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Die Welt · 1905-04-07 · 14 (7.4.1905) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 14 „bit W^ltf Seite 9 fortige Heilung. Eine radikale Genesung ist nur in Palästina möglich — darin stimmt auch Mr. Greenberg mit uns überein; aber Pflaster auf die krankhaften Stellen — müssen sofort gelegt werden, sonst werden wir nicht imstande sein, bis nach Palästina zu gehen. Darin hat Mr. Greenberg Recht. Es fragt sich nur, welches Mittel für diese „Hebung" zu wählen wäre. Wir weisen auf die Arbeit an Ort und Stelle hin. Herr Greenberg empfiehlt Uganda, Im zionistischem Jargon nennt man dies „Gegenwartsarbeit"; eine nicht besonders gelungene Benennung, aber der Kürze halber nehmen wir sie an und versuchen wir die Frage zu lösen, ob Uganda zur „Arbeit für den gegebenen Augenblick" geeignet ist. Wenn man uns sagt, dass für die jüdischen Massen, so schnell als möglich ein eigenes Teritorium nötig ist, so bezieht man sich hauptsächlich auf unsere Emigranten, deren Zahl drohend wächst. Man will vor den Emigranten die Türen der zivilisierten Länder schliessen, sie können deshalb auf Palästina nicht warten, und retten kann dieselben nur eine eilige Hilfe in Form eines eigenen Territorimus. Mit anderen Worten, man muss die Massen, welche jetzt emigrieren müssen, auf diesem Territorium ansiedeln. Und gleich ist man mit der alten Erwiderung zur Stelle: nach einem leeren Territorium kann man künstlich einige tausend Seelen hinüber schaffen, aber eine grosse und natürliche Besiedelung ist unter den jetzigen ökonomischen Bedingungen nur dann möglich, wenn in dem Immigrationslande eine gewisse Nachfrage nach Arbeitskraft besteht, d.h. wenn das Land eine gewisse industrielle Entwicklung erlangt. Und deshalb versteht man heutzutage unter zweckmässiger Kolonisation nur eins: im Lande die Industrie heben, welche Emigranten anlocken kann. Das aber erfordert viel Zeit und je unkultivirter das Land ist, desto mehr. Für die erste Zeit kann von Massen überhaupt gar keine Rede sein : im Laufe von vielen Jahren werden viele Anstrengungen und Opfer von einzelnen Personen erforderlich sein, während die wirkliche Masse nWanderung erst dann beginnen wird, wenn die Industrialisierung des Landes eine gewisse hohe Stufe erreicht haben wird. Dieses ist schon oft wiederholt worden, und die Ugandisten haben es nicht bestritten. Im Gegenteile, schreiben sogar die Odessaer Ugandisten in ihrem letzten Zirkular folgendes: „Wir wissen sehr gut, dass nach Empfang des Charters das Land zur Aufnahme der ersten Uebersiedler erst vorbereitet werden muss, wir wissen, dass mit einem Male eine Masseneinwanderung undenkbar ist, dass es viel Zeit und Mühe kosten wird, aber wir wissen auch, dass wir für die verlorenen 1—2 Jahrzente ein musterhaftes jüdisches Gemeinwesen erlangen werden ..." Die Rede ist also nicht von der Arbeit des „gegenwärtigen Augenblickes", sondern von i bis 2 Jahrzehnten, wobei die Rechnung eine sehr bescheidene ist. Unsere Emigrationszahl ist 100.000 pro Jahr; in 20 Jahren ist es ganz unmöglich aus einer absoluten Wüste — was doch Uganda ist — ein Heim zu schaffen, welches solche Massen aufnehmen und ernähren könnte. Es wäre in der Ordnung anstatt 1 bis 2 Jahrzehnten ein drittes und viertes Jahrzehnt dazu zu nehmen. Und als Resultat dieser „ Gegen wartstf- Arbeit rechnen die Ugandisten auf ein musterhaftes jüdisches Gemeinwesen. Und begnügen sie sich damit? Nein, durchaus nicht: nachher werden sie dennoch Palästina nötig haben, das heisst, auch dort wird ein jüdisches Gemeinwesen, ein wirkliches und endgültiges, geschaffen werden müssen. Aber in diesem Falle ist doch die Frage auf der Hand: weshalb denn nicht gleich diese selben Jahrzehnte auf die Vorbereitung des „Gemeinwesens* in Palästina verwenden? „Ja sehr einfach" — antworten die Ugandisten — „in Uganda ist es leichter