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Die Welt · 1905-04-14 · 15 (14.4.1905) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 „bie & Weit11 Nr. 15 die schliesslich nichts mehr hervorgebracht hatte, als ein paar doktrinäre Verträge und auf Sand gebaute Projekte« Der zweite und vielleicht viel grössere Fehler war, dass man das komplizierte Leben auf eine einzige Lebenserscheinung zurückführen wollte: man vergass, dass ein Volk nicht bloss mit „Kultur" lebt. Auch jetzt predigt man uns von verschiedenen Seiten ein Gegenwartsprogramm, wobei man wieder in die alten Fehler verfällt. „Erziehung zur nationalen Gesinnung" ist ein Hauptpunkt im Programm des Herrn Dr. Zlocisti „Die Propaganda des nationalen Ideals als Kultus unter den Judenw schlägt uns Herr Greenb e r g vor. Ja aber, wie? Die ganze Frage besteht ja darin, wie man ein Volk, das in staatlicher, ökonomischer und in allgemein kultureller Hinsicht auf fremdem, d. i. nicht jüdisch-nationalem Boden steht, trotzdem national erziehen könne? Wo und worin soll man die reale Basis dieser nationalen Erziehung suchen und finden? Es ist ja klar, wie Herr Groenberg selbsf bemerkt, dass diese Basis wohl nicht die Religion sein kann. „Heute ist die Synagoge als eine solche Macht überall zu schwach und wird von Tag zu Tag schwächer. Sogar in Ländern, wo die Verfolgung noch herrscht, weicht die Synagoge der „Kultur", und der junge Jude des Ghetto... hat viel weniger Achtung vor rechtgläubigen Gebräuchen, als der junge Jude des Westens", schreibt unser englischer Gesinnungsgenosse. Nun muss man doch auch darüber klar werden, dass nationale Gesinnung nicht aus der Luft stammt und nicht einfach auf das Wollen oder das Fühlen allein zurückgeführt werden kann. Wohlverstanden: die tätige, aktive nationale Gesinnung, die das ganze Handeln beeinflusst, denn das passive nationale Fühlen ist eben sentimental, ein Produkt des Atavismus, aber auch unfähig allein, ohne vom Leben beeinflusst zu sein, positive Werte zu schaffen. Was hilft es uns, dass der Ghettojude seinem ganzen Fühlen nach Jude ist, aber unter dem Einflüsse des realen Lebens zu einem Propagator der Assimilation — allgemein bürgerlicher oder sozialistischer Form — wird? Der beste Wunsch, die gelungendste Predigt hilft da nicht. Nicht einmal Dekrete und mögen sie sogar von Herrn Ussischkin selbst stammen, der verlangt, dass die hebräische Sprache „die offizielle Sprache unserer Bewegung, unserer Führer und Arbeiter werden soll. Die Geister unseres Volkes sollen in ihrer Sprache, in ihrer Literatur zusammenkommen." Ja, aber wie macht man das? Stellen Sie sich, lieber Leser, einen zionistischen Kongress vor, wo nur diejenigen zu Worte kommen, die hebräisch sprechen, eine zionistische Literatur nur in hebräischer Sprache, eine zionistische Agitation, die nur hebräisch geführt wird — das alles nicht etwa in der fernen Zukunft, sondern jetzt, sofort, in den nächsten Jahren! Ein Dekret und nichts mehr, d. i. ein frommer Wunsch. Herr Ussischkin, der sonst alles sehr genau detailliert,' beschränkt sich bei der Besprechung der Frage über die „Hebung des Selbstbewusstseins im jüdischen Volke" auf die nichtssagende Phrase: „Ueber diesen Punkt braucht man nicht vieles zu sprechen". So viel wurde darüber gesprochen und geschrieben. Eben deshalb! Es wurde viel gesprochen und geschrieben, aber „der Formel den rechten Inhalt zu geben, ist sehr, sehr schwer", das muss man Herrn Feiwel wohl zugeben. Und wir fürchten, dass wir wieder in den Fehler der kleinen Gruppe derer verfallen werden, die „auf diese