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Die Welt · 1905-04-07 · 14 (7.4.1905) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 14 „blt # Welt" Seite 7 Das ist es, was ich in den folgenden Ausführungen Ihnen glaubhaft machen zu können hoffe. Ehe ich jedoch zum Thema seihst übergehe, wird es notwendig sein, erst einige Grenzbestimmungen und Greuzberichtigungen vorzunehmen, die durch das seit dem VI. Kongresse herrschende einseitig leidenschaftliche Parteitreiben erforderten geworden sind. Erst in der letzten Woche habe ich mich überzeugen können, dass es in unseren Reihen wirklich eine durch ihre Zahl beachtenswerte Richtung gibt, die bereit ist, an Stelle Palästinas irgend ein anderes Territorium für die Lösung der Judenfrage ins Auge zu fassen. Ihr Ziel ist ein Judenstaat, gleichviel, in welchem Teile d(er Welt. Es muss mit aller Schärfe ausgesprochen werden, dass das kein Zionismus ist. Hier darf keine Besorgnis vor Spaltung zu Vertuschungen führen. Die Territorialisten wolilleru ohne Zweifel ebenso wie wir das beste, wie sie es verstehen, aber in dile zionistische Organisation gehören sie nicht hinein. Ob Ostafrika oder ein anderes Territorium: Wir kennen keinen Zionismus ohne Zion. Diese Rechtsverwahrung muss ich in dem Augenblick einlegen, da ich im Begriffe stehe, die Annahme des Angebotes der britischen Regierung zu empfehlen; und diese Rechtsverwahrung ist nicht überflüssig. Denn immer und immer wieder haben die Gegner des Planes seine Anhänger mit dem Landsuchern in einen Topf geworfen und sich nicht gescheut, uns als Palästinafeinde auszurufen. Das ist nicht der Weg zur Verständigung; denn wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück, und wenn man die Jasager als Feinde des jüdischen Landes stigmatisiert, so könnten diese leicht — ebenso einseitig — zu der Entgegnung kommen: Euch lässt die Not des Volkes gleichgültig, ihr seid, also Feinde des jüdischen Volkes. So könnte es leicht einmal geschehen, dass der künftige Geschichtsschreiber des Zionismus unserer Tage beim Studium de,s Materials zu dem Ergebnis gelangt: Die Zionisten am Anfange des 20. Jahrhunderts zerfielen in zwei Gruppen, erstens in die Gruppe der Landesfeinde, zweitens in die Gruppe der Volksfeinde. Also, das ist nicht der Weg zur Verständigung, sondern die ist nur möglich, wenn beide Teile sich bemühen, auch die Gedankengänge und Anschauungsweise der anderen unparteiisch zu erfassen, und wenn vor allem die einen darauf verzichten, a priori als die besseren Zionisten und als souveräne Richter über das, was wahrer Zionismus ist, gelten zu wollen. „Nur muss der Knorr den Knubben hübsch vertragen, nur darf e i n Gipfelchen sich nicht vermessen, dass es allein der Erde ist entsprossen." Nach diesen Vorbemerkungen wende ich mich nunmehr den Einwänden zu, die der Zulässigkeit des Projektes entgegengehaU ten werden. Die Einwände bewegen sich vornehmlich in drei Richtungen: 1. W e n n ihr wirklich nur eine W o h 11 ä t i g k e i t s a k t i o n in grossem M a s s s t a b e im Auge habt, so hat das mit Zionismus nichts zu tun und kann nicht Gegenstand zionistischer Tätigkeit sein, muss vielmehr den philanthropischen Gesellschaften überlassen werden. 2. Aber es ist von Autonomie die Rede, also ist doch wohl etwas wie ein J u d e n s t a a t gedacht. 3. Wie dem aber auch sein möge, jedenfalls werden die dabei tätigen Kräfte dem Zionismus und der Palästinaarbeit entzogen. Ausser acht gelassen ist dabei der Einwurf, dass das Land zur Besiedelung durch Weisse nicht geeignet sei; denn selbstverständlich gelten auch meine Ausführungen nur unter der Voraussetzung eines günstigen Ergebnisses der Expedition. Allerdings darf man nicht immer wieder das angebotene Landstück mit Uganda verwechseln, denn dieses im Norden des Viktoria-Nyanza liegende Land ist ein Fieberaest mit tropischem Klima, während das in Frage kommende, östlich vom Viktoria-Nyanza liegende Gebiet nach zahlreichen Berichten zuverlässiger Reisender, wie