und wir können nicht warten". Nichtsdestoweniger wird man dennoch, wie wir gesehen haben, „warten" müssen und sogar ganze Jahrzehnte. Und inwiefern es in Uganda „leichter" sein wird, darüber teilt uns Herr Greenberg interessante Daten mit, bei welchen es sich verlohnt etwas länger zu verweilen. Wenn wir fragen, womit sich denn eigentlich Uganda von Argentinien unterscheide und weshalb wir von Uganda etwas Grösseres erwarten müssen als von Argentinien, so antworten uns die Ugandisten: „In Uganda gibt man uns eine Autonomie". Bei dieser Antwort denkt man daran, dass der Unterschied, besonders für die erste Zeit, wohl kaum sehr gross ist. Argentinien ist ein konstitutionelles Land, das heisst die jüdischen Kolonien besitzen dort gleich allen anderen Gemeinden das Selbstverwaltungsrecht, persönliche Freiheit, Versammlungs-, Vereins- und Pressfreiheit, in welcher Sprache sie wollen, sie können dort streng nationale Schulen gründen, jüdische Theater errichten und überhaupt auf {bestmöglicher Weise ihre Eigenart entwickeln. Den Sabbat zu heiligen, welchem Umstände Mr. Greenberg eine besondere Bedeutung beilegt, verbietet ihnen auch dort niemand. Sie können bloss keine Kriege mit anderen Völkern führen, aber dieses wird man uns auch in Uganda nicht gestatten. Allerdings ist das bürgerliche und kriminelle Gesetzbuch Argentiniens nicht von uns ausgearbeitet worden. Aber diese Kodizes sind in allen liberalen Staaten mehr oder minder ähnlich und diese Aehnlichkeit vergrössert sich immer mehr aus dem einfachen Grunde, weil die Prinzipien der Gerechtigkeit überall dieselben sind und nicht auf diesem Gebiete muss sich ein Volk von dem anderen unterscheiden, sondern auf dem Gebiete der geistigen Schöpfung und der eigenartigen Entwicklung, und gerade dieses Gebiet ist in Argentinien durch nichts eingeschränkt. Und würden wir etwa in Uganda neue Konstitutionen und Kodizes schaffen? Nein, wir würden so handeln, wie alle Völker es .tun, wenn sie ein ganzes neues gesetzgeberisches System brauchen : man nimmt eine fremde Konstitution und fremde Kodizes und passt sie den eigenen Bedürfnissen an. Und im Resultate wäre der Unterschied zwischen den Gesetzen Ugandas und Argentiniens ein sehr unbedeutender, so dass wir es absolut nicht verstehen, weshalb Herr Greenberg ausruft: „Der mit den argentinischen Kolonien verbundene Plan schlug fehl, weil das Gefühl dabei nicht mitsprach; A u t o n o mi e wird in Ostafrika das sentimentale Element bilden!" Man muss danach annehmen, dass das „jüdische Gefühl" grosse Sehnsucht nach der selbständigen Umarbeitung der belgischen Konstitution und des Code Napoleon hat, denn nur in dieser Prozedur besteht ja der gewaltige Unterschied zwischen der Autonomie Ugandas und der Knechtschaft Argentiniens. Wahr ist es allerdings, dass die Autonomie einen ungeheuren Vorzug hat und ihn nützen die Ugandisten immer gegen uns Anhänger der realen Arbeit in Palästina aus. Sie sagen: „Schön, ihr werdet die Industrie im Lande entwickeln, aber welche Bürgschaft habt ihr dafür, dass dieselbe jüdische und nicht italienische und deutsche Arbeiter, welche ebenfalls emigrieren, heranziehen wird? In Palästina könnt ihr den Nichtjuden den Zutritt nicht verwehren. In Uganda dagegen werden wir eine Autonomie haben und wir können vor Konkurrenz ruhig sein! Aber Mr. Greenberg, der Vater des Ugandaprojektes, der alle seine Vor- und Nachteile kennt, erklärt kategorisch und mit Autorität, übrigens nicht seinen ugandistischen Gesinnungsgenossen, sondern der assimilatorischen „Ica", welche mehr als alles eben diese „Autonomie" fürchtet, dass dieses Schreckbild der Autonomie, aus dem man so viel Nutzen zu ziehen gesucht, in Wirklichkeit durchaus nicht so beunruhigend ist. Alles, was vorgeschlagen wird, ist, dass das Gebiet unter die Verwaltung von Juden gestellt

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