Seite zionistischer Tätigkeit besonderen Nachdruck legten", und die, wohl mit Recht, als „Kulturzionisten, als vergeistigte, unpolitische Menschen verschrien wurden", — nämlich in den Fehler aller Ideologen, die im Leben nur Ideen suchen und finden, für die das Materielle nur ein schwacher Abklatsch der in den Wolken schwebenden Ideen ist. Wer „nationale Gesinnung* sagt, muss nationales Leben verlangen. Das Leben aber ist mehr als eine Idee. Führt man unser ganzes Gegenwartsprogramm auf „Erziehung zur nationalen Gesinnung zurück", so bleiben wir beim alten: ein paar Vorträge, ein paar Broschüren, ein paar schöne Bücher und, im besten Falle Vereine, die hebräisch lernen wollen* Wir wollen damit nicht die Verdienste der Leute, die sich damit befassen, vermindern, aber man betrachte diese Dinge im entsprechenden Lichte und erhebe sie nicht bis zur Höhe eines alle Volksbedürfnisse umfassenden Programmes. Unsere Gegenwartsarbeit, soll sie fruchtbar sein und unsere Mittel zur Erreichung unseres Zieles stärken, muss von den Lebensbedingungen des jüdischen Volkes bestimmt sein. Da aber diese nicht überall gleich sind, da nicht bloss Unterschiede zwischen den allgemeinen Lebensverhältnissen der Juden verschiedener Staaten, sondern auch der verschiedenen Gruppen desselben Staates vorhanden sind, so ist es klar, dass wir nicht ein und dasselbe Programm der Gegenwartsarbeit für das ganze JudenvOik aufstellen können. Wir freuen uns in diesem Punkte mit Herrn Ussischkin in vollem Einverständnisse zu sein. „ Die Hebung des Selbstbewusstseins im jüdischen Volke" schreibt Herr Ussischkin in seinem Programm — „muss eine der Kardinalarbeiten nicht des Aktionskomitees, sondern aller Vereine, Federationen und Gruppen sein. Jedes Land, jede Gruppe, jede Federation, jeder Verein müssen nach den speziellen Ansichten, ihrer Weltanschauung und je nach den örtlichen Verhältnissen arbeiten, indtm sie alle einem Endziele zustreben — der Erziehung des Volkes/ Abgesehen von der ideologischen Formulierung des anzustrebenden Zieles glauben wir, dass diese Definition unseres Gegenwartsprogrammes die einzig richtige ist. In etwas poetischer Form verteidigt Herr Dr. Zlocisti denselben Standpunkt. Auch er verlangt1), „dass der Zionismus das jüdische Volkstum" und nicht eine Partei sein soll. „Das Volkstum ist wie eine Tonleiter. In ihr sind ungezählte Melodien möglich. Der Reichtum an Persönlichkeit ist Reichtum unseres Volkstums. Nur die Vielgestaltigkeitihrer Strebungen, ihrerLiebhabereien, ihrer Sehnsucht gibt ihm Weihe, Adel und Schönheit" und ♦ . realen Boden, möchten wir hinzufügen. Diesen Grundsatz der Vielgestaltigkeit des Lebens und Handelns haben eben unsere „Kulturzionisten" ausser acht gelassen, weil sie das Leben aus ihrem Gehirne heraus konstruieren wollen; deshalb wurden sie nicht bloss von Menschen verschrieen, sondern auch von der Wirklichkeit zermalmt, respektive zur Resultatlosigkeit aller ihrer Bestrebungen verdammt. Wir gelangen somit zur Aufstellung von drei Grundprinzipien, nach denen allein ein lebensfähiges Gegenwartsprogramm ausgearbeitet werden muss: 1. die Gegenwartsarbeit muss vielgestaltig und von den realen Bedürfnissen der verschiedenen Gruppen unseres Volkes bedingt sein, also kein einheitliches und allgemeingültiges Gegenwartsprogramm haben;2. deshalb kann dieses nicht vom Kongress aus bestimmt und formuliert werden, sondern gehört in die Kompetenz der verschiedenen Federationen und Landesorganisationen; ') Jüdische Rundschau Nr. 10, Seite 106.

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