Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 #lbie $ w^it11 Seite 11 dies nicht der Fall ist, haben wir keine Mittel, jemandem Ausgaben zu verbieten. Aber warnen müssen wir. KJar und deutlich müssen wir auf dem Kongress erklären, dass Uganda ein Selbstbetrug ist, dass wir gegen die Vergeudung unseres Volkseigentums zu Kolonisationsversuchen in irgend einem Lande protestieren, mit Ausnahme desjenigen Landes, welches nicht heute und nicht morgen, aber dafür für immer den heimatlosen Stamm Israel beherbergen wird. Aus Russland. Fast alle jüdischen Gemeinden in Russland haben tan Ministerkomitee in Form von Depeschen und Denkschriften, Petitionen etc. die Forderung der russischen Juden nach Gleichberechtigung unterbreitet und gleichzeitig die Wahrheit über die entsetzliche Lage unserer Volksgenossen im Zarenreiche enthüllt. Am eindrucksvollsten ist die von der „Nowosti" reproduzierte Kollektivdenkschrift, welche die 32 grossen Judengemeinden Russlands, die von Petersburg, Berdytschew, Bobruisk, Brest-Litcwsk, Beloltock, Wilna, Witebsk, Hömel, Grodno, Dwtnsk (Dünaburg), Jekaterinoslaw, Jelissawetgrad, Schitowir, Kasan, Kischenew, Kowno, Krementschug, Libau, Minsk, Mohilew am Dnjepr, Nikolajew, Orel, Pinsk, Plotzk, Poltawa, Riga, Simferopol, Smolensk, Tula, Tschernigow, Charkow und Cherson dem Ministerkomitee überreicht haben. Nach einer ausführlichen Schilderung der im Laufe der letzten 25 Jalire geschaffenen Beschränkungen gegen die Juden und der entsetzlichen Lage,, in welchier sie sich gegenwärtig befinden, schliesst diese Kollektivdemks-chrift mit folgenden Worten: „Alle Juden in Russland sind von dem einen Gedanken durchdrungen, dass dias grausame System der unendlichen Beschränkungen und Bedrückungen die Grundlage ihres Lebens untergräbt, dass man so weiter nicht leben kann. Durch das Ausgestandene und Erlel te völlig erschöpft, um ihr ferneres Geschick ernst bc sorgt, erwarten die Juden endlich ihre völlige Emanzipation, die endgültige Aufhebung aller Ausnahmsgesetze, um, frei und allen gleichgestellt, Hand in Hand mit den anderen Bürgern des grossen Landes für sein Wohl und Gedeihen arbeiten zu können." Auch die Petersburger „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Russland'1 hat in einer ausserordentlichen Sitzung eine analoge Resolution, gefasst und darin einstimmig erklärt, dass nur die völlige Gleichberechtigung der Juden ihre freie kulturelle Entwicklung verbürgen könne. Dass die Lage der Juden sich mit jedem Tage verschlechtert, braucht nicht erst betont zu werden. In den ,,Petersburgkija Wjedomosti1 veröffentlicht ein Christ aus Westrussland einen Brief aus dem Nordwestgebiete, in welchem die Situation unserer Stammesgenossen in erschreckenden Farben geschildert wird. Er schreibt unter anderem wörtlich: „Das Bild, welches das Dasein der Juden im Nordwestgebie.te bietet, ist erschreckend. Das ist Dantes Hölle auf realer Grundlage, und wer diie Leiden der in diese Hölle eingezwängten, nach Atem ringenden Menschen nicht gesehen hat, wird den ganzen Schrecken der Lage in seiner erschütternden Grausamkeit kaum begreifen können." Man würde sich aber sehr irren, wenn man glauben wollte, dass die antijüdische Stimmung in den Regierungskneisen und in der Gesellschaft unter dem Einflüsse der jüdischen Petitionen und der Schilderungen über die entsetzliche Lage unserer Volksgenossen an Schärfe eingebüsst hat. Nein, sie regt sich dennoch, diese judenfeindliche Stimmung, und findet täglich in den grausamsten Formen neuen Ausdruck. Die russischen Blätter enthalten täglich, Berichte von neuen Drangsalierungen und Erniedrigungen unserer Glaubensgenossen. In 