unbedingt induktiv bewiesen werden, und zwar wollen wir einfach die Tatsachen, wie wir sie mit unseren Augen beobachten, sprechen lassen. Ad I. Wir haben in unserer Organisation verschiedene Gruppen, die voneinander in vielen Beziehungen sich unterscheiden. Und wenn wir die extremsten Gruppen herausholen wollen, so haben wir einerseits die Gruppe der Misrachi, d. i. der orthodoxen Zionisten, und andrerseits die Poale Zionisten, d, i. die Gruppe der zionistischen Arbeiter, die den fortgeschrittensten Ideen huldigen. Einerseits sehen wir die Misrachisten sich organisieren, Weltkongresse abhalten und nach einer einflussreichen Stellung innerhalb unserer Organisation streben. Andrerseits beginnen die Arbeiter mehr und mehr an Terrain zu gewinnen: sie haben ihre Zeitungen, ihre Vereine, ihre Organisation. Vom Standpunkte des zionistischen Staatsmannes, d. i. desjenigen, der den Zionismus als eine Volksbewegung, die alle Gruppen des Judentums umfasst, ausbauen will und dem alle Interessen, alle Energien, alle Strömungen, die zusammen eben ein ganzes Volk ausmachen, teuer sind — ein solcher war eben Dr. Herzl — kann man diese Erscheinung nur begrüssen. Man muss nur wünschen, dass diese zwei extremen Gruppen sich gut entwickeln sollen, selbstverständlich, jede in ihrer Peripherie. Misrachi hat ein grosses Feld zu bearbeiten. Die messianistischorthodoxe Masse kann dem Zionismus nur durch die Misrachi-Gruppe zugeführt werden, wenigstens vorläufig bei dem jetzigen materiellen und kulturellen Zustande dieser Masse. Wir müssen offen sagen: entweder wir verzichten überhaupt auf diese Masse für eine sehr lange Epoche, d. i. bis sie unter dem Einflüsse ökonomischer Veränderungen und langdauernder kultureller Einflüsse den Ideen der Freiheit, nationaler Widergeburt und Selbstemanzipation mehr Verständnis entgegenbringen wird, oder aber, wenn wir die Unterstützung dieser ungeheuren Masse für unser Werk sofort haben wollen, so müssen wir auf die Misrachisten rechnen. Ein nicht weniger ausgedehntes Arbeitsfeld haben die Poale Zionisten zu bearbeiten. In Russland allein existiert eine halbe Million Arbeiter, d. i. Fabriksarbeiter, Handwerkergehilfen und Lehrlinge, ungelernte Arbeiter, Handelsangestellte, In dieser Masse kann der Zionismus, soll er zu einer bewussten und organisierten Tätigkeit führen, nur die spezifische Form des Arbeiterzionismus annehmen. Die bisherige Propagandaform unter den arbeitenden Elementen hat uns wohl Schekelzahler gegeben — auch die nur wenig zahlreich — während wir organisierte und disziplinierte Zionistenbataillone brauchen. Wenn wir diese Masse nicht bald für unsere Ideen gewinnen, so sind wir sicher sie zu verlieren, indem sie allmälich zu den Ideen des internationalen oder altrussischen Sozialismus bekehrt werden wird. Diese Assimilation von unten ist fürs nationale Judentum viel gefährlicher als die Assimilation von oben, d.i. unserer finanziellen und intellektuellen Bourgeoisie. Wir gehen noch weiter: der Zionismus wird erst dann zu einer wahren Volksbewegung werden, wenn das arbeitende Judentum in seiner ganzen Totalität zu seinem Träger werden wird, dann erst wird er reelle und stabile Formell annehmen, dann werden wir felsenfeste Vereine, hunderttausende von Schekel* zahlern und eine ganze Masse von hingebungsvollen und aufopferungsfähigen Agitatoren unserer nationalen Idee haben,*) Wir meinen also, dass diese zwei extremen Gruppen nicht blos existenzberechtigt sind, sondern für die Ausbreitung des Zionismus der Höhe und der Tiefe nach gerade absolut notwendig sind. Nun entsteht die Frage, ob und wie diese Gegensätze ausgeglichen werden können, d. i. ob die zionistische Gesamtorganisation nicht gezwungen sein wird, für die eine oder andere Gruppe sich zu entscheiden, (Schluss folgt.) Mitteilungen des Wiener A.-C. In einigen in Russland erscheinenden Journalen und auch in einem Artikel der Wiener jüdischen Zeitschrift „Die Wahrheit", welcher eine Uebersetzung aus dem Warschauer „Hazophe" ist, wurde die Verwaltung der Kischenewer Waisenschule in Palästina kritisiert und Herr Ingenieur Ussischkin als Autor dieses Projektes verantwortlich gemacht, während aus einem Schreiben des Herrn U s s i s c h k i n an die Redaktion des „Hazophe" die Verantwortung des zionistischen Aktionskomitees für angeblich existierende Missstände gefolgert wird. Hierzu wird bemerkt: Die in der „Welt" für die Kischenewer ausgewiesenen Gelder wurden zur Verfügung des Aktionskomiteegeschickt unddieses hatinder „ Welt" erklärt dass es dieselben für die Kischenewer Waisen verwenden will. Eines Tages wurde es durch die Mitteilung überrascht, dass Herr Beikind im Auftrage eines Kischenewer Komitees mit einer Anzahl \on Waisen nach Palästina reise, und tatsächlich ist derselbe kurze Zeit darauf mit zirka 30 Waisenkindern in Wien eingelangt. Das Aktionskomitee wurde dadurch, ohne dass es früher befragt worden ist, vor ein Fait accompli gestellt und konnte nichts anderes als den Beschluss fassen, die für die Kischenewer Waisen gesammelten Gelder für die nach Palästina Uebersendeten zu verwenden, dies insbesondere im Hinblicke darauf, dass ein Teil dieser Gelder direkt mit der Bestimmung für die Erziehung von solchen Waisen in Palästina gespendet wurde. Es wurde sofort in Palästina selbst ein Komitee eingesetzt und mit der Aufsicht über die Erziehung und Verpflegung der Waisen betraut. Ferner hat das grosse Aktionskomitee den Beschluss gefasst, der aus anderen Mitteln zu entrichtenden Musterfarm das Waisen» haus anzugliedern. Für diese Errichtung der Farm wurden bereits die nötigen Anstalten getroffen und für die Leitung des Waisenhauses ein des Hebräischen mächtiger,akademisch gebildeter Schulmann aus Deutschland engagiert. Der Schulleiter ist beauftragt, die in den betreffenden Journalen angeführten Tatsachen auf ihre Wahrheit zu prüfen und hierüber dem Aktionskomitee Bericht zu erstatten. *) Auf den ersten Blick kann der Leser denken, als ob wir das jüdische Proletariat nur als Objekt und Bichtals Subjekt des Zionismus betrachteten, d, i, als ob wir der Meinung wären, die jüdische Arbeitermasse sei für den Zionismus da und nicht umgekehrt. Indem wir uns die Besprechung dieser Frage für ein anderesmal vorbehalten, Mochten wir hier bemerken, dass das national-jüdische Ideal nicht von unserem Proletariat, sondern von unserer Bourgeoisie formuliert ist.

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