Speeke, Grant, Livingstone, Baker, Stanley, Emin Pascha, Thompson, Johnston, Fischer und anderer, infolge seiner etwa der des Engadiu entsprechenden Höhenlage auch ein für Europäer durchaus geeignetes Klima besitzt. Doch warten wir die Rückkehr der Expedition ab. „Das ist kein Zionismus und kann daher nicht Gegenstand zionistischer Tätigkeit sein, muss vielmehr den philanthropischen Gesellschaften überlassen werden.'4 Zugegeben! Der zu erlangende Charter soll und muss in einem bestimmten Stadium der Angelegenheit den Hilfsgesellschaften und der jüdischen Hochfinanz übertragen werden. Aber nicht bedingungslos, wie man sich einer lästigen Verpflichtung möglichst schnell entledigt, aber nicht, ohne uns vorher dagegen zu sichern, dass die uns anvertraute Hilfe für das Volk etwa nach berühmten Mustern zu unbedeutendem Spielzeug oder gar zum Spekula tionsobjekt herabgedrückt wird. Wir wollen den Plan nicht selbst zur Durchführung bringen, aber unsere Aktivlegitimatioii und zugleich unsere Verpflichtung, ihm so weit das Geleite zu geben, bis wir ihn in guten Händen wissen, liegt in dier Tatsache, dass uns das Anerbieten nicht als einer privaten Organisation, sondern als der allein anerkannten Vertretung des jüdischen Volkes gemacht worden ist. Nicht mit den Verwaltern einer privaten Erbschaftsmasse, und betrüge sie auch 270 Millionen, nicht mit einem englischen oder internationalen Hilfsverein ist die britische Regierung in Verhandlungen eingetreten, sondern unsere Organisation alllein ist damit zur Vertretung des ganzen jüdischen Volkes von der Regierung des britischen Weltreiches legitimiert worden. Diese öffentlich-rechtliche Ei n Schätzung unserer Organisation würden wir uns mit Recht für die Zukunft verscherzen, wenn wir unsere Sorge dem geplanten Hilfsunternehmen nicht so weit widmen würden, als es nötig ist, um einer Versandung vorzubeugen und Garantien für eine grosszügige, der Grösse der Sache würdige Behandlung zu erlangen. Wir würden uns dem Vorwurf einer kindlichen Unreife aussetzen, wenn wir unter der Herrschaft öder Prinzipienreiterei die Binsenwahrheit ausser acht Hessen, dass man auch auf Umwegen sein Ziel fördern kann. Unter den Menzelerinnerungen, mit denen in diesen Tagen die Zeitungen gefühlt waren, habe ich eine gefunden, die ich gewissen jüngeren, Zionisten nicht vorenthalten möchte. Ein jüngerer Leipziger Künstler hatte sich brieflich an den Meister mit der Klage gewandt, dass er als Lithograph um des lieben Brotes willen vielfach so süsses Zeug machen müsse, welches das freie Kunstschaffen störe. Menzel erwiderte, dass jede unverdrossene Leistung früher oder später sich als förderlich erweisen werde, und schrieb weiter: „Aber noch etwas macht Ihnen zu schaffen .... das keinem, der nicht gerade in Coupons einballiert zur Welt kam, erspart wird. Das Ding hat viele, überall andere Namen. Bei Ihnen heisst's also ,,süsses Zeug", im Leben heisst das bittere Kraut „Muss", auch „friss Vogel oder stirb'4 . . . Man wxiss von Leuten, und zwar die heute ziemlich was gelten, an die in ihren hilflosen. Jugendtagen noch andere Ansinnen gestellt wurden. Und musstc a11e s a1s G e1e g e n h e i t z u m U eb e n,z u m L e r n e n mitbenutzt werden. Es ist da kein anderer Weg, als der da heisst: sich aus allem eine künstlerische Aufgabe machen; sofort hält man nichts mehr für seiner unwürdig, auch süsses Zeug wird interessant, lehrreich, sogar schwer. Das Leben hat für verneinende G e s i n n un g s - tüchtigkeit der Jugend wenig ü b r i g." Eine Gelegenheit zum Lernen kann auch uns die Besiedelung des ostafrikanischen Territoriums werden, zum Lernen für unser Hauptziel, unsere eigentliche Aufgabe, nachdem da« Leben uns einmal diese scheinbar fremde Arbeit in den Weg gelegt hat. In der Tat: „Friss Vogel oder stirb", denn die Regierungen würden für Jahrzehnte aufhören, den Zionismus ernst zu nehmen, wenn bei der uns bevorstehenden Entscheidung jener Radikalismus das Feld behauptete, den

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