'Moskau fand eine Versammlung der Rechtsanwälte statt, um eine Resolution über die künftige Einberufung von Volksvertretern» zu fassen. Aber kaum ward die Versammlung eröffnet, als der Advokat K o s 1 o w s k i eine lange Rede hielt, in welcher er forderte, dass die Volksvertretung nur aus Nationalrussien zusammengesetzt werden solle. Der bekannte antisemitische Advokat Schrnakow hielt eine Brandrede gegen die Juden und warnte die Versammlung vor der Wahl von Juden zu Deputierten. Die „Nowoje W rem ja" ist natürlich darüber entzückt, dass Moskau gegen die Juden Stellung genommen habe . . . Aber Moskau steht auf dem Gebiete der neuen Aufhetzung gegen die Juden nicht vereinzelt da. In Wilna werden, wie die Zeitschrift „Prawo" mitteilt, Proklamationen verbreitet, in welchen es unter anderem heisst: „Die Juden helfen im gegenwärtigen Kriege den Japanern und geben ihnen Geld, während das rote Kreuz von ihnen nichts erhält. Der Kaiser hat vertraulich gesagt: „Wenn wir uns von den Juden befreien könnten, würden wir das Land unter die Bauern verteilen.14 Die „Prawo" erzählt, dass derartige Proklamationen im ganzen Nordwestgebiete verbreitet werden . . . In Charkow erhalten, wie der „Charkowskij Listok" meldet, fast alle Juden Drohbriefe, in welchen gesagt wird. „Die Juden werden bald ausgerottet werden, weil sie das Volk aufwiegeln." Aber selbst in der administrativen Praxis den Juden gegenüber ist keine Aenderung eingetreten. Wie zuvor, werden die Juden auch jetzt als völlig rechtlos behandelt und drangsaliert. Der Jude Moschkowitsch, welcher auf der Durchreiste in Charkow erkrankte und dort übernachten musstc, wurde, wie der „Suschny Kraj" meldet, um Mitternacht zum Polizeianit gebracht und nach Aufnahme eines Protokolls mit dem Naehtzuge weiter befördert. In Moskau wurden, wie die „Petersburgskija Wjedomosti'1 melden, die unmündigen jüdischen Kinder, welche bei ihren Eltern, lebten, denen der Aufenthalt in der Kremlstadt gestattet wurde, ausgewiesen mit der Begründung, dass das Wohnrecht in Moskau bloss gewissen Juden, aber nicht ihren Kindern eingeräumt werde. Was Wunder al'so, dass unter den .]uden grosse Panik herrscht, dass. in einigen Städten bei Ausbruch von Unruhen die Juden zuerst angegriffen wurden. Im Yalta brachen am 27. März ernste Unruhen aus. Im Nu wurden, wie der „Syn Otetschestwa" meldet, alle jüdischen Geschäfte, 50 an der Zahl, demoliert und ausgeplündert. Einige Juden wurden auch misshandelt. Desgleichen geschah auch in Riga. Mau scheint die Unruhen immer so zu leiten, dass zuerst die Juden in Mitleidenschaft gezogen werden. Und so erklärt es sich, dass die Auswanderung der Juden aus Russland einen fluchtartigen Charakter anzunehmen beginnt. Schon sind in Galatz die ersten jüdischen Auswanderer, tausend an der Zahl, eingetroffen, denen bald noch fünftauseaid folgen sollen. Wie man also sieht, vergessen die Peiniger der Juden in Russland selbst im Freihcitsduscl ihre jüdischen Opfer nicht. Einer Täuschung können sich also bloss Kurzsichtige oder Narren hingeben. Das Blutmärchen. Wir erhalten folgenden Berieht: Der grauenhafte Schwindel ist wieder da! Kein Ausspruch der Wissenschaft, kein Eid der Rs bbiner, keine Verfügung der katholischen Kirche selbst konnte den Schrecken Israels aus der Welt schaffen. Wies viel jüdisches Blut ist nicht schon geflossen, weil angeblich christliches gebraucht wurde! Wie ein Feuerruf injder Judengasse wirkt das Auftauchen des Märchens vom Ritual)»ord mit panischem Schrecken. Das ist nicht etwa unbegründete Furcht! Können wir doch auf viele Gräber und Lebende jüdische Blutzeugen des christlichen Blutmärchens jmit dem Finger zei